Nr. 37/2020 vom 10.09.2020

Angespannt gelockert

Annette Hug feiert einen 80. Geburtstag

Von Annette Hug

Ganz am Anfang des Lockdowns schien die Demenz für kurze Zeit zum Segen zu werden. Eine Verwandte, für die mir eine Beistandschaft angetragen worden war, fühlte sich weniger eingesperrt als zuvor. Ihr Zimmer auf der geschlossenen Abteilung eines Pflegezentrums war ihr eine Wohnung, der Flur eine Strasse und der Essraum eine Beiz. Mit einem sehr netten Wirt. Weil der zu wenig Gäste habe, komme er sie immer holen und lasse sie gratis bei sich essen.

Als ich ihr am Telefon erzählte, in Zürich seien alle Wirtschaften geschlossen, wollte sie das nicht glauben. Dass ich meine Wohnung kaum verliess, schien ihr abwegig: «Annette, lass dich nicht einsperren!»

An meinen Namen erinnert sie sich, wenn sie mich sieht oder meine Stimme hört. Aber wenn eine der oft wechselnden Hilfspflegerinnen fragt, wer das denn sei, der da zu Besuch komme, dann wirds schwierig. «Ja wer ist das? Meine Pseudoschwiegertochter», sagte sie kürzlich, und das traf es irgendwie.

Die Coronakrise ist ihr dann doch an die Nieren gegangen. Stundenlang sass sie vor dem Fernseher. Irgendwann kriegte sie Angst vor einer neuen Bewohnerin, die italienisch sprach. Am Telefon malte sie eine Fluchtgeschichte aus: Von Norditalien sei die Neue über die Alpen in die Schweiz geklettert, und die Sozis, die bei ihr in der Strasse regierten, die hätten sich wie immer von der netten Seite zeigen wollen und der Geflüchteten angeboten, gratis bei ihnen zu wohnen. So treffe man sie täglich in der Beiz, wo sie alle anzustecken drohe mit dem Virus. Diese italienischsprachige Mitbewohnerin sei auch nicht auf den Mund gefallen, sagte mir die Stationsleiterin, ich müsse mir um sie keine Sorgen machen.

Richtig froh war ich, dass meine Verwandte nicht mitbekam, wie ich als Beiständin in spe kontaktiert wurde mit der Bitte, ein vorauseilendes Einverständnis zu erteilen: Die Patientin solle, wenn sie denn an Covid-19 erkranken würde, gar nicht erst auf eine Intensivstation verlegt werden. Die Angehörigen aller andern BewohnerInnen hätten eingesehen, dass das für die Dementen selbst das Beste sei. Richtig verstockt kam ich mir vor, als ich die Einwilligung nicht gab.

Über solche Anfragen muss man unbedingt einmal mehr schreiben und viel genauer. Wenn die Angst nachlässt. Jetzt hat die Verwandte glücklicherweise ihren 80. Geburtstag erlebt. Wir konnten ihn sogar feiern. Und durch Masken hindurch «Happy Birthday» singen. Die Atemluft reichte für eine Strophe.

Und wir liessen uns vom Talent der Jubilarin anstecken, in jeder Situation einen ungefähr passenden Satz zu finden. Unter den paar Gästen drohte nämlich ein Streit über die bevorstehende Abstimmung zur Personenfreizügigkeit. Allen Anwesenden war klar, dass wir nicht dasselbe abstimmen werden. Unbestimmt konnten wir über das Baugewerbe herziehen und ziemlich präzis über Firmen, die Unter- und Unterunterakkordanten beauftragen und sich nicht kümmern, wer am Schluss welchen Lohn bekommt. «Kontrollen sind wichtig», fanden wir alle und wechselten das Thema.

Auch das Talent der Jubilarin, wirre Eindrücke mit Sinn auszustatten, hob die Stimmung. «Ein Schritt in die Freiheit!», hatte sie feierlich gesagt, als wir in die öffentliche Cafeteria eingetreten waren. Da erschien der karge Ort auch mir ganz neu und unbekannt.

Annette Hug ist Autorin in Zürich und hat den Eindruck, dass einige wirklich harte Fragen dieser Coronakrise noch wenig dokumentiert und schon gar nicht ausdiskutiert sind.

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