Nr. 34/2021 vom 26.08.2021

«Ein Russe. Oha. Schon tot. Hm.»

Zu Besuch bei der Übersetzerin Rosemarie Tietze, die Gaito Gasdanows Literatur im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht hat.

Von Lennart Laberenz

Rosemarie Tietze

Gleich wird es schwarzen Tee geben, helle Kekse, aber erst: Bedingungen. Rosemarie Tietze lacht ein wenig, es ist ihr wichtig, sie hebt die Arme zur Decke, wendet ihre Handflächen: «Schreiben Sie bitte nichts über diese Wohnung!» Einmal sei eine Reporterin vorbeigekommen, fabulierte hinterher von einer Bücherhöhle unter dem Dach. Seit vierzig Jahren lebt Tietze hier, nur deshalb kann sie sich die Miete in diesem Teil Münchens noch leisten. Ihr Lachen ist verschwunden, Empörung in der Stimme, «Bücherhöhle», das mochte Rosemarie Tietze, geboren 1944 in Oberkirch, Baden, gar nicht. Scharfes Ausatmen.

Dann bringt sie Tee, eine Tasse aus Russland. Logische erste Frage, bevor wir zum Besuchsgrund, zu Gaito Gasdanows wunderbarem Erzählband «Schwarze Schwäne», kommen: Von Oberkirch, Baden, schaute man nach Kriegsende gen Westen, nach Frankreich. Ein weiter Weg, denkt man, zur russischen Sprache und Literatur, zum Studium der Slawistik. Wie kam das zusammen? Kurzes Nachdenken, dann sagt Rosemarie Tietze, dass sie das lange selbst nicht verstanden habe. Aber doch: Von klein auf wollte sie Russisch lernen. Als sie die Sprache längst beherrschte, setzte sie Dinge zusammen: «Ich bin im November 1944 geboren, im Januar 1945 kam die letzte Nachricht von meinem Vater, der war Soldat und vermisst. Ist noch immer vermisst.» Im Dialekt in der Familie hiess es, «der isch in Russland bliebe». Vielleicht war schon damit Russland als Thema gesetzt.

«Machen Sie doch Dissidenten»

Russisch zu lernen und Dinge über das Land, ging erst an der Universität. Tietze beginnt Theaterwissenschaft in Köln, hat einen schwierigen Start: Bei jedem Wort sagt jemand: «Ach, Sie kommen ja aus Schwaben.» Ständig das Gefühl, die vom Land zu sein. Sie wechselt nach Wien, hier gibt es schon in den sechziger Jahren einen anderen Blick nach Osten, sie belegt Russischkurse, schreibt sich für Slawistik ein, fährt nach Moskau. Zum Wintersemester 1969 zieht sie für ein Jahr ganz in die Stadt, feiert ihren 25. Geburtstag kurz nach der Ankunft, merkt: Russisch kann ich wirklich wenig.

Tietze hat einen Aufsatz für den Reporter ausgedruckt, «Plädoyer für den sicht- und hörbaren Übersetzer». «Schon dreissig Jahre alt», sagt sie, «aber noch immer gültig.» Sie ermuntert seit Jahrzehnten KollegInnen, ihre «pathologische Bescheidenheit» abzustreifen. Rosemarie Tietze beugt sich vor: «Schauen Sie, ich halte das für einen wichtigen Grundsatz – Musik, Kompositionen werden von Musikern interpretiert, im Theater sehen sie Stücke mit Interpreten, den Schauspielern. Literatur wird in andere Sprachen übertragen, also von Übersetzern interpretiert. Das sind drei Formen darstellender Künste, die ich für vergleichbar halte.» Zu jedem Satz klopft sie mit den Fingerkuppen auf den Tisch.

Während des Studiums wollte sie noch Dramaturgin werden, als sie für die Promotionsrecherche nach Moskau zieht, ist da plötzlich eine Welt aus Prosa, Lyrik, Dramen, die sie begeistert; in Westdeutschland wusste man nichts über zeitgenössische russische Kultur: «Ich wollte das mitbringen, bekannt machen.» Sie lässt die Promotion fahren, entscheidet sich für einen Brotberuf: das Übersetzer-Dolmetscher-Examen. Später findet sie in ihrem Kindertagebuch den Eintrag, elf Jahre alt war sie: Wollte Übersetzerin werden.

Nur war in den Siebzigern die Idee, russische Gegenwartsliteratur zu übersetzen, felsiges Gelände: Staatstragende AutorInnen wurden in der DDR verlegt. Machen Sie doch Dissidenten, sagt man ihr, aber darum geht es ihr nicht, sondern um Literatur, Dissident oder nicht. Dann hilft ein Zufall zum hundertsten Geburtstag des Theateravantgardisten Wsewolod Meyerhold: Seine Texte waren schon in der DDR übersetzt worden, der Band sollte neu erscheinen, der Verlag gibt die Übersetzung nicht frei. Sechs Wochen haben Rosemarie Tietze und ihre KollegInnen, es klingt nach einem Wahnsinn an Arbeit.

Sie versucht, Erzählungen in Anthologien unterzubringen. Erfolglos. Bei einer Tagung des Verbands fragt sie ein sehr angesagter Übersetzer englischer Literatur, und jetzt muss man sich eine langsame, Überheblichkeit spielende Rosemarie-Tietze-Stimme vorstellen: «Du redest da immer von russischer Gegenwartsprosa, gibt es da überhaupt Literatur?» Sie legt sich die Hände an den Hals, schüttelt sich.

Drei Seiten pro Tag

Seit den siebziger Jahren reist sie jedes Jahr nach Osten, entdeckt für sich den Romancier Wassili Axjonow und die lange verbotene Dramatikerin Ljudmila Petruschewskaja. Beide kann sie Anfang der achtziger Jahre übersetzen, keine eingängigen Arbeiten, Erfolge sehen anders aus. Dann kommen die neunziger Jahre, das Interesse wächst, Rosemarie Tietze schafft es, die komplexen Romane von Andrei Bitow unterzubringen. Schwere Kost – läuft es gut, übersetzt sie zweieinhalb Seiten am Tag. Und Gasdanow? «Na ja, drei», sagt sie und lacht.

Gaito – eigentlich Georgi Iwanowitsch – Gasdanow, Sohn ossetischstämmiger Eltern, kam 1903 in Petersburg zur Welt. Der Vater, ein Forstbeamter, zog mit der Familie nach Sibirien und in die Ukraine, abenteuerlustig stürzte sich der Sohn, kaum 16-jährig, nach der Kadettenschule in den russischen Bürgerkrieg: Dienst auf einem Panzerzug der Weissen. Nach der Niederlage gegen die Bolschewiki schaffte er es von der Krim in die Türkei, von dort nach Bulgarien, machte Abitur, gelangte 1923 nach Paris. Er schlug sich durch, als Lastenträger und Arbeiter, auch mal ohne Obdach, lange mit Taxischein.

Gasdanows Erzähler beschreiben, sortieren Eindrücke in Bewusstseinsströmen, träumen, oft in einem schwebenden Ton. Tietze holt aus einer Mappe erste Entwürfe, in der Rohform stellt sie alle denkbaren Übersetzungen einzelner Worte in eine Reihe, unlesbare Sätze ergibt das, in nächsten Schritten streicht sie, kämpft sich durch die Charakteristik der Worte, untersucht den Ton.

Ende der neunziger Jahre hört Rosemarie Tietze zum ersten Mal von Gasdanow – der schreibt besser als Nabokow! Zwar hatte sich Maxim Gorki für ihn eingesetzt, er bekam Lob von Iwan Bunin, genützt hat es nicht, die Honorare blieben schmal. Als Gasdanow mit fünfzig Jahren seinen ersten Job als Kulturredaktor beim Radio Liberation antrat, sogar länger in München lebte, verhinderte auch das den Import seiner Werke: Er arbeitete nun für den Propagandasender der USA. Er starb 1971, über zwanzig Jahre nach seinem Tod hatte sich seine Literatur in spärlichen Rinnsalen einen Weg nach Russland gebahnt.

Rosemarie Tietze las also, lief begeistert zum Hanser-Verlag. Kurzer Einblick in ihre Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, Enthusiasmus gegen Widerstände zu bewahren, sie senkt ihre Stimme, spricht langsamer: «Die Reaktionen im Verlag waren in etwa so: Ein Russe. Oha. Schon tot. Hm.» Acht Jahre dauerte es, bis «Das Phantom des Alexander Wolf» 2012 erschien, der Roman wurde ein Hit.

Jetzt sitzen wir seit Stunden, eine ungeminderte Konzentration geht von Rosemarie Tietze aus, eine Begeisterung für Literatur, Kunst, Kultur, auch Entsetzen darüber, dass sich Kulturräume wieder verschliessen, voneinander abwenden, aus Strömen wieder Rinnsale werden. Sie macht eine Handbewegung, es gibt noch Tee.

Gaito Gasdanow: «Schwarze Schwäne». Erzählungen. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Hanser Verlag. München 2021. 272 Seiten. 37 Franken.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch