Thomas Sankara : Von Vertrauten verraten und bis heute verehrt

Nr.  41 –

Ein spektakulärer Prozess soll in Burkina Faso klären, wer vor 34 Jahren das Attentat auf den revolutionären Präsidenten Thomas Sankara verübt hat. Verfolgt wird die Gerichtsverhandlung insbesondere von einer jungen Generation.

Das Kongresszentrum in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou ist weitläufig abgesperrt. Es liegt im Wirtschaftsviertel, wo internationale Organisationen, Botschaften und Unternehmen ihren Sitz haben. Hier hat am Montag der wohl spektakulärste Prozess in der 61-jährigen Geschichte des Landes begonnen. Vor einem Militärgericht soll ermittelt werden, wer am 15. Oktober 1987 den damaligen Präsidenten Thomas Sankara und zwölf seiner Vertrauten erschossen hat. Sankara war zwar nur gut vier Jahre an der Macht, gilt aber als Revolutionär, der die Geschichte des Sahelstaates wie kein anderer geprägt hat.

Der Auftakt des Prozesses ist zäh. Am späten Nachmittag heisst es, dass erst am 25. Oktober weiterverhandelt wird. Zwei Verteidiger der insgesamt vierzehn Angeklagten hatten bemängelt, nicht genügend Zeit gehabt zu haben, um das aus 20 000 Seiten bestehende Dossier zu studieren. Schon vor Prozessbeginn war klar, dass sich die Verhandlung über Monate hinziehen wird.

Der grosse Abwesende

Einer fehlt in Ouagadougou: der heute siebzigjährige Hauptangeklagte Blaise Compaoré. Er und Sankara hatten sich in den 1980er Jahren im Ausland kennengelernt und wurden Vertraute. Compaoré gehörte zu den Offizieren, die Sankara an die Macht brachten. Auch ohne Prozess und Urteil gehen viele der rund 21 Millionen Einwohner:innen Burkina Fasos davon aus, dass er später die Schüsse auf Sankara befahl. Der Präsident und seine Gefährten befanden sich zum Zeitpunkt des Attentats in den Räumen des nationalen Revolutionsrates. Wenige Tage nach ihrer Ermordung übernahm Compaoré die Macht und hielt sich 27 Jahre lang an der Staatsspitze.

Heute lebt er in Côte d’Ivoire im Exil und besitzt auch die ivorische Staatsbürgerschaft. Seine Anwälte hatten schon vergangene Woche angekündigt, dass weder ihr Mandant noch sie selbst erscheinen würden. Es sei kein faires Verfahren zu erwarten. Zudem geniesse Compaoré als ehemaliger Präsident Immunität. Unklar ist auch, wie viel Druck burkinische Behörden für eine Auslieferung gemacht haben. Compaoré hat weiterhin zahlreiche Anhänger:innen im Land. Seine Abwesenheit gilt als Manko. Historisch bleibt der Prozess trotzdem, weil er deutlich macht: Auch Staatschefs können zur Rechenschaft gezogen werden.

Wäre Compaoré gekommen, wäre wohl auch das Interesse am Prozess grösser. Jetzt verfolgen diesen vor allem Sankaras frühere Anhänger, Vertreterinnen der Zivilgesellschaft und eine junge Generation, die erst Jahre nach dem verhandelten Verbrechen geboren ist. Für sie ist der erschossene Präsident ein Held. «Er hat Opfer gebracht und persönliche Bedürfnisse zurückgestellt», sagt Smockey. Er ist Sänger, Aktivist und Sprecher der Bewegung «Balai Citoyen». Die «Bürgerbesen» waren im Herbst 2014 massgeblich am Sturz Compaorés beteiligt. Zuvor hatten sie wochenlang gegen sein Regime demonstriert. «Sankara hat für seinen Traum gekämpft. Er hat nicht nur geredet, sondern das, worüber er gesprochen hat, selbst umgesetzt», sagt Smockey.

Ein Symbol für die Emanzipation

Für die Bewegung Balai Citoyen ist Sankara bis heute ein Vorbild. So pflanzen sie Bäume in Dörfern und Stadtteilen, um etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Das hatte Sankara bereits in den 1980er Jahren angeregt. Am Wochenende veranstalten sie einen Gedächtnislauf, hatte Sankara doch zu wöchentlichen Sporttagen aufgerufen.

Sankara setzte sich für die Frauenbewegung und das Recht auf Bildung ein. Er wurde so zu einem Symbol für die Emanzipation in ganz Afrika. Ein gutes Jahr nach der Augustrevolution, die ihn am 4. August 1983 an die Macht gebracht hatte, kritisierte er vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York den Begriff der «Dritten Welt» und die Ausbeutung des Globalen Südens. Das Volk von Burkina Faso wolle künftig sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und Neokolonialismus und Imperialismus nicht weiter akzeptieren. Das war vor allem eine deutliche Kritik an der einstigen Kolonialmacht Frankreich.

Im Prozess soll nun auch untersucht werden, welche Rolle Frankreich bei der Ermordung Sankaras gespielt hat. «Mehreren Zeugenaussagen zufolge war Frankreich genau darüber unterrichtet, was gerade vorbereitet wurde», sagt Bruno Jaffré. Der Sankara-Biograf arbeitete zur Zeit des Attentats in Burkina Faso. Einen Tag nach den Morden seien französische Agenten gekommen, um Aufzeichnungen von Telefongesprächen zu löschen, die ein Beweis für das Komplott von Compaoré und Jean-Pierre Palm, einem Gendarmerieoffizier, gewesen wären. «Für mich ist das ein konkreter Hinweis», sagt Jaffré.