Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Schweine und Rentiere!

Michelle Steinbeck seziert methodische Unschärfe

Von Michelle Steinbeck

Erst infiltriert ein Feminist mit kruden Theorien die «NZZ am Sonntag» («Schweizer Frauen haben es gern bequem»), eine Woche später windet ihm diese in einem Porträt ein auffällig langweiliges Kränzchen. Jettet er, das selbsternannte Klimaschwein, genug, dass er nun schon im Dezember das Sommerloch füllen darf? Oder läuft der Ausverkauf der Städte, an dem er sich so stolz aktiv beteiligt, gerade schlecht, und er braucht ein Advertorial? Ich glaube: Das ist der heimliche Hilferuf eines verzweifelten Jüngers.

Was bisher geschah: Im Namen der Gleichstellung ermunterte der Mann mit dem goldenen Thinktank «die Frauen», sich auch mal am BIP zu beteiligen. Schweizerinnen, so fiebert er, seien gleich doppelt faul: bei der Arbeit und bei der Reproduktion. Dieser gedankliche Griff ins Klo ist das Ergebnis seiner kühnen Methode: Er präsentiert Zahlen, die eigentlich strukturelle Diskriminierung von Frauen zeigen, und interpretiert sie frei nach der freien Logik des freien Marktes.

Auch die seelenverwandte FAZ – die im Gegensatz weiss, dass Frauen natürlich mehr arbeiten als Männer – wendet diese methodische Unschärfe an, zuletzt besonders anschaulich in der Analyse einer psychologischen Studie. Diese kam zum Schluss, dass «Männer am entspanntesten sind, wenn ihre Partnerin vierzig Prozent zum Gesamteinkommen des Haushaltes beisteuert. Bei einem geringeren Anteil steigt der Stress als Hauptversorger – allerdings weit weniger stark als in dem Fall, dass die Frau die Versorgung des Haushaltes übernimmt. Dann schiessen die Stresswerte ganz bedenklich in die Höhe. Der Mann wird nervös, ruhelos, fühlt sich traurig und wertlos.» Statt nun naheliegend zu titeln: «Schwächliches Mannen-Ego behindert Karrierefrauen» entscheidet sich die FAZ für: «Warum Frauen nicht zu viel verdienen sollten».

Kann das etwas anderes sein als ein Schrei nach Licht in gedanklicher Finsternis? Der NZZ-Thinker gibt die Antwort gleich selber: Er hat ein Problem mit Bildung. So klagt er Schweizerinnen an, den Staat zu bestehlen, indem sie nach ihrem subventionierten Studium Teilzeit arbeiten. Frauen seien deshalb von Universität und weiterführender Ausbildung auszuschliessen – ausser sie könnten alles selber bezahlen.

Es fällt schwer, die Worte eines strenggläubigen Fanatikers rational nachzuvollziehen. In seinem Kulturkreis, der aus AnhängerInnen der Rentier-Religion besteht, hat solche Denke aber Tradition. Sie entstammt dem weitverbreiteten Mythos der «leer gefischten Allmende». Der besagt, dass die BürgerInnen, von Gier und Haltlosigkeit getrieben, die öffentlichen Geldtöpfe plündern und den Inhalt für unsinnige Dinge wie Bildung und Sozialausgaben verschleudern. Daher das namensgebende Märchen, dass die (weibliche) Bevölkerung dem Staat schulde zu rentieren. Unnötig zu erwähnen, dass wir seit den Achtzigern im Zeitalter von Deregulierung, Sozialabbau und Verdrängung leben, dass es also andere sind, die die Töpfe löchern und steuerflüchten.

Die Rentier-Schweine sind besonders verquer Indoktrinierte. Aber wenn sie so sehnlich darum bitten, erklären wir es geduldig noch einmal: Wir sind weder Humankapital noch Gebärmaschinen. Wir götzen nicht den Marktgott an und wollen auch nicht in den Markthimmel. Wir glauben ans irdische Leben, an Stadt für alle und ein würdiges Ende des todkranken Patriarchats.

Michelle Steinbeck ist Schweizer Autorin. Sie schläft gerne aus.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch