Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Impfspagyrik

Bettina Dyttrich verbreitet anekdotische Evidenzen

Von Bettina Dyttrich

Es gibt Lebensbereiche, in denen es das Allerwichtigste ist, anerkannten wissenschaftlichen Fakten zu folgen. Weil es Leben gefährdet, es nicht zu tun: Wenn ich einen Stein aus einem Hochhaus werfe, fällt er nach unten. Die Erde erwärmt sich, weil die Menschen Treibhausgase freisetzen. Und wenn 2021 viele Menschen ohne Impfung, Test und Maske zusammen in die Disco gehen, ist das Risiko gross, dass einige mit Corona wieder herauskommen.

Es gibt aber auch Lebensbereiche, da ist alles etwas weniger klar. Ich kenne zum Beispiel ein paar Leute, die die Moderna-Impfung ohne nennenswerte Nebenwirkungen überstanden haben. Und wir haben etwas gemeinsam: Wir benutzten Impfspagyrik.

Ich weiss, das beweist gar nichts. Spagyrik beruft sich wie Homöopathie auf altes Heilwissen und entspricht heutigen wissenschaftlichen Standards nicht. Trotzdem habe ich Freude an der Impfspagyrik. Weil sie zeigt: Es geht hier nicht um einen Kampf zwischen sogenannter Schul- und Komplementärmedizin. Viele lassen sich impfen und sind trotzdem offen für verschiedene Medizintraditionen.

Die Theorien, mit denen Homöopath:innen ihre Medizin erklären, machen mich zwar skeptisch. Was soll da wirken, wenn vom ursprünglichen Wirkstoff gar keine Moleküle mehr da sind? Aber ich gehe davon aus, dass es auf der Welt vieles gibt, was wir noch nicht verstehen. Und auch manches, was wir mit unserer beschränkten Wahrnehmung gar nicht verstehen können. Warum tun viele, die sich auf die Wissenschaft berufen, so, als wäre die Welt vollständig bekannt und erklärt? Das ist eine extrem unwissenschaftliche Haltung. Wenn wir einem Wissenschaftler aus dem 18. Jahrhundert Radioaktivität erklären müssten, hielte er sie auch für Hokuspokus.

Und manchmal werden Dinge, die als «hard facts» gelten, von der Forschung überholt. Auch «Rassenhygiene» galt einmal als Wissenschaft. Und was ich in der Schule über Gene lernte, ist inzwischen hoffnungslos überholt. Heute wissen wir, dass es viel komplizierter ist – weil Forschende den Mut hatten, Dogmen anzuzweifeln.

Vielleicht wissen wir eines Tages mehr über die Wirkung von Homöopathie. Vielleicht ist sie auch wirklich nur Placebo – aber was heisst da «nur»? Der Placeboeffekt ist nicht einfach «Einbildung»: Placebos führen dazu, dass körpereigene Chemikalien ausgeschüttet werden, die zum Beispiel Schmerzen lindern. Ein faszinierendes Forschungsfeld, das zeigt: Körper, Geist und Psyche sind keine getrennten Bereiche.

Immer mehr Bäuer:innen – längst nicht alle bio – behandeln ihre Tiere erfolgreich homöopathisch. Sogar wenn der Erfolg nur auf Sorgfalt, Zeit und Zuwendung beruhen sollte – also auch auf einer Art Placeboeffekt –, ist er positiv. Alles, was den Antibiotikaverbrauch ohne Schaden senkt, ist positiv, denn eins ist sicher: Antibiotikaresistenzen haben katastrophale Folgen. Dazu gibt es genug «hard facts».

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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