Nr. 37/2021 vom 16.09.2021

Gut im Geschäft

Annette Hug verbreitet gute Laune

Von Annette Hug

Das Aggressionslevel steigt. Da möchte ich an gute Momente dieser Pandemiezeit erinnern:

Am 24.  Februar 2020 ist schon absehbar, dass es schwierig werden wird. Als ob mir das ganz persönlich bestätigt werden müsste, bricht auf dem Heimweg vom Einkaufen der Papiersack durch. Kaputte Eier, Pelatidosen, Honig (unbeschädigt) und Gemüse liegen verstreut auf dem Trottoir. Ich suche unter weissen Schalen ein ganzes Ei und weiss nicht, wie ich den Plunder ohne Tasche nach Hause bringe, da springt ein Mann aus einem Lieferwagen und legt mir einen Plastiksack hin. Schon ist er wieder weg, denn sein Kollege am Steuer hat an einem Rotlicht gehalten. Die Ampel schaltet auf Grün, ich werfe Kusshände. Weg ist der Lieferwagen, und ich sammle langsam ein, was sich nach Hause zu tragen lohnt im Sack eines deutschen Discounters, den ein Männerkopf ziert, das Kraushaar geht in glänzenden Urwald über, platzt vor Sonnenlicht. «Verantwortung» steht da, auch die Augen des Männermodels glänzen urwaldgrün.

Auf demselben Trottoir liegt mehr als ein Jahr später eine Fünfzigernote. Das Trottoir ist von einer Beiz bestuhlt. Durch die Scheibe hat eine Kundin beobachtet, dass der Geldschein aus einer Hosentasche gefallen ist. Sie läuft heraus, weist den Besitzer darauf hin. Der nimmt den Schein auf, tritt in die Beiz und gibt einen Kaffee aus. Singt ein Loblieb auf die Hilfsbereitschaft.

Auch meine Verwandte, die auf einer Demenzabteilung lebt, kann übermütig werden. Allerdings nur, wenn wir auf Frau Mehmedi zu sprechen kommen. «Eine Topkraft», sagt sie. Realitätsbesessen bezeichne ich sie als Stationsleiterin, stosse damit auf Gegenwehr: Frau Mehmedi sei Anwältin, «der gehört hier das ganze Geschäft», bis in den Orient sei sie aktiv, man sehe sie ständig durchflitzen.

Frau Mehmedi hat den Durchblick und hilft auch gegen Verwandte, die in Erbsachen betrügen – ob ich da mitgemeint bin, bleibt unklar. «Wenn man immer so in der Schwebe ist, nicht weiss, was hü, was hott, wenn man immer nur so Happen zu fassen kriegt», dann hilft Frau Mehmedi, denn «wenn die so einen Happen zugeworfen kriegt, dann kann sie damit etwas anfangen». Sie zeigt auch die richtigen Bankauszüge im richtigen Moment, dann weiss meine Verwandte wieder, dass sie nicht verarmt. Dass Frau Mehmedi richtig gut im Geschäft ist, sieht man gerade daran, dass man ihr hinterherrennen muss. Alle wollen ständig zu ihr. «Für Frau Mehmedi zum Tüfteln» ist zum Beispiel die Frage, wo das eigene Haus geblieben ist. «Die soll da mal ran. Ist ja tüchtig.»

Auch wenn ich andeute, dass das Personal auf der Station – von mir aus «in diesem Geschäft» – gar nicht so gut verdient, kommt heftiger Widerspruch. Wer überall rumrutsche, müsse richtig zu Geld kommen. Man sehe sie ja gar nie sitzen, «wie Kimble auf der Flucht», sagt meine Verwandte, und das muss ich googeln. Von 1963 bis 1967 entstand eine amerikanische Fernsehserie mit der Hauptperson Dr. Kimble. Auf der Flucht gelang es ihm zu beweisen, dass er den Mord, für den er verurteilt worden war, nicht begangen hatte.

Auch jedes Mal, wenn der Verdacht auftaucht, Frau Mehmedi könnte sich für immer in den Orient abgesetzt haben, folgt irgendwann die grosse Erleichterung. Die Chefin ist unschuldig. Alles wird gut.

Annette Hug ist Autorin in Zürich und denkt, das Café Plüsch an der Ecke Kalkbreite/Aemtlerstrasse sei ein Glücksmagnet.

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