Nr. 36/2021 vom 09.09.2021

Was stört der Wolf den Schmetterling?

Ein neuer Bericht zeigt, wie bedroht die Insektenvielfalt in der Schweiz ist. Gleichzeitig breitet sich der Wolf aus. Ein Artenschutz, der Natur und Menschen strikt trennt, hilft in beiden Fällen nicht weiter.

Von Bettina Dyttrich

Noch ist dieses Jungtier vor allem niedlich, doch der Wolf lernt schnell – zum Beispiel, wie er Herdenschutzhunde austricksen kann. Foto: Christian Heinrich, Alamy

Den Insekten in diesem Land geht es nicht gut. Den Wölfen schon. Viele Menschen, denen die Welt nicht egal ist, werden sich über die erste Meldung Sorgen machen und über die zweite freuen. Wenigstens eine positive Entwicklung für die Biodiversität? So einfach ist es nicht.

Diese Woche hat die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz den ersten umfassenden Bericht über die hiesige Insektenvielfalt vorgestellt. Einen Bericht, der auch zeigt, wie gross das Nichtwissen ist: In der Schweiz leben 30 000 bekannte Insektenarten und mindestens 15 000 unbekannte. Nur 1153 Arten sind so gut dokumentiert, dass man weiss, wie sich ihre Bestände entwickeln. Davon sind fast 60 Prozent zumindest potenziell gefährdet. Und die Insektenwelt wird immer einheitlicher: Spezialisierte Arten verschwinden; solche, die fast überall zurechtkommen, breiten sich zum Teil sogar aus. Und manche wandern neu ein, weil es wärmer ist – aber das wiegt den Verlust nicht auf. Insekten bestäuben nicht nur Blüten und sorgen damit für reife Früchte und Gemüse, sie zersetzen auch Biomasse und machen so den Boden fruchtbar, verbreiten Samen und ernähren Vogel, Fisch und Fledermaus.

Insekten haben in den letzten Jahrzehnten viel Raum verloren. Das liegt an der Bautätigkeit, die Habitate zerstückelt, und an der Landwirtschaft: Pestizide und starke Düngung schaden genauso wie Mähaufbereiter, die das Gras quetschen, damit es schneller trocknet – und die Heuschrecken gleich mit. Im Berggebiet düngen LandwirtInnen günstig gelegene Flächen stärker und mähen sie öfter, geben aber die Nutzung steiler Hänge auf, weil sie mühsam ist und oft trotz Direktzahlungen kaum die Kosten deckt. Beides schadet den vielen Insektenarten der Wiesen und Weiden: In den fetten Grasmonokulturen können sie nicht leben, im Gestrüpp aber auch nicht. Und hier kommt der Wolf ins Spiel. Seine Ausbreitung könnte diese Entwicklung noch beschleunigen: Kleine, steile Weiden können sehr artenreich sein, lassen sich aber oft, gerade unter der Waldgrenze, fast nicht gegen Grossraubtiere schützen.

Attacken auf Rinder

«Der Wolf hat keinen Platz in der Schweiz», schimpfen die einen und fordern seine Wiederausrottung. «Ihr müsst die Herden eben schützen», schimpfen die anderen und erinnern daran, dass immer noch mehr Schafe auf Alpen an Unfällen sterben als von Grossraubtieren gerissen werden. Solche Diskussionen laufen immer gleich ab – und hinken der Realität hinterher. Der Wolf hat seinen Platz in der Schweiz mit aktuell elf Rudeln sehr erfolgreich wiedergefunden, er gehört zur Fauna der Alpen; seine Ausrottung zu propagieren, ist weder verantwortlich noch realistisch. Genauso unrealistisch ist es aber, immer noch zu behaupten, mit ein paar Elektrozäunen und Herdenschutzhunden sei das Problem gelöst. Denn gerade diesen Sommer stösst der Herdenschutz an Grenzen: Wolfsrudel greifen inzwischen nicht nur Schafe, sondern auch Kälber, Rinder und Esel an.

Nach ersten Attacken auf Kälber arbeiteten verschiedene Fachstellen diesen Frühling ein Schutzkonzept für neugeborene Kälber aus. Die Wölfe reagierten schnell: Sie wichen einfach auf halbwüchsige Rinder aus. Dabei springen sie auf ein Tier, beissen es an den verletzlichsten Stellen und verletzen es schwer. Wenn ein Wolfsrudel in Skandinavien das mit einem Elch macht, «ist das die Natur», wie es so schön heisst. Für Nutztiere haben Menschen aber eine andere Verantwortung. Anders als Schafherden kann man Rinderherden auf der Alp nachts auch nicht in einen engen Pferch treiben – das wäre weder für die Tiere noch für die Alpleute zumutbar. Dazu kommt, dass Wolfsrudel auch lernen, Herdenschutzhunde auszutricksen. Der Herdenschutz ist unverzichtbar und kann vielerorts noch verbessert werden, aber als alleinige Strategie genügt er nicht mehr. «Es braucht Abschüsse», sagt auch Daniel Mettler, einer der erfahrensten Herdenschutzspezialisten der Schweiz. Die Wölfe müssten lernen, dass Attacken auf Rinder nicht toleriert würden.

Bildung, Geld und Austausch

Seit fast alle über das Klima reden, ist Misanthropie wieder in – und damit ein bestimmtes Denken über die Natur: Die Menschen machen alles kaputt, also muss man möglichst grosse Flächen vor ihnen schützen. Aber die grosse Biodiversität im Alpenraum war keine «Wildnis». Sie entstand, weil Menschen fast jeden Fleck nutzten, Steilhänge und Feuchtwiesen mähten, Tiere in lichten Wäldern weiden liessen, Gärten anlegten.

Jene, die diese Vielfalt heute noch pflegen, brauchen lebbare Bedingungen, auch bezüglich Grossraubtieren. Die diesen Sommer in Kraft getretene neue Jagdverordnung leistet dazu einen Beitrag: Sie legt fest, welche Herdenschutzmassnahmen zumutbar sind, und sieht zusätzliche Mittel dafür vor. Mehr Bildungsangebote für Bauern und Hirtinnen tun not, ein Sömmerungsbeitrag für Behirtung wäre sinnvoll – Schafe, die über der Waldgrenze unkontrolliert weiden, schaden der Pflanzen- und damit auch der Insektenvielfalt. Sicher sinnvoll ist es weiterhin, wenn Menschen aus der Stadt z’Alp gehen: Sie sehen, wie komplex das alles ist mit dem Schützen, dem Nutzen und dem Wolf. Davon könnten langfristig auch die Insekten profitieren.

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