Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Das tote Küken schmücken, den alten Güggel kochen

Als queere Frau auf dem Land, in Gemeinschaft mit Tieren: Im Buch «Babel» entwirft die Baselbieter Künstlerin Sandra Knecht eine Welt aus Wundern und Widerstand.

Von Bettina Dyttrich

«Tiere sind nicht auf der Welt, um uns irgendetwas beizubringen. Dennoch haben sie das immer schon getan.»
Helen Macdonald

«Meine Ausstellung dreht sich um das Thema ‹Babylonischer Turm›», schreibt Sandra Knecht im Januar dieses Jahres. Sie interessiere «die Vielsprachigkeit als Strafe Gottes. Aber auch die Überheblichkeit des Menschen über die (eigene) Natur.» Auf Mapprach im Oberbaselbiet, einem über 300-jährigen Bauerngut mit einem englischen Landschaftspark, will Knecht einen Turm zu Babel bauen.

Anfangs denkt sie über einen «Artenschutzturm» nach, «einen geschützten Raum für Pflanzen, Insekten und Vögel». Doch die Ausstellung soll im Frühherbst stattfinden, wenn die Vögel längst nicht mehr brüten. Die Künstlerin verwirft ihr Konzept und beginnt, über Nutzgeflügel nachzudenken: Hühner, Tauben, Truten, Perlhühner. In einem riesigen Volierenturm sollen die Tiere «ihre Vielsprachigkeit und Identität» pflegen.

Sandra Knecht ist zwischen den Waldhügeln des Zürcher Oberlandes aufgewachsen, in einer Familie, die sich für alternative Ideen interessiert und sich makrobiotisch ernährt. Als Jugendliche erschliesst sie sich den Raum mit dem Velo, fährt weite Strecken zum Reiten, zum Fischen, in die Flötenstunde. Früh lernt sie kochen, hilft beim Metzgen; die Anatomie der Tiere fasziniert sie. Später wird sie Sozialpädagogin, arbeitet mit geflüchteten Jugendlichen und findet Zugang zu deren Familien, indem sie die Mütter nach Rezepten fragt. Nach über zwanzig Jahren Berufsleben studiert sie Kunst, gleichzeitig erkocht sie sich allmählich den Respekt der Spitzengastronomie. Sie zügelt eine Scheune aus dem Jura an den Basler Hafen und eröffnet den «Chnächt», wo sie einmal im Monat für dreissig Leute kocht, «immer ohne Rezept, meist über oder im Feuer». Im «Chnächt» habe sie ihre künstlerische Identität gefunden, sagt sie heute.

Die Ausstellung auf Mapprach ist vorbei, doch «Babel» ist auch ein Buch geworden. Ein wildes Werk mit Bezügen in alle Richtungen, eine Wunderkammer. Es dokumentiert Knechts Vorbereitungen für die Ausstellung und wird selbst zur Ausstellung. Die Vögel sind schon da. Die babylonische Sprachverwirrung auch.


Am Geflügel interessiert Knecht das Zwiespältige, die Ausbeutung: «Kaum ein Tier ist so wenig wert wie ein Huhn.» Sie thematisiert die Verschwendung feudaler Bankette früherer Jahrhunderte, wo absurde Mengen Vögel aufgetischt wurden, aber auch die heutige Intensivmast, in der ein hochgezüchtetes Poulet nach einem Monat «schlachtreif» ist. Der Zynismus ist nicht neu: Knecht beschreibt, wie man Gartenammern die Augen ausstach, damit sie mehr frassen. «Nach dem Ertränken in Armagnac wurden sie in Fett confiert.»

Knechts Alltag steht im Gegensatz zu dieser Brutalität: Sie lebt mit ihrer Partnerin, Geissen, Schafen, Vögeln, Hunden und Katzen im Baselbiet. Eine Tier-Mensch-Kommune, in der die Grenzen bisweilen verschwimmen – wenn Knecht ein Geissenfell vor dem Gesicht, Blumenkranz und Hörner trägt, irgendwo zwischen «Toni Erdmann» und einem Lötschentaler «Tschäggättä», der die Holzmaske verloren hat. Jeden Tag geht sie mit ihren drei Ziegen spazieren: eine Notwendigkeit, die auch eine Performance sein kann.

Die Liebe zu den Tieren, das Aufgehenwollen im Tier schliesst das Essen von Tieren nicht aus. «Babel» thematisiert das nur implizit, mit einem Rezept für «Güggel in Riesling». Bedingt sich da sogar etwas? Am engsten mit Tieren zusammen leben Menschen immer noch in der sogenannten Nutztierhaltung, dort, wo sie nicht zur Massentierhaltung geworden ist. Es ist fraglich, ob sich mit Haustieren die gleichen Erfahrungen machen lassen. Knecht will beides: das verstorbene Küken mit Blumen schmücken und den alten Güggel kochen. Der Respekt gilt dem lebenden Tier genauso wie dem toten. Sie kocht bewusst keine Jungtiere.


Daniel Baumann, Kurator der Kunsthalle Zürich, denkt in «Babel» über eine Aussage von Sandra Knecht nach: Heimat sei für sie «auch die Frage nach der Geschlechteridentität und der Sehnsucht nach den Traditionen und der Kultur, aus der man stammt». Diese Themen seien bis vor zehn oder zwanzig Jahren nicht vereinbar gewesen, so Baumann. «Es war nicht denkbar, Geschlechteridentität mit dem Begriff ‹Heimat› in Verbindung zu bringen und dann auch noch mit ‹Tradition›.»

Stimmt das? Oder stimmt es vor allem für den (urbanen) Kunstkontext? Queere Frauen auf dem Land, Butches auf der Alp, kurzhaarige Töchter, die den Hof der Eltern übernehmen wollten (und oft nicht durften), das ist alles nicht neu. Nur blieb diese Tradition lange verborgen, unausgesprochen oder ungläubig ignoriert. Wie bei Claude Cahun und Marcel Moore, dem Künstlerinnenpaar, das auch in «Babel» auftaucht. Die beiden lebten während des Zweiten Weltkriegs auf der Kanalinsel Jersey, schrieben und verteilten heimlich Flugblätter gegen die deutschen Besatzer und wurden schliesslich verraten. Die Nazis konnten nicht glauben, dass die beiden das alles ganz ohne Männer gemacht hatten. Nicht-Zutrauen ist auch ein Schlupfloch: Weitaus mehr queere Männer als Frauen wurden verfolgt. Aber unter dem Radar durchzuschlüpfen, ist längst nicht genug für ein gutes Leben. Sandra Knecht macht eine Tradition sichtbar, die selbstverständlich queer und ländlich ist. Und in der Voliere brütet die Huhnhenne Perlhuhneier aus und «verteidigt all ihre Kinder», auch die adoptierten.

Knecht hat Schwarzweissfotos ins Buch eingestreut, teils aus ihrer Familiengeschichte, teils aus dem Nachlass einer Frau, die vor hundert Jahren in ihrem jetzigen Dorf lebte. Die Mädchen und Frauen auf diesen Bildern, die da manchmal erschöpft, manchmal eingeschüchtert, manchmal leise übermütig in die Kamera schauen, könnten in die Zukunft fragen: Was macht ihr jetzt mit euren Möglichkeiten? Nehmt ihr euch, was euch zusteht?


«Babel» dokumentiert auch einen Kleinkrieg mit den Behörden. Denn Sandra Knecht braucht Land für ihre Vögel. Rechtlich gilt sie als Hobbytierhalterin und hat darum keinen Platz in der Landwirtschaftszone. Sie findet zwar einen Eigentümer, der ihr eine alte Rebparzelle verkaufen will. Dort ist Geflügelhaltung aber nicht zonenkonform; die Gemeinde lehnt ihr Anliegen ab.

Dieses Nein hat womöglich weniger mit der «scheissheteronormativen Männerwelt» zu tun, als Knecht denkt. Tausende Bewohner:innen dieses Landes führen ähnliche Kleinkriege, wollen mit ihren Pferden, Kaninchen, Gärten in die Landwirtschaftszone; die Schweiz wäre eine einzige Selbstverwirklichungslandschaft, wenn es alle könnten. Landwirtschaft als Beruf gäbe es kaum noch. Aber die trage ja ohnehin die Hauptschuld am Rückgang der Biodiversität, zitiert Knecht den deutschen Ornithologen Peter Berthold.

Doch um die Biodiversität zu fördern und zu pflegen, führt kein Weg um die Landwirtschaft herum. Gerade im Basler Jura, wo die Landschaft nie so durchrationalisiert wurde wie im Mittelland, tun das schon viele Bäuerinnen und Bauern. Und für den diesjährigen Agropreis der Emmental-Versicherung ist ein Projekt nominiert, das dem «Artenschutzturm» aufs Haar gleicht.

Natürlich passt der Streit um ein paar Vögel im Rebberg auch perfekt in die babylonische Sprachverwirrung: Die Ämter reden eine Sprache, die für die Bürgerin keinen Sinn mehr ergibt. Sie seien nun alle auch «involviert in die soziale Skulptur ‹Babel›», schreibt Knecht und ergänzt die amtlichen Dokumente mit ausführlichen, todtraurigen, aber oft auch sehr lustigen Mails ihrer Freundin Kristin T. Schnider, Schriftstellerin und (inzwischen zurückgetretene) Gemeindepräsidentin von Wassen UR, eine weitere queere Frau auf dem Land. Schnider beschreibt eine Sitzung zum «Siedlungsleitbild», die «eigentlich jeden noch denkenden Menschen in die Schizophrenie treiben müsste».

Die Sprachverwirrung hat auch Vielfalt geschaffen. Identität entsteht auch aus Abgrenzung. «Heimat als permanenter instabiler Zustand», schreibt Knecht.


Später schickt Kristin T. Schnider einen Text über Glück: «… dort, wo ich keine Angst habe, dafür bestraft zu werden / dort, wo ich nicht in Kategorien von ‹verdient› und ‹unverdient› denke / dort, wo ich dem Universum einen Blumenstrauss bringen möchte …»

Glück scheint auch aus den Fotos in «Babel», die zum Teil von Tina Sturzenegger, zum Teil von Knecht selber stammen. Aus den Bildern ihrer Provisorien, Ställe, Kartonschachtelgebirge; aus den Tierporträts, die manchmal hochsymbolisch, manchmal urkomisch wirken; aus den Strukturen von Federn, Rinde, Wolken. Und am stärksten vielleicht aus dem Bild der Holunderblüten im Dunkeln, das Knechts Partnerin Muriel Utinger aufgenommen hat: Es trägt die Wärme, die Gerüche, das ganze Wunder einer Frühsommernacht in sich.

Schnider deutet es an: Glücksgefühle sind für viel zu viele Frauen immer noch mit schlechtem Gewissen verbunden. Die traurigen Archivbilder zeigen vielleicht, warum das so ist. Aber es gibt einen Weg hinaus. Auch daran arbeitet Sandra Knecht.

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