Nr. 43/2021 vom 28.10.2021

Marktfantasie

Annette Hug war an der Buchmesse

Von Annette Hug

Ist jede Herbstmesse auch ein Jahrmarkt? Die Frankfurter Buchmesse zum Beispiel? Die Frage tauchte in Basel auf, in einem Tram zwischen Badischem Bahnhof und Bahnhof SBB. Ein ICE war angehalten und geleert worden, die Reisenden suchten auf eigene Faust einen Weg zu ihren Anschlusszügen. Ihr Tram hielt an einer Chilbi, wo Familien mit Kinderwagen einsteigen wollten. Die Rollkoffer waren schwer, weil viele der Reisenden aus Frankfurt kamen, wo sie an der Buchmesse Geschenke angenommen und zugegriffen hatten, wenn da etwas auslag, was sie woanders nicht so leicht finden würden.

Auch in Frankfurt war ein bisschen Jahrmarktstimmung, obwohl manche sagten, die Stimmung sei gespenstisch. Nur 36 000 Fachbesucher:innen, verteilt auf drei Doppelhallen. Ihnen blieb viel Zeit zum Reden. Zum Beispiel über den Stand eines rechtsextremen Verlags. Und über Autor:innen, die seinetwegen fernblieben.

Die Kölnerin Jasmina Kuhnke hatte zum Boykott aufgerufen, weil sie sich als Schwarze Frau bedroht fühlen müsse, wenn die Veranstalter:innen der Buchmesse einen Verlag der Neuen Rechten zuliessen. Die Nachteile, die sie dafür in Kauf nahm: sich von Gesprächen und Möglichkeiten auszuschliessen. An der Frankfurter Buchmesse wartet eigentlich niemand auf einzelne Autor:innen. Wie würde eine Aktion aussehen, die dem besagten Verlag mehr schadet als den Autor:innen, die boykottieren?

Wenn Leute mit Rollkoffern anreisen, statt vor einem Bildschirm zu sitzen, passiert zum Beispiel Folgendes: Schon bei der Kontrolle der Covid-Zertifikate am Eingang fällt ein Mann in Batikhosen auf. In Manila würde niemand so was tragen, aber vielleicht einer, der die Philippinen im Ausland repräsentiert. Tatsächlich hat ein Delegierter der dortigen Buchförderungsagentur den Weg um die Welt und durch die Quarantäne geschafft und steht mir jetzt fast auf die Füsse. Ein erstes kleines Fest, das sich in gegenseitigen Besuchen fortsetzt.

Die Stände der Länder und Verlage sind wie Zelte, in denen sich Reisende kurzfristig installieren, um Gäste zu empfangen. Da passiert einiges, was nicht geplant, vorgesehen oder einberechnet ist. Wie auf den Wochenmärkten, die im Frühling 2020 geschlossen worden waren, während die Filialen der Grossverteiler offen blieben. Die Wochenmärkte galten nicht als Verkaufsstellen für lebensnotwendige Güter, sondern als Veranstaltungen. Wie Jahrmärkte. Offenbar gibt es einen Handel, der die Grenze von Wirtschaft und Kultur aufhebt. Da bricht im Wort «Wirtschaft» die Beiz durch, und Beziehungen verdichten sich anregend, der Austausch wirkt allgemein bereichernd. Mit den meisten real existierenden Märkten hat das nichts zu tun.

In Frankfurt geistert immer auch Theodor W. Adorno herum: «Seit der umfassende Verteilungsapparat der hochkonzentrierten Industrie die Sphäre der Zirkulation ablöst, beginnt diese eine wunderliche Post-Existenz», schrieb der Philosoph 1951 und dachte an Leute, die im Alltag zwar von Grosskonzernen beherrscht werden, aber sich verhalten, als sei alles ein schöner freier Wettbewerb.

Trotzdem will ich das jahrmärktliche Gefühl der Buchmesse nicht als Nostalgie abtun. Es wäre doch möglich, Märkte ganz allgemein so zu regeln, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes gut funktionieren.

Annette Hug ist freie Autorin in Zürich. Das Statement von Jasmina Kuhnke alias Quattromilf findet sich auf Twitter unter @ebonyplusirony.

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