Nr. 32/2021 vom 12.08.2021

Der Einschaltgarant

Ruedi Widmer zur Freiheit, zum Land und zur Stadt

Von Ruedi Widmer

Die Leute, die Ihnen die Tür nicht aufhalten, sind Freunde der Verfassung. Die Leute, die sich vordrängeln, sind Freunde der Verfassung.

So zumindest mein Eindruck nach dem «Club» im SRF zu den Coronamassnahmen. Es waren drei CoronaskeptikerInnen eingeladen: eine Primarlehrerin, ein Journalist und ein Freund der Verfassung. Auf der «Gegenseite» ein kantonaler Gesundheitsdirektor und ein Wissenschaftler. Was fehlte, war eine Durchschnittsbürgerin, die die Massnahmen mit Schulterzucken hinnimmt, im Wissen um die Gesundheit der Leute. Es entstand mit dieser Besetzung der Eindruck eines Kampfs des «Volks» gegen eine «Obrigkeit» und «Elite». Das ist das Schweizer Fernsehen, in seinem mittlerweile fast etwas zwangsgebührengestörten Bemühen, politisch ausgeglichen zu sein.

Einen «Herr und Frau Müller»-Moment fürs Publikum daheim hatte der Sprecher der Freunde der Verfassung, Michael Bubendorf, mit seiner Aussage, selbst wenn achtzig Prozent der Schweizerinnen und Schweizer an Covid sterben würden, wäre er nicht bereit, irgendwelche Massnahmen zu befolgen und seine Freiheit einzuschränken.

Man weiss aus der Statistik und von der Covid-Gesetz-Abstimmung her, dass die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer hinter den Massnahmen steht. Trotzdem liest man in den Medien wenig von Menschen wie mir, die geimpft sind, die Masken auch mühsam finden, sie dauernd verlegen, lieber an Partys gingen oder verreisten, aber eben noch andere Menschen kennen, denen es wegen Covid überhaupt nicht gut geht. Menschen mit der Ansicht wie ich sind halt langweilig, keine Freaks, keine «Only me»-Typen, die der Mehrheit die Zornesröte ins Gesicht treiben. Sie sind keine EinschaltgarantInnen.

Ein Einschaltgarant, aber eben auch Abschaltgarant war Herr Bubendorf («Ich kann aus Gewissensgründen keine Maske tragen»), der eine eher kleinliche Vorstellung von Freiheit hat. Die Freiheit besteht nicht darin, zu stämpfelen, wenn für mich mal kein Fleisch, sondern Fisch auf den Tisch kommt, sondern die Freiheit ist nur garantiert, wenn die Mitmenschen ebenso frei sind wie man selbst. Wer nicht erst wegen oder mit der Pandemie kritisch zu denken begonnen hat, müsste schon mal darauf gekommen sein.

Nur, so was darf man heute kaum noch sagen, ohne dass man wegen Einschränkung der Meinungsfreiheit angeklagt wird. Ich fühlte mich elend, dieser Jammerei zuzuhören, diesen verschwommenen, aber wutgeladen vorgetragenen Forderungen nach etwas Ungefährem, Unkonkretem, nach eher einem Gefühl, vielleicht nach Zuneigung, auf jeden Fall nach etwas, was eigentlich mehr mit diesen individuellen Menschen als mit dem Staat, der Verfassung, uns allen zu tun hat. Ich hätte geradezu Lust, an einer Grossdemonstration für die Massnahmen, für die Freiheit (und Gesundheit) und «fürs Läbe» dieser achtzig Prozent toten SchweizerInnen aufzumarschieren. Ich bin in dieser Hinsicht also von den Freunden der Verfassung nicht allzu weit entfernt. Es reicht mir langsam auch.

Noch was: Die SVP hat die Städterinnen und Städter zu ihrem neuen Feindbild ernannt. Parteipräsident Chiesa aus dem abgelegenen Tessinerdörfchen Lugano (zuhinterst im Maggiatal) und der Banker Matter, der in einem Stall im kleinen Flecken Zürich irgendwo im Hintergeldklau seinen Bankgeschäften nachgeht. Man denke auch an die Blochers, die im Millionärchenwald auf dem Herrliberg hausen, wo der Reibach malerisch durch die Ankerblumenfelder und die Hodlerbeeren plätschert. Ebenso Landei Köppel, wohnhaft am Förrlibuck im menschenleeren Züri West, wo er seine Tiraden mithilfe von viel chemischen Düngemitteln anbaut. PS: Wir StädterInnen werden weniger Probleme mit Waldbränden haben als die LändlerInnen. Aber wir werden die Feuerwehren stellen.

Ruedi Widmer ist Cartoonist bei den Freunden der Verdauung und kocht nachher ein Pilzgericht.

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