Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Melodie der Heimat

Stefan Gärtner über den neuen Coronabuhmann

Von Stefan Gärtner

Am Sonntag hatte ich Geburtstag («34»), und mein Schulfreund Christian rief an, und wie es so geht, ging es bald um Corona. Weil ich nämlich zu erzählen hatte, die Kita sei schon wieder zu und der Bub in Quarantäne, und das sei jetzt die dritte, und ich hätte die Schnauze voll, und nur weil irgendwelche Tubel keine Lust aufs Impfen hätten, in der Weltgeschichte herumfahren oder zum Rave müssten, sässen wir jetzt wieder daheim. Dann will ich Christian fast recht geben, dessen Mantra lautet, die Gesellschaft breche an Corona entzwei.

In Teilen der Schweizer Presse geht die Geschichte momentan so, dass die Tubel, die von Reisen auf den Balkan zurückkommen, für ein Drittel der neuen Infektionen und die wiederum volllaufenden Intensivstationen sorgen. Das sind die nackten Zahlen, und tatsächlich ist man in Albanien, im Kosovo oder in Nordmazedonien von den fünfzig Prozent der Schweiz oder den sechzig Prozent in Deutschland, die voll geimpft sind, noch ziemlich weit entfernt. Das liegt, glauben wir dem «Blick», an der fehlenden «Impfbereitschaft in den Ländern auf dem Balkan», zudem an einer hohen Anfälligkeit für Verschwörungstheorien, an die so gut wie alle glaubten, überhaupt an einer historisch bedingten Staatsskepsis, und auch wenn das, was der «Blick» aus all dem macht, nicht mit dem zu vergleichen ist, was «Bild» daraus gemacht hätte, ist doch das unterschwellige Fazit ein schönes, denn schön ist ja immer das, was man sich gleich gedacht hat: Auf dem exkommunistischen Balkan sind sie halt zurückgeblieben, und wenn das bei uns mit Corona nicht besser wird, dann liegts am Secondo, der, fährt er heim, die Schweizer Tugend gleich vergisst, ja sich so freudig vom Gesicht reisst wie eine unnötige FFP2-Maske.

Der Weltgeist will es, dass ich dies aus einer Stadt schreibe, die seit vier Wochen mein neuer Wohnort ist und mein Zuhause werden soll. Ihre Eignung dafür bezweifle ich immerhin stark genug, dass ich, gegen meinen ausgeprägten Ordnungssinn, bei der Ummeldung des Kraftfahrzeugs auf die Zuteilung eines neuen Ortskennzeichens verzichte (das geht), damit ich auf dem Parkplatz von Ikea, wohin ja nun wirklich niemand mit dem Bus fährt, der Niedersachse bleiben kann, der ich war. Die neue Stadt nun hat sagenhaft schlechte Coronazahlen, was natürlich daran liegt, dass hier sagenhaft viele Leute leben, deren Opa nicht Heinz oder Helmut heisst, sondern Ali oder Yüksel. Da ist die Impfbereitschaft schon traditionell schwach ausgeprägt, gerade bei Besuchen in der Heimat, denn darum heissen sie ja Deutschtürken, weil sie letztlich immer Türken bleiben, so wie die Schwarzen in den USA ja eigentlich Amerikoafrikaner sind. Die Türkinnen hier, ob nun mit deutschem Pass oder ohne, hängen alle kruden Theorien an (Islam), sind insgesamt von gestern (Kopftuch) und gucken immer bloss türkisches Fernsehen, wo Erdogan keine Lust hat, über Corona berichten zu lassen. Dem deutschen Staat und seinem Gesetz, sofern sie sich überhaupt die Mühe geben, von ihm Kenntnis zu erlangen, stehen sie skeptisch gegenüber, demselben Staat, der sich nun wirklich alle Mühe gibt, sie zu integrieren, und wo die türkischen Kinder viel seltener aufs Gymnasium können als die deutschen, damit man sie nicht überfordert. Überhaupt braucht man für den Gemüsehandel ja nun kein Latein, aber so viel Bildung sollte halt schon sein, dass es dafür reicht, uns brave Einheimische vor Ansteckung zu schützen. Uns, die wir alles Geld der Welt haben und trotzdem längst nicht durchgeimpft sind, aus Trägheit, Staatsversagen, Wohlstandsverwahrlosung, und die wir deshalb so gern mit dem Finger dahin zeigen, wo Rückständigkeit keine materiellen Ursachen hat, sondern kulturell bedingt ist. Und man gar nicht zum aufgeklärten Europa gehören will.

Wenn man sie liesse, ihre Autos hätten nicht mal hiesige Kennzeichen.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

Sein Buch «Terrorsprache» ist im WOZ-Shop erhältlich unter www.woz.ch/shop/buecher.

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