Nr. 40/2021 vom 07.10.2021

Allmächtige Gazprom

Seit Jahresbeginn hat sich der globale Gaspreis verdreifacht, und in Europa könnten viele Heizungen im kommenden Winter kalt bleiben. Welche Rolle spielt dabei der russische Staatskonzern?

Von Simone Brunner

Am «Ende der Welt»: Auf der Jamal-Halbinsel im Norden Russlands erschliesst Gazprom derzeit ein neues Fördergebiet. FOTO: GOLOVANOV / KIVRIN, IMAGO

Es ist ein Ort, der beeindrucken soll – und seine Wirkung wohl nur selten verfehlt: der Kontrollraum in der Moskauer Gazprom-Zentrale. Ein Bildschirm so gross wie eine Theaterkulisse, mit einer Karte von Asien und Europa, durchzogen von feinen grünen Linien und gelben Knoten: dem Pipelinenetz des Gasunternehmens, das sich über zwei Kontinente, elf Zeitzonen und zahllose Länder zieht, von Fernost über Sibirien bis nach Deutschland. Eine an die Wand projizierte, pompöse Demonstration globaler Macht.

In der Welt des Erdgases ist Gazprom das Mass aller Dinge. Der russische Staatskonzern sitzt auf den grössten Reserven der Welt, jeder fünfte Kubikmeter Gas wird von der Firma produziert. Die EU deckt ihren Bedarf zu rund vierzig Prozent aus Russland. Kein Wunder, dass Gazprom schnell in den Fokus gerät, wenn die Preise durch die Decke gehen – wie am vergangenen Freitag, als der Gaspreis auf ein historisches Hoch von knapp hundert Euro pro Megawattstunde kletterte. Der Grund? Gazprom schickt im Oktober 77 Prozent weniger Gas durch die durch Belarus verlaufende Jamal-Pipeline nach Europa als noch im Jahr zuvor. Zufall, wie die einen sagen? Oder Kalkül, sogar Erpressung, wie andere glauben?

Heikle Fragen

Seit Jahresbeginn hat sich der Preis für Erdgas verdreifacht. Dass es am Weltmarkt schon länger gärt, hat aber nicht direkt mit Russland zu tun, sondern mit der Konjunktur: 2021 wurde weltweit mehr Gas verbraucht als erwartet, wichtige Treiber sind China mit seinem Hunger nach Flüssiggas und der erhöhte Verbrauch in Südamerika. Zugleich wird in Europa – auch infolge der Energiewende – immer weniger Erdgas produziert. Vor diesem Hintergrund hat Gazprom seine Lieferungen nach Westen aber zuletzt nicht etwa ausgeweitet, sondern sogar gedrosselt – was die Nervosität am Markt und gerade in Europa vor dem Winter noch weiter anfacht.

Warum tut Gazprom das? Eine These ist, dass Russland so versucht, die Zertifizierung der Nord-Stream-2-Pipeline zu beschleunigen, die in Deutschland ansteht. Dieser Ausbau der Ostseepipeline Nord Stream, die Russland und Deutschland direkt miteinander verbindet, wurde im September fertig gestellt und zementiert die europäische Abhängigkeit vom russischen Gas noch weiter. Ein Zusammenhang, der von Putin-Sprecher Dmitri Peskow zuletzt gar nicht in Abrede gestellt wurde: «Ohne jeden Zweifel würde die schnellstmögliche Inbetriebnahme von Nord Stream 2 die Gaspreise in Europa signifikant ins Gleichgewicht bringen.»

An Nord Stream 2 entzünden sich für Gazprom heikle Fragen – etwa ob die Pipeline die Voraussetzungen einer EU-Gasrichtlinie erfüllt, die eine Entflechtung von Gasproduktion und Pipelinebetrieb vorsieht. Kein Wunder, dass die Aufregung in Europa gross ist. Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Deutschen Bundestag, schätzt, dass Russlands Aktivitäten für «mindestens die Hälfte des gestiegenen Gaspreises» verantwortlich sind. Mehrere Dutzend EU-Parlamentarier:innen sehen darin gar eine «bewusste Marktmanipulation von Gazprom» und fordern eine Untersuchung durch die EU-Kommission. Der Konzern wiederum äussert sich nur einsilbig zu den Vorwürfen: «Gazprom erfüllt seine Lieferverpflichtungen im Einklang mit den Kundenaufträgen und in vollständiger Übereinstimmung mit den geltenden Verträgen», schreibt die Pressestelle auf Anfrage.

Politische Ziele

Dass Gazprom gegen die Langzeitverträge verstosse, sei auch gar nicht der Vorwurf, sagt der Moskauer Energieexperte Michail Krutichin. «Wäre Gazprom ein normales kommerzielles Unternehmen, würde es die hohen Preise dafür nutzen, um mehr Gas nach Europa zu liefern», argumentiert er. «Stattdessen hat Gazprom alles dafür getan, dass kein zusätzliches Gas nach Europa kommt», so Krutichin, der Partner eines Beratungsunternehmens für Öl- und Gasinvestitionen ist. Ein Muskelspiel mit dem Ziel, Druck auf Deutschland auszuüben? Erpressung zugunsten von Nord Stream 2? Krutichin, der auch in russischen Medien immer wieder regierungskritische Positionen vertritt, ist davon überzeugt.

Es wäre freilich nicht das erste Mal, dass der russische Konzern seine Lieferungen nutzt, um politische Ziele zu verfolgen. So geschehen im Gasstreit mit der Ukraine, der im Winter 2008/09 dazu führte, dass Moskau seinem Nachbarn den Hahn abdrehte – und halb Europa fror, weil die Jamal-Pipeline versiegte. Im Grunde ist die Ostseepipeline Nord Stream auch dazu da, unliebsame Transitländer zu umgehen – wie das russlandkritische Polen oder eben die Ukraine, wo Moskau im Donbass einen mehr schlecht als recht verdeckten Krieg gegen Kiew führt. Gas ist nicht nur ein Geschäft, sondern immer auch Machtspiel, Geopolitik, Druckmittel.

Vielleicht sind die Dinge diesmal aber auch komplizierter.

Heiko Lohmann gehört nicht zu jenen Expert:innen, die schnell mit dem Finger auf Russland zeigen, er hielt immer am Ausbau von Nord Stream fest. Dennoch gibt das Verhalten von Gazprom dem deutschen Gasexperten, der sich als Journalist seit achtzehn Jahren mit dem Thema befasst, Rätsel auf: Es sei tatsächlich «ungewöhnlich», dass Gazprom seine Liefermengen in diesem Jahr selbst dann nicht gesteigert habe, als die Nachfrage grösser geworden sei und die Preise nach oben schnellten. Auffällig sei auch, dass Russland in diesem Jahr viel Gas aus seinen europäischen Speichern entnommen habe, etwa im österreichischen Haidach oder im deutschen Rehden, um die Lieferverträge zu erfüllen – allerdings ohne die Lager wieder aufzufüllen.

Lohmanns Schlussfolgerung: Entweder sei Gazprom wirklich nicht willens, die Liefermengen zu steigern, oder schlichtweg nicht in der Lage dazu. Von der Erpressungsthese hält Lohmann wenig: Bis dato konnte sich Gas, obwohl es ein fossiler Brennstoff ist, als Übergangsressource für die Energiewende in Europa im Spiel halten, weil es weniger CO2 und Feinstaub verursacht als Öl oder Kohle. Das deutsche Umweltbundesamt schätzt, dass Kraftwerke, die mit Gas aus Russland, Norwegen oder den Niederlanden betrieben werden, rund vierzig Prozent weniger Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen als Kohlekraftwerke, der deutsche Klimaschutzplan 2050 sieht dennoch einen Ausstieg bis spätestens Mitte des Jahrhunderts vor.

Ein Erpressungsszenario wäre Wasser auf die Mühlen der europäischen Gasgegner:innen, sagt Lohmann, und «sehr unklug». Noch dazu mitten in den deutschen Koalitionsverhandlungen, bei denen die Grünen auf eine härtere Linie gegenüber Russland pochen.

Fehlplanung statt Kalkül

Was, wenn Gazprom derzeit tatsächlich nicht die Kraft hat, um zusätzliches Gas an Europa zu liefern? Diese These stützt das britische Oxford Institute for Energy Studies (OIES) in einer aktuellen Analyse: Gazprom, das sich gerne rühmt, selbst im Kalten Krieg Europas verlässlichster Energielieferant gewesen zu sein, sei wohl nicht daran gelegen, «öffentlich zuzugeben, dass es selbst dann, wenn es bei voller Kapazität produziert», damit zu kämpfen habe, sowohl den heimischen Bedarf abzudecken als auch die internationalen Verträge zu erfüllen – und darüber hinaus Gas nach Europa zu liefern. Also lieber nach aussen hin Stärke mimen, als eigene Schwächen zuzugeben.

Was könnte der Grund für die Lieferprobleme sein? Eine Antwort auf diese Frage findet sich womöglich nicht im blinkenden Kontrollraum der Gazprom-Zentrale, sondern mehr als 2000 Kilometer weiter nördlich am «Ende der Welt», wie die sibirische Halbinsel Jamal in der Sprache der dort lebenden Indigenen genannt wird.

Dort stelle der Konzern gerade seine Förderung auf ein neues Gasfeld um, erklärte der russische Energieexperte Konstantin Simonow kürzlich in der österreichischen Tageszeitung «Die Presse». Geplant sei gewesen, das Gas bereits früher über Nord Stream nach Europa zu schicken, aber der Anschluss der Röhre habe sich nun einmal verzögert. Es ergebe wirtschaftlich aber wenig Sinn, das Gas über das bestehende Pipelinenetz, etwa über Belarus und Polen oder die Ukraine, in den Westen umzuleiten, glaubt Simonow. Vielleicht steht hinter den geringen Liefermengen also nicht so sehr Erpressung oder Kalkül, sondern einfach Fehlplanung.

Und Nord Stream 2? Das Konsortium aus Gazprom und europäischen Energieversorgern mit Sitz in Zug verschickte am Wochenende eine Jubelmeldung: Das erste Gas sei durch die neue Röhre geströmt. Vorerst aber nur als Test.

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