Nr. 36/2021 vom 09.09.2021

Willkommen auf dem Balkan

Albanien, Kosovo und Nordmazedonien sind ärmer und kleiner als die Schweiz, nehmen aber bereitwillig Tausende Menschen aus Afghanistan auf. Woher kommt diese Solidarität?

Von Franziska Tschinderle

Ein Spiderman für das Flüchtlingskind: Der albanische Ministerpräsident Edi Rama verteilt Geschenke in einer Unterkunft in Golem, westlich von Tirana. Foto: Franc Zhurda, Keystone

Edi Rama weiss, wie das geht: emotionale Bilder produzieren. Albaniens Ministerpräsident, ein fast zwei Meter grosser Exbasketballspieler, hat ein eigenes Social-Media-Team, das ihn routiniert mit einer Kamera begleitet. Die Videos streamt er live auf Facebook, Hunderttausende schauen sie sich an. Kein Politiker auf dem Balkan hat eine so grosse Onlinefangemeinde wie der 57-Jährige, der sich im April eine dritte Amtszeit gesichert hat.

2019, als Albanien von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde, besuchte Rama ein Krankenhaus, um einem Jungen einen Basketball ans Bett zu bringen. Jetzt wiederholen sich diese Bilder – nur in einem völlig anderen Kontext. Rama streift im Anzug durch einen Pinienwald nahe der Hafenstadt Durrës, in dem bungalowartige Häuser stehen. Er verteilt Spiderman-Figuren, Pokémon-Plüschtiere und einen Basketball an kleine Kinder aus Afghanistan. In diesem Spätsommer inszeniert er sich als eine Art Justin Trudeau des Balkans. Auch der kanadische Premier hat auf Ersuchen der USA ein Kontingent an AfghanInnen aufgenommen, die als lokale MitarbeiterInnen für die Alliierten tätig waren. Ebenso Deutschland, das die Militärbasis Ramstein als Drehkreuz für Evakuierte zur Verfügung stellt.

Der Unterschied: Kanada und Deutschland sind (abgesehen von den USA selbst) zwei der bekanntesten Einwanderungsländer der Welt. Albanien und Kosovo sind für das Gegenteil bekannt: Abwanderung. «In den neunziger Jahren haben verzweifelte Menschen aus Albanien Fähren gestürmt, um nach Italien zu flüchten. Im Kosovo wiederum flohen zwischen 1998 und 1999 knapp eine Million Menschen aufgrund der von Serbien verübten ethnischen Massaker», sagt Vjosa Musliu, Professorin für Politikwissenschaften an der Freien Universität Brüssel. Das, so Musliu, die im Kosovo geboren und aufgewachsen ist, seien nicht nur zeithistorische Bilder, sondern gelebte Erinnerungen. «Es existiert eine Sensibilität dafür, was es bedeutet, kein Dach über dem Kopf zu haben», sagt sie.

So ähnlich begründet auch Edi Rama die Gastfreundschaft. «Vor dreissig Jahren waren wir die Afghanen», hört man ihn in einem CNN-Interview sagen. Und dass Albanien in den neunziger Jahren Flüchtlinge aus dem Kosovo aufgenommen hat, habe das Land nicht schwächer, sondern moralisch stärker gemacht.

Einen sicheren Hafen bieten

Flüchtlinge mit offenen Armen begrüssen: Es ist ein Bild, wie es PolitikerInnen in Westeuropa derzeit bewusst zu vermeiden versuchen, aus Angst, rechtspopulistischen Parteien Vorschub zu leisten. Edi Rama tut das exakte Gegenteil und schüttelt spätnachts die Hände von evakuierten AfghanInnen am Flughafen von Tirana. Auf dem Westbalkan ist er damit nicht der Einzige.

31.  August, Skopje. Bujar Osmani, Aussenminister von Nordmazedonien, schreibt auf Twitter: «Es ist unsere Verpflichtung, diesen Menschen einen sicheren Hafen zu bieten.» Nordmazedonien nimmt 450 Menschen auf, der Kosovo vier Mal so viele. Zum Vergleich: Die offizielle Schweiz will ausser den lokalen MitarbeiterInnen der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und deren Angehörigen, bisher 218 Personen, gar keine afghanischen Flüchtlinge aufnehmen.

Demgegenüber bieten drei kleine Länder aus Südosteuropa 6500 Menschen Schutz, zwar temporär wohlgemerkt, aber immer noch ein erstaunliches Kontingent, wenn man bedenkt, dass die Löhne in diesen Ländern niedrig und die Arbeitslosenquoten hoch sind. Tausende AfghanInnen sind dabei, in leer stehende Hotels mit Poolanlagen an Albaniens Küste zu übersiedeln. Schlägt den Ankömmlingen kein Neid entgegen?

Der Politbeobachter Agon Maliqi verneint. «Im Kosovo gibt es erstens keine Mainstreampartei, die mit migrationsfeindlichen Tönen Stimmung macht. Zweitens ist die politische Elite in Albanien der Meinung, als Nato-Mitglied müsse das Land einen Beitrag zum Bündnis leisten. Und dann kommt drittens noch die US-Dimension hinzu», sagt er. Letzteres ist bedeutend, wenn man verstehen will, warum das Flüchtlingsthema vergleichsweise so positiv besetzt ist.

AlbanerInnen sind mehrheitlich muslimisch, gelten aber zugleich als amerikafreundlichste Bevölkerung der Welt. Nach George W. Bush, der mit seinem «Krieg gegen den Terror» unter MuslimInnen im Nahen Osten mehr Hass als Sympathie geschürt hat, sind auf dem Balkan Strassen benannt. In Pristina steht eine Statue des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Albanien hat im Rahmen der «Koalition der Willigen» im Jahr 2003 SoldatInnen in den Irak gesandt, Kosovo-Albaner haben als Saisonarbeiter auf US-amerikanischen Militärbasen gearbeitet.

Versöhnliches Signal an die USA

Hauptgrund der Sympathie sind die Nato-Bombardements von 1999 auf Serbien. «Der Kosovo hat seine Existenz zu weiten Teilen den USA zu verdanken. Vor diesem Hintergrund bleibt dem Land wenig Spielraum, sich gegen die Interessen Washingtons zu stellen», so Vjosa Musliu. Als Oppositionsführer hat der amtierende Ministerpräsident Albin Kurti diese Regel gebrochen. Weil seine Partei ausländische DiplomatInnen in der Vergangenheit mit Kolonialherren verglich, weigerte sich der US-Botschafter in Pristina lange, ihm die Hand zu schütteln. Unter Donald Trump erreichten die Beziehungen ihren Tiefpunkt, nachdem dessen Sondergesandte für den Balkan hinter den Kulissen ein Misstrauensvotum initiierte, das den populären Kurti stürzte.

Mit dem Amtsantritt Joe Bidens ist die Eiszeit vorbei. Kurti, seit Februar wieder an der Macht, sendet mit der Aufnahme von AfghanInnen ein versöhnliches Signal nach Washington. «Wir leisten die Hilfe auch im Gegenzug für das, was die USA für unser Land und unsere Menschen während und nach dem Krieg getan haben», sagt er. Ein Anbiederungsversuch? Viel mehr eine schlichte Interessenabwägung.

«Albaner in Südosteuropa sehen, ähnlich wie Israel, die USA als ihren Protektor. Ganz besonders in unsicheren Zeiten wie diesen, in denen sich viele von der EU vergessen fühlen», sagt der Politikbeobachter Agon Maliqi aus Tirana. Spätestens seit dem EU-Gipfel im Oktober 2019 ist die Erweiterung auf dem Balkan ins Stocken geraten. Fünf Mitgliedsländer erkennen den Kosovo nicht an, Frankreich und die Niederlande blockieren seine Visafreiheit. Nordmazedonien wiederum kann seine Beitrittsverhandlungen nicht beginnen, weil zuerst Griechenland und jetzt Bulgarien einen Streit über das historische Erbe angezettelt haben.

Das hat Fragen aufgeworfen. Fehlt der EU die Einigkeit, ihrem bald zwanzig Jahre zurückliegenden Versprechen nachzukommen, der westliche Balkan könne Teil der Familie werden?

Vor diesem Hintergrund sind Albanien, Kosovo und Nordmazedonien bemüht, ihre Beziehungen zum Alliierten auf der anderen Seite des Atlantiks zu pflegen. Alle drei profitieren von den verbalen Streicheleinheiten, die ihnen US-Aussenminister Antony Blinken zurzeit via Twitter zuteilwerden lässt.

Die Willkommenspolitik in Südosteuropa ist am Ende aber mehr als nur Eigennutz. Laut der Politikwissenschaftlerin Vjosa Musliu ist sie ein Weckruf für Europa. Drei kleinen Staaten ist es gelungen, der im Diskurs dominanten Abschottungspolitik eines Viktor Orbán oder Sebastian Kurz ihre eigene Rhetorik entgegenzuhalten. «Die Migrationskrise von 2015 hat in der Europäischen Union eine tiefe strukturelle und moralische Krise ausgelöst», so Musliu. Damit, sagt sie, untergrabe die Union jene Werte, für die sie ursprünglich stehen wollte. Jetzt halten ausgerechnet drei Balkanländer, die als Anwärter vor den Toren der EU stehen, diese Werte hoch, indem sie schnell und unbürokratisch helfen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch