Nr. 31/2021 vom 05.08.2021

Matrix oder wahr?

Annette Hug freut sich über eine olympische Goldmedaille

Von Annette Hug

Emelita Diaz spricht vor Mikrofonen weder Englisch noch die Landessprache Filipino. Die Mutter der Gewichtheberin Hidilyn Diaz beschreibt, wie sie auf den Sieg ihrer Tochter in Tokio reagiert habe: «Saltando, pero llurando na alegria.» In der Sprache der Hafenstadt Zamboanga hat sich ein mittelalterliches Spanisch mit austronesischen Ordnungswörtern verbunden. Spanische Soldaten haben ihren Wortschatz hinterlassen und den Namen der Sprache, Chavacano, was weit weg im europäischen Spanisch «vulgär» bedeutet. Emelita Diaz sagt, sie sei gehüpft, aber vor Freude weinend.

Es ist das allererste Mal in der Geschichte, dass eine olympische Goldmedaille an die Philippinen geht. Hidilyn Diaz versetzt ein ganzes Land in Euphorie. Sie dankt Mama Mary und allen, die an neun aufeinanderfolgenden Tagen für sie gebetet haben, eine Novene der Magischen Medaille. Als Angehörige der philippinischen Luftwaffe salutiert sie auf dem Podest, singt unter der Maske weinend die Landeshymne mit. Patriotismus und Frömmigkeit können allerdings nicht verhindern, dass sich die Mutter in Zamboanga nicht nur freut, dass ihre Tochter unerwartet 127 Kilogramm gestemmt hat. Wer bekannt ist, dessen Name kann irgendwo auftauchen, sagt sie der Onlineplattform Rappler. Sie spricht aus Erfahrung. Schon dreimal haben Pressesprecher der Regierung Rodrigo Dutertes die Entdeckung einer angeblichen Verschwörung bekannt gegeben. 2018 war es ein «Roter Oktober», der sich an Universitäten gebildet haben soll, 2019 kamen Medienschaffende und Menschenrechtsgruppen ins Visier. Auch ihnen wurde vorgeworfen, ein Komplott zum Sturz des Präsidenten Rodrigo Duterte geschmiedet zu haben. Ein Sprecher präsentierte Fotos, Namen und Linien. Eine Art Mindmap, auf der unklar blieb, was die Linien bedeuteten, Hauptsache, sie verdichteten sich stellenweise zu Knäueln. Als eher exotische Beigabe fand sich darin auch der Name der Gewichtheberin Hidilyn Diaz, sekundiert von Gretchen Ho, einer bekannten Lifestyle- und Sportreporterin.

Dass das Schema als «Matrix» bekannt wurde, trug wohl dazu bei, dass sich eine ungelenke Bastelarbeit im Hirn von Duterte-AnhängerInnen mit dem Kampf um das wahre Leben verbinden konnte, mit Neo und Morpheus aus dem gleichnamigen Film, das heisst mit der Frage: Welche Pille wählst du? Was in einem Land, in dem die Polizei ein Klima der Straffreiheit geschaffen hat, heissen muss: Bist du am Drücker oder schon Zielscheibe? Erschossen werden weiterhin Leute, die im Verdacht stehen, Drogen zu handeln. Zunehmend auch AktivistInnen.

Emelita Diaz fürchtet seit jener Pressekonferenz 2019 um das Leben ihrer Familie. Auch wenn niemand je einen Beweis für einen geplanten Umsturz präsentieren konnte und die «Matrix» bald von weiteren grotesken Neuigkeiten überschattet wurde: Die Vollstrecker der offiziell dahingemurmelten Anschuldigungen sind selten uniformierte Polizisten, da kann sich irgendjemand von Morpheus persönlich berufen fühlen, maskiert auf einem Motorrad vorzufahren und abzudrücken. Allerdings hat jetzt auch Präsident Duterte salutiert und der jungen Sportlerin seine Ehre erwiesen. Nicht ohne sie väterlich zu ermahnen, das Vergangene vergangen sein zu lassen. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. «Durmi ya yo. Cansao ya yo», sagt die Mutter Emelita Diaz: «Ich gehe schlafen. Ich bin müde.»

Annette Hug ist Autorin im jurassischen Regen.

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