Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Der Mediawetterbericht

Ruedi Widmer lanciert eine neue Prognostik

Von Ruedi Widmer

Für den modernen Menschen, der im Internet lebt und in einem städtischen Umfeld einem voll klimatisierten Bürojob nachgeht, hat das Wetter einen ganz anderen Stellenwert, als es einst für den Bauern hatte, der aussäte und erntete, dem Sonnenschein und dem Regen ausgesetzt war und reiche und magere Jahre erlebte. Das Wetter vom Himmel spielt im Leben des modernen Menschen keine Rolle und ist höchstens auf dem Weg von der S-Bahn zum Tram und vom Tram zum Büro von Bedeutung, allenfalls noch für Freizeitaktivitäten wie Surfen, Wandern oder Sünnelen. Deshalb muten auch der bis ins kleinste Temperaturdetail ausgebaute Wetterbericht oder die stündlichen Meteo-News heute anachronistisch an. Für sein Vorankommen ist der moderne Mensch auf andere klimatische Vorgänge angewiesen. Wichtiger als das Wetter sind die Vorgänge in den Onlinemedien, die auf ihn einwirken, seine psychische Verfassung und sein Verhalten im Alltag bestimmen.

Deshalb erscheint an dieser Stelle die erste Betaversion eines sogenannten Mediawetterberichts, der bald täglich erscheinen soll. Aus pragmatischen Gründen bezieht sich dieser Prototyp nicht auf heute, sondern auf den Donnerstag, 14. Oktober 2021.

Mediawetterbericht vom 14. Oktober 2021

Allgemeine Lage: Im Osten Europas wirkt noch das Tief Sebastian Kurz nach, das lang anhaltende Berichterstattung und Dachschäden gebracht hat; die Schweiz liegt an seinem westlichen Rand in einer schwachen Impfstrategieströmung. Von Norden dringt die heisse Luft des Hochs Ampelkoalition in den Alpenraum vor. Die Ausläufer des Bogenschützentiefs über Nordeuropa streifen die Schweiz in Form von hohen, meist dünnen Empörungen. Auf morgen verflachen der Druck und die Verteilung, und die medialen Inhalte prasseln ausschliesslich in Form von Bytes auf die Leserschaft nieder.

Wetter in der Schweiz heute Donnerstag: In den Alpentälern gibt es noch einige Trychlerreste. Im östlichen Mittelland liegen letzte James-Bond-Rezensionen, die sich bis zum Mittag auflösen. In der Südostschweiz eine Fotostrecke über das 64. Internationale Pferderennen von Maienfeld. Im Laufe des Nachmittags ziehen ein paar dichtere Nachbetrachtungen zu mässig besuchten Coronademonstrationen vorbei. In den Niederungen zeitweise starke Böen aus Katzencontent, Sport-Fails, Tattooentfernungstipps und allerlei Kochzaubereien aus Kürbissen. Gegen Abend örtlich starke Berichte über Cyberattacken auf Firmen. Auf der Alpensüdseite hält sich weiterhin zähes, gekauftes Lob auf Google Maps.

Aussichten Freitag und Wochenende: In der Nacht auf Samstag sinken die Klickzahlen dieses Jahr erstmals auf unter null. Örtlich gefrorene Leserreporter mit glitschiger Informationsschicht. Über Mittag ein grosses Leserbild über der Zentralschweiz, das, wenn auch nur kurz, für blauen Himmel sorgt. Am Samstagabend von Westen aufziehende, am Sonntag teilweise dichter werdende hohe Coronazahlen. Die Höchstwerte liegen im Norden bei 291, auf der Alpensüdseite bei 187 Leserkommentaren.

Prognose für kommende Woche: Von Westen her hoch fliegende Infrastrukturpakete von Macron. Von Norden nachlassender Laschet. Die Woche über in der ganzen Schweiz, aber besonders in Zeitungsbünden und im Engadin immer wieder jahreszeittypische örtliche Blocher-Interviews. Anhaltendes Lamento über das Massnahmengesetz (am Mittwoch bis 3 cm/m2). Gegen Ende der Woche gehen vielerorts Newsticker über jede noch so kleine Skeptikerdemo nieder. Durchfallgrenze sinkt auf 800 Meter. Über der ganzen Schweiz baut sich in der zweiten Wochenhälfte das Hochdruckgebiet Petarde auf, eine Satirezelle mit Lachgeschwindigkeiten bis hundert Kilometer pro Stunde.

Sonnenauf- und untergang täglich garantiert. Abnehmende Mondfasern. Sternkonstellationen wirken, sofern nicht von Wolken verdeckt.

Ruedi Widmer (Winterthur) gehört zu den Eulachtaler Medienschmöckern.

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