Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst

Stefan Gärtner hat das neue Gefängnis bereits getestet

Von Stefan Gärtner

Zürich kriegt ein neues Gefängnis, und damit der Kanton erfährt, ob es gelungen ist, sollen im März 2022 Freiwillige die Untersuchungshaft simulieren. Auf die Leibesvisitation wird verzichtet, aber sonst ist alles echt: keine persönlichen Besitztümer wie Telefon und Bücher, eine Zelle mit Fremden. Siebzig Prozent der Plätze sind bereits vergeben, und durch einen Knick im Raum-Zeit-Kontinuum kenne ich schon jetzt mein minutiös geführtes Knasttagebuch vom Frühjahr nächsten Jahres!

15.  März, 9  Uhr. Haftantritt. Kritisch beäugt mich der Justizvollzugsangestellte Eiermann (Name nicht geändert). Er kennt seine Pappenheimer, merkt sofort, wer hier nicht hingehört. Keine Tätowierungen, die Hose hängt nicht in den Kniekehlen – will ich den Test etwa sabotieren? Jedenfalls muss ich tatsächlich alles abgeben, Handy, Hausschlüssel und den zwölfbändigen Reprint der «Fackel», den ich «zufällig» dabeihatte, als sie mich «schnappten». Bin schliesslich nicht irgendein ordinärer Bankräuber, sondern ein Intellektueller, also quasi politischer Gefangener (R. Luxemburg oder Gramsci).

9.30  Uhr. Wir beziehen unsere Zellen: schlicht, aber geschmackvoll, so wie die Schriftart Helvetica. Das Stäbchenparkett gefällt mir sehr, werde Herrn Eiermann später gleich nach der Bezugsquelle fragen. Mit mir auf der Zelle ist Achim, 29, kaufmännischer Angestellter in der Damenoberbekleidungsbranche. Seine Tattoos quellen unter der Hemdmanschette hervor. Er wirft sich sofort aufs Bett am Fenster, ohne mich zu fragen – ein harter Hund. Ich werde mich vorsehen müssen.

9.34  Uhr. Liege auf meiner Pritsche, die Gedanken rasen: die grau verputzten Wände, wär das auch was für zu Hause? Nach meiner – Entlassung? So ist der Mensch, denke ich: Noch in den verzweifeltsten Situationen klammert er sich an seine Zukunft, eine Zukunft, von der er gar nicht weiss, ob er sie hat … Und apropos «sie»: Ob sie auf mich wartet? Oder ist das, bei den heutigen Aufmerksamkeitsspannen, zu viel verlangt?

9.55  Uhr. Achim macht sich am Toilettenspülkasten zu schaffen, und als er merkt, dass ich es merke, macht er zum ersten Mal den Mund auf: Was es da zu glotzen gebe, Gefängnis ohne Drogen, das sei ja wohl Quatsch. Ob ich was abhaben wolle? Ich verneine, will mich nicht anfixen lassen. Achim, eine halbe Portion mit beginnendem Haarausfall, hält mir die Faust unter die Nase. Ich gehorche. Die Vitamintabletten schmecken nicht schlecht.

10.01 Uhr. Das weiss man: Die erste Nacht im Knast ist die schlimmste. Das Blöde ist, es ist noch nicht einmal Mittag! Achim ist nach der zweiten Tablette aufgetaut, er baut sich vor mir auf und lässt die Cargohose herunter. Jetzt ist guter Rat teuer. «Das Pony meiner Tochter», sagt er und zeigt auf den dilettantisch gestochenen Pferdekopf auf seinem Oberschenkel.

11.30  Uhr. Mittagessen: Zürcher Geschnetzeltes, Rösti, ein kunterbunter Salat, dem ein besserer Balsamico guttun würde. Achim versteckt ein Glas Apfelmost hinterm Bett, den er vergären lassen will. Ja, ein harter Hund, ich hab das gleich gespannt; es ist gut, solche Leute im Knast zu kennen.

12.15  Uhr. Hofgang. Achim verzieht sich in eine Ecke und vertickt ein paar Vitaminpillen. Über mir ein Fetzen Himmel und Wolken, die mir ihre Freiheit spöttisch vorführen … Für alles, denke ich, gibts die Quittung. Ich hab ihn allegemacht, das muss ich mir eingestehen, in einem Moment brutaler Rücksichtslosigkeit; aber gibts zum Abendbrot nicht neuen Apfelmost?

13.20  Uhr. Ich muss hier raus, denke ich, versuche, Achim für einen Fluchtplan zu gewinnen: Wir kratzen uns mit Löffeln durch die Wand in den Luftschacht, dann übers Meer in die Freiheit. Achim schüttelt bitter den Kopf: Er hat sich umgehört, es gibt gar kein Meer. Und keine Freiheit.

Ach …!

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe. Sein Buch «Terrorsprache» ist im WOZ-Shop erhältlich unter www.woz.ch/shop/buecher.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch