Nr. 40/2021 vom 07.10.2021

Die sehr private Angst vor dem Verschwinden

Von Sibylle Berg (Text) und Julius Thesing (Illustration)

Da baut David Chipperfield. Hat gebaut. Super geworden. Wieder wurde ein «Fick dich, Welt»-Gebäude mehr von seinen Mitarbeitenden aus dem ritterlichen Erfolgsbaukasten zusammengestellt –

der Kunsthauserweiterungsbau in Zürich (circa 206 Millionen Franken, grossteils von den Bürger:innen gezahlt) gleicht mindestens acht bestehenden Chipperfield-Bauten (City of Justice, Novartis Laboratory, Office Building Karlstrasse, Morland Mixité Capitale und so weiter). Warum etwas neu denken, wenn es sich bewährt hat. Und da steht es nun, wie von Gottes Hand auf den ohnehin schon verstümmelten Platz geschmissen, und atmet

den Charme eines Stasiarchivs.

Die Überwachungskameras auf dem kilometerlangen Flachdach, mit dem sich wieder irgendwer unsere Gesichter aneignet, halten fest, ob Bürger:innen dem Ding, das sie finanziert haben, zu nahe kommen. Oder ob sie kollabieren, während sie die kilometerlangen voll versiegelten Flächen ablaufen. Gebaute Vereinnahmung öffentlichen Raumes durch Grössenwahnsinn jener, die zu viel Geld besitzen. Ein Meer aus Stein, Beton, Stahl –

gigantisch gewordene Angst, von der Welt zu verschwinden, ohne genug Verwüstung hinterlassen zu haben.

Das wird bleiben, wenn Sir David nicht mehr ist: hitzestauende Quader schnee- oder breiweisser Bauten, die sich in die Silhouetten der Städte graben und sich im kollektiven Angstgedächtnis der Bevölkerungen zementieren wie früher Kirchen, Tempel und Gerichte. Die neuen Schlösser der herrschenden Klasse, uneinnehmbar in ihrer leisen Panik vor Aufständen, unsprengbar, unabfackelbar und beeindruckungspsychologisch ganz vorne. Lass den Menschen seine Unwichtigkeit spüren und konfrontiere ihn oder sie mit seinem oder ihrem banalen kleinbürgerlichen Geschmack. Ist die Überschrift von Chipperfields Werk, seiner Tempel für Reiche, und für Kultur. Oder Raubkultur oder Naziraubkultur oder –

es ist völlig egal und über jeden Zweifel erhaben. Kleinbürger:inneneinwänden begegnet er mit der Arroganz des Erfolgs. Was sie sagen können, ist banal. Klotzig, klobig gefällt mir nicht. Am Ende gar: Mein Kind kann das auch. Nun –

dann zeugt mal Kinder in Anbetracht eurer erbärmlichen Dummheit.

Wie bei den neuen Kleidern des Kaisers wird keiner seiner Auftraggebenden eine Kritik wagen, denn Sir David hat sich Unantastbarkeit erbaut. Die Massen liken, was Massen gelikt haben, und –

wer so teuer ist, so viel gebaut hat, muss gut sein. Aus dem Kanon der Kunst, der Architektur, bestimmt von weissen Männern, gefüllt mit weissen Männern, verschwindet keiner.

Der laut der Liste von «Architectural Digest» führende Topkreative wäre eventuell auch Rugbyspieler geworden. Ein Verlust für die Welt des Sportes, die doch alle so wunderbar von dem ablenkt, was wir sowieso nicht begreifen. Können. Vermutlich hat Sir David einmal etwas gewollt, das über einen Dominanzanspruch hinausging. Privatvillen für Menschen, die Namen sammeln. In Deutschland wurde er durch die Vermittlung eines unterdessen als kriminell verurteilten Kunsthändlers bekannt, er baute das Privathaus des Bahn-Staatsbetriebsleiters Dürr, apropos, auch in Zürich entstand parallel zu dem Monolithen des Minimalen (O-Ton irgendwer) das Privathaus einer Person aus dem Kreis der Initiant:innen des Erweiterungsbaus, das einem Zusammenschluss von statistischen Landesämtern gleicht. Jetzt haben wir den Kunstklumpen. Sir David ist schon längst an einem anderen Ort aktiv oder an vielen gleichzeitig.

Und. Sosehr eine kleine Gruppe von ökologischem Bauen träumt, von begrünten Gebäuden wie dem Bosco Verticale in Mailand, von den organischen Bauten von Shigeru Ban, pflanzenbehangenen Bauten von Junyia Ishigami, ist die zementierte Wahrheit der Weltverbauung doch immer noch stabil in den Händen der Finanzkraft und ihrer gelernten Wuchtbauer

Architekten wie Foster, Chipperfield, Gehry, Herzog, Meier, Libeskind, Zumthor, die ihre Vision von Fortschritt, die in Wahrheit die sehr private Angst vor dem Verschwinden ist, in die Städte bauen.

«Gelungene Architektur bringt das Beste in uns zum Vorschein: Offenheit, Grosszügigkeit, Sanftmut, Ruhe, Harmonie, Freundlichkeit. Umgekehrt kann ein Raum einen Kriechstrom aus Einsamkeit und Sinnlosigkeit in uns erzeugen.»

Sagt Chipperfield

Letzteres läuft – sage ich.

Sibylle Berg lebte in Ostdeutschland, Rumänien und Tel Aviv und wohnt seit langem in der Schweiz. Sie brach wie alle Start-up-Entwickler:innen ihr Studium (Ozeanografie) ab und entwickelte keine Plattform, sondern schreibt Bücher und Theaterstücke.

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