Nr. 34/2021 vom 26.08.2021

Wer den heiligen Kreislauf stört

Colson Whiteheads «Harlem Shuffle» ist ein Ganovenroman – und geht doch weit darüber hinaus.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Der New Yorker Stadtteil Harlem ist eigentlicher Protagonist von Colson Whiteheads neuem Roman: Protestkundgebung vor dem Hotel Theresa im Jahr 1963. Foto: Gamma, Getty

«Was krumme Dinger anging, war Carney eher ein kleines Licht …» Gleich zu Beginn seines neuen Romans «Harlem Shuffle» schlägt der zweifache Pulitzerpreisträger Colson Whitehead neue Töne an, sprachlich wie thematisch. Auf gewaltsame Unterdrückung und Misshandlung im System der Sklaverei («Underground Railroad», 2016) und in einer Erziehungsanstalt für Jugendliche («Nickel Boys», 2019) folgt jetzt eine Art Blaxploitation avant la lettre: Jeder in dieser männlich geprägten Ghettowelt ist irgendwie ein Hustler mit cooler Attitüde, vom Kleinganoven über den Schwarzen Banker bis zum weissen Polizisten. Und mittendrin: Ray Carney, Möbelhändler und Familienvater auf der einen, «Makler» heisser Ware auf der anderen Seite, aufstrebend in allen Belangen.

Wenn ihn bloss sein Cousin nicht immer wieder in die Scheisse reiten würde: «Freddies gesunder Menschenverstand rutschte ihm sehr leicht durch ein Loch in der Hose.» Carney hingegen durchschaut die Gesetze der hoch volatilen Schwarzen Ghettogemeinschaft und macht sie sich, wenn auch anfangs noch widerwillig, zunutze: «Wenn man an den heiligen Kreislauf der Umschläge glaubte, dann ergab sich alles, was passierte, daraus, dass jemand einen Umschlag annahm und seinen Job nicht machte.» Das treibt den Plot voran, der um einiges verwinkelter ist als Harlems schachbrettartige Strassenzüge und sich über drei Teile entwickelt, die zwischen 1959 und 1964 spielen.

Ethnografischer Blick

Colson Whitehead zeichnet seine Figuren mit lakonisch-präzisen Pinselstrichen. Da ist Pepper, der die Südstaaten längst hinter sich gelassen hat, aber immer noch in Latzhosen rumläuft. Oder Miami Joe, «der Canadian Club trank und an den Ringen an seinen kleinen Fingern drehte, während er im dunklen Gestein seiner Gedanken schürfte». Ethnografisch ist auch der Blick, mit dem Whitehead Strassenszenen einfängt: Kinder, die durch den Wasserstrahl von Hydranten rennen, Männer in Unterhemden, die auf den Stufen der Häusereingänge Bier trinken und quatschen. «Alles, um die Rückkehr in brütend heisse Zimmer hinauszuzögern, zu den kaputten Spülbecken und verklebten Fliegenfängern, dem ganzen Kram, der einen daran erinnerte, wo man hingehörte.»

Unterschwellig ist Rassismus immer ein Thema. Genauso wie die Klassenfrage. Etwa, wenn Carney seiner Tochter Brei löffelt und darüber sinniert, ob seine Schwiegermutter, die aus Harlems hellhäutiger Oberschicht stammt und sich für ihre Tochter eine bessere Partie als «den Teppichhändler» gewünscht hätte, noch immer zurückzuckt, wenn sie die dunkle Haut ihrer Enkelin sieht. An die Oberfläche dringt Rassismus schliesslich mit den Ghettounruhen im Sommer 1964 – den ersten in einer Serie von urbanen Schwarzen Aufständen, die bis Ende des Jahrzehnts jede grössere Stadt der USA heimsuchen sollten, stets ausgelöst durch Polizeigewalt. Im Fall von Harlem erschoss ein weisser Polizist einen unbewaffneten Fünfzehnjährigen.

Carney harrt vier Nächte mit einem Baseballschläger in seinem Geschäft aus. «Man kann kein Sofa auf dem Rücken tragen, aber man kann eine mit Benzin gefüllte Flasche durch eine Schaufensterscheibe werfen.» Die Anleitung dazu hat ihm eine junge Frau irgendwann auf einem Flugblatt zugesteckt.

Wunder Untergrund

Spätestens an diesem Punkt im Roman wird deutlich, wie lustvoll Colson Whitehead recherchiert hat, um auch solch kleine historische Trouvaillen ganz nonchalant in seine Erzählung einfliessen zu lassen. Unauffällig mausert sich der New Yorker Stadtteil Harlem so zum eigentlichen Protagonisten des Romans. Es sind nicht allein die Strassenzüge und Häuserblocks oder weit über Harlem hinaus berühmte Orte wie das Hotel Theresa, die Whitehead historisch auf‌leben lässt, indem er sie mit seinen fiktionalen Figuren und Handlungen füllt. Wie schon in «Underground Railroad» gelingt ihm erneut das Kunststück, zum Leben zu erwecken, was nur auf immateriellen Karten in den Köpfen der Menschen verzeichnet ist.

Coiffeurläden, Restaurants und Waschsalons werden über eine Hintertür plötzlich zum Tor in den «Underground», wo Umschläge und Informationen ausgetauscht werden. «Orte, die Carney nie zuvor gesehen hatte, plötzlich sichtbar geworden wie Höhlen, die bei Ebbe freiliegen und sich ins Unergründliche verzweigen … Ihre Türen waren Eingänge in andere Städte – nein, verschiedene Eingänge in eine einzige, riesige, geheime Stadt. Stets nahe, angrenzend an alles, was man kannte, bloss unter der Oberfläche. Wenn man wusste, wo man hinschauen musste.»

Manchmal liegen diese Orte auch im Feindesland der Mächtigen, Downtown Manhattan, wo wenig später das Viertel der «Radio Row», in die Carney seine Hehlerware trug, dem Erdboden gleichgemacht wird. Was ihm angesichts dieser «Wunde schlechthin» einfällt, lässt bis heute erschaudern: «Wenn man die Wut, die Hoffnung und den Zorn sämtlicher Menschen von Harlem in eine Flasche füllte und eine Bombe daraus machte, sähe das Ergebnis etwa so aus.» Es ist die Stelle, an der das künftige World Trade Center errichtet wird.

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