Nach dem Abschuss von M13 : Der Bär ist nicht gratis zu haben

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Trotz frecher Bären und schwieriger Alpen: Jenseits der polarisierten Diskussion arbeiten Hirtinnen, Bauern und Umweltschutzleute daran, dass ein Nebeneinander von Grossraubtieren, Schafen und Menschen möglich wird.

«Ich bin auch traurig, dass es so enden musste», sagt Carlo Mengotti. «Aber es gibt kein Zusammenleben mit solchen Bären.»

Mengotti ist landwirtschaftlicher Berater für das Puschlav, das Bergell und das Oberengadin und selbst Puschlaver. Bär M13 sei ein Problem gewesen, sagt er: «Er hat einfach nur Schafe gefressen! Kein Wildtier hat er gejagt. Einem Jäger hat er den erlegten Hirsch weggefressen … Er hat sich keine Mühe gegeben, etwas anderes zu probieren.» Und vor allem sei er den Dörfern viel zu nahe gekommen: «Auch in Ländern, die an Bären gewöhnt sind, wird das nicht toleriert.»

Mengotti, der vom landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum Plantahof in Landquart angestellt ist, wirft den Umweltorganisationen vor, sie seien vor Ort zu wenig präsent gewesen: «Sie hätten ins Puschlav kommen sollen, um mit den Leuten zu reden. Wenn man Grossraubtiere will, muss man die Einheimischen überzeugen.»

Anita Mazzetta, Geschäftsführerin des WWF Graubünden, hält dagegen: «Wir sind im Gespräch mit den Puschlaver Behörden und haben auch unsere Hilfe angeboten. Aber wir gehen nicht hin und sagen den Leuten, was sie tun müssen.» Das komme nicht gut an, dafür brauche es «neutralere» Institutionen. «Gemäss Bärenkonzept Schweiz ist es die Aufgabe von Bund und Kanton, sich um das Zusammenleben von Mensch und Bär zu kümmern», erläutert Mazzetta. Zuständig sei zum Beispiel die regionale Fachstelle Herdenschutz am Plantahof: «Wir finden, sie machen zu wenig. Sie sollten aktiver auf die Bauern zugehen und ihnen zeigen, wie sie ihre Tiere schützen können.»

«Der Bär ist ein Opportunist»

Mazzetta hätte M13 gern noch eine Chance gegeben: «Man hätte versuchen können, ihn weiter zu vergrämen, damit er vielleicht in eine andere, bärensichere Region zieht.» Doch sie verstehe die Behörden auch. «Als M13 aus Italien kam, war er schon an leicht zugängliches Futter gewöhnt: ein Erfolgserlebnis, das ihn prägte. Ein Bär lernt schnell, und er ist ein Opportunist.»

Sie möchte auch die PuschlaverInnen nicht verurteilen: «Man handelt erst, wenn der Bär da ist, und das ist unter Umständen zu spät. Aber das ist in fast allen Regionen so.» Das Puschlav bärensicher zu machen, sei besonders schwierig, weil der Talboden stark besiedelt sei und viele Siedlungen nahe beim Wald lägen.

Etwa 2500 Schafe leben im Tal, die meisten ziehen im Sommer auf Puschlaver Alpen. Es gibt zwei grosse, behirtete Herden mit total 850 Tieren. Aber über tausend Schafe verbringen den Alpsommer ungeschützt in kleinen Herden. Das lasse sich nicht so schnell ändern, sagt der landwirtschaftliche Berater Carlo Mengotti, «die Weiden sind klein, und es gibt nicht überall Wasser. Eine Gruppe von 30 Schafen findet immer irgendwo zu trinken. Bei 800 ist das anders, die brauchen eine rechte Quelle.» Auch an Hütten für HirtInnen mangle es: «Man findet keine Hirten mehr, die den ganzen Sommer im Zelt schlafen. Überhaupt ist es schwierig, kompetente Hirten zu finden.»

Daniel Mettler hat Verständnis für Carlo Mengottis Bedenken. Er ist Leiter der Schweizer Fachstelle Herdenschutz, die dem landwirtschaftlichen Beratungszentrum Agridea Lausanne angeschlossen ist. Mettler koordiniert den mobilen Herdenschutz, eine schnelle Eingreiftruppe, die auf Alpen zum Einsatz kommt, wo erstmals ein Bär oder ein Wolf auftaucht. Zwei erfahrene HirtInnen sind beim mobilen Herdenschutz angestellt, zwei weitere arbeiten auf Pikett.

Um eine Schafherde vor Grossraubtieren zu schützen, setzt die Fachstelle auf Herdenschutzhunde. Sie leben bei den Schafen und verteidigen sie gegen Angreifer. Weil sie sich aber nicht von einem Tag auf den anderen in eine Herde integrieren lassen, hilft der mobile Herdenschutz im Notfall aus.

Letzten Sommer war er wegen M13 im Puschlav im Einsatz. Die Puschlaver Schafalpen seien schwierig, bestätigt Mettler: «Es sind kleine, zum Teil sehr steile Flächen – die guten Gebiete werden alle noch als Rinderalpen genutzt. Darum ist es kaum möglich, grössere Herden zu bilden.» Und grössere Herden sind nötig, damit SchafhalterInnen es sich überhaupt leisten können, einen Hirten oder eine Hirtin anzustellen. «Aber Herdenzusammenlegungen brauchen Zeit», gibt Daniel Mettler zu bedenken. «Hauruckübungen mitten im Sommer sind schwierig. Die Bauern müssen oben zur Alp schauen, unten heuen, und dann kommt noch der Bär … Mittelfristig müssen sie aber überlegen, ob sie vielleicht eine schwierige Alp aufgeben und eine andere dafür intensiver nutzen sollen.»

Schlecht bezahlte HirtInnen

Auch wenn M13 jetzt tot ist – früher oder später wird der nächste Bär in die Schweiz einwandern. Und die erste Wolfsfamilie der Schweiz im Calandagebiet bei Chur wird die Schafalpen schon diesen Sommer vor einige Probleme stellen. Ist ein Nebeneinander von Bären, Wölfen und Schafen überhaupt möglich? «Wir sind auf gutem Weg», sagt Herdenschutzspezialist Mettler. Seit vier Jahren bietet Agridea in Landquart und Visp eine Ausbildung für SchafhirtInnen an. Zehn bis zwanzig Personen schliessen sie pro Jahr ab. SchafhirtInnen müssten heute mehr können als noch vor zwanzig Jahren, sagt Mettler. Nicht nur wegen der Grossraubtiere. «Auch die Veterinärämter schauen heute genauer hin, wenn es etwa um die Klauenkrankheit Moderhinke oder Parasiten geht», erklärt er. Mit den höheren Anforderungen seien auch bessere Löhne gerechtfertigt.

Eine Mutterkuh-, Rinder- oder Schafhirtin sollte 130 bis 170 Franken brutto am Tag verdienen. So sehen es die Bündner Richtlöhne für Alppersonal vor, die heute in der ganzen Schweiz als Richtschnur gelten. Aber lange nicht alle halten sich daran. Der Bund belohnt zwar Schafalpen, die HirtInnen anstellen, mit höheren Sömmerungsbeiträgen. Doch erst bei einer Herde von rund tausend Tieren wird eine behirtete Alp rentabel. Das hat das Forschungsprojekt «SchafAlp» ausgerechnet.

Wo die Schafalpen klein sind und weit auseinanderliegen, sind so grosse Herden nicht möglich. In solchen Gegenden gibt es Versuche, Schutzhunde in nicht behirtete Herden zu integrieren. Auf sogenannten Umtriebsweiden kann das sinnvoll sein: Dabei verbringt die Schafherde den Sommer in eingezäunten Koppeln, die mehrmals wöchentlich kontrolliert und regelmässig verschoben werden. Die grossen, massigen Schutzhunde, die aus den Abruzzen oder aus den Pyrenäen stammen, bekommen Futter aus einem Automaten und bleiben am besten auch im Winter bei «ihren» Schafen.

Carlo Mengotti sagt, man habe eine solche Lösung auch für das Puschlav überlegt: «Aber es würde sehr viele Hunde brauchen, sonst wären nicht alle kleinen Herden geschützt. Und es gibt viel Sommertourismus im Puschlav, da sind die Hunde ein Risiko.» Auch die Fachstelle Herdenschutz empfiehlt Umtriebsweiden mit Hunden vor allem für Alpen mit wenig Tourismus.

Bald kommt der nächste Alpsommer. Das Puschlav soll sich auf den Bären vorbereiten, sagt Carlo Mengotti. «Wir werden weitermachen, auch wenn M13 nicht mehr da ist.» Container werden als Hirtenunterkünfte dienen. «Auch im Puschlav wollen die Leute nicht mehr alle Bären einfach abknallen. Gerade die Jungen sagen: Die Grossraubtiere kommen, wir müssen das anpacken. Ich bin sicher, dass es Bären gibt, mit denen ein Zusammenleben möglich ist.»

«Noch zu wenig Erfahrung»

Das glaubt auch Anita Mazzetta vom WWF: «Wir sind in Graubünden pragmatischer und sachlicher als die Walliser.» Jetzt gehe es darum, mögliche Futterquellen bärensicher zu machen, bevor der nächste «Problembär» auftauche. Die Erfahrungen aus dem Val Müstair seien positiv: «Dort hat man alle Futterquellen ausserhalb und in den Siedlungen untersucht und dann entschieden, welche man entfernen muss und wo es sichere Abfallbehälter braucht.» In der Nähe der Siedlungen gebe es für Bären nichts mehr zu holen. «Das hat sich bisher bewährt. M13 war im Val Müstair, ist aber weitergezogen. Das kann Zufall sein – oder ein Zeichen, dass das Konzept funktioniert. Man hat noch zu wenig Erfahrung, um das sicher sagen zu können.»

Billig wird das nicht – ein bärensicherer Container der Schweizer Firma Brüco kostet mindestens 800 Franken. Es braucht Elektrozäune um Bienenhäuser und Verhaltensregeln auf Campingplätzen. «Ja, der Bär ist nicht gratis zu haben», sagt Mazzetta. «Sind wir bereit, etwas zu bezahlen, damit er zurückkommen kann?»