Nr. 32/2021 vom 12.08.2021

Tanzen, bis alle nackt sind

Von Daniel Kissling

Vor fünf Jahren fragte mich Valentin Baumgartner, ob er mit einer seiner Bands und FreundInnen ein zwölfstündiges Nonstopkonzert bei uns im «Coq d’Or» in Olten spielen dürfe. Ich sagte sofort zu, weil ich die Idee lustig fand. Was dahintersteckte, erfuhr ich erst später: Valentin wollte «die in unserer Kultur oft fehlende Bereitschaft zur Ekstase zur Geltung bringen» und in der absurden Überlänge «Musik von der Wirtschaft loskoppeln».

Zehn Jahre lang zog der Zürcher Musiker, Komponist und Künstler mit Gitarre und Verstärker auf einem Sackkarren durch die Clubs und musikalischen Genres. Am 16. Juli ist Valentin im Alter von dreissig Jahren auf einer Wanderung tödlich verunglückt. Dass er nicht mehr da ist, schmerzt mich, wie alle, die ihn als herzensguten Freund gekannt haben. Die Schweizer Musikszene hat einen ihrer umtriebigsten Protagonisten verloren.

Valentin verfolgte weder Dreijahresplan noch Streamingstrategie. Er spielte nach seinem Jazzstudium in Luzern einfach drauflos. Und tanzte deshalb auf vielen Hochzeiten (bei finanziellen Engpässen auch wortwörtlich): Swing, Noise, Gipsy-Jazz, Hardcore, Impro und Theatermusik. Er machte in mindestens zwölf verschiedenen Formationen mit. An manchen Samstagen spielte er drei Konzerte auf drei verschiedenen Bühnen.

Das Überbordende und Irrwitzige war Valentin ernst. Seine Hauptband Extrafish kategorisierte er als «Dada Dub»: absurder Sound, absurde Texte für eine absurde Welt. Gepaart mit dem Willen, diese Welt zum Tanzen zu bringen – gerne auch mal eingewickelt in Alufolie und mit Fischmaske auf dem Kopf –, Zitat Valentin: «Blub.» «We’re Gonna Dance till Everyone Is Naked and Fallen Apart» bringt es ein Songtitel seiner Noisecoreband In Love Your Mother, die auch vor fünf Nasen die Konfettikanone zündete, auf den Punkt.

Valentin Baumgartner verstand die Musik als Flucht- und Gegenpol zu einer Welt, in der alles auf Funktion und Profit ausgerichtet ist. Er wird fehlen.

Daniel Kissling war von 2013 bis 2021 Geschäftsführer des Kulturlokals Coq d’Or in Olten.

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