Nr. 43/2021 vom 28.10.2021

Sie schwärmt aus

Auf ihrem ersten Album seit sechs Jahren legt Evelinn Trouble lauter falsche Fährten. Das geht fiebrig in alle Richtungen. Klingt aber auch so verspielt wie seit ihrem Debüt nicht mehr.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Wer sie schon ist, kann sie nicht werden: Evelinn Trouble. Foto: Noëlle Guidon

Und dann: Feuerwerk – hört ihr das? Es ist einer der schönsten Momente auf dem neuen Album von Evelinn Trouble. Es klingt wie knatternde Drums, im Refrain von «Roadkill», aber weiter hinten gehen Heuler in die Luft, und dann merkt man: Hier werden Pyros gezündet, aber nicht einfach als Soundkulisse. Das Feuerwerk geht auf im Song, wird Musik. Die Raketen und Schwärmer hat Evelinn Trouble bei Youtube abgegriffen, bei irgendeinem Video vom Independence Day in den USA. Passt gut zu diesem Bekenntnis einer angefahrenen Seele: «I am roadkill in the way of your salvation / You’re getting yours by crushing mine». Vielleicht war es Liebe, aber als Kollateralschaden im Nahverkehr, wenn Typen ihre Erlösung suchen, indem sie andere überfahren. Wie weiter jetzt? Bloss nicht liegen bleiben und an Ort und Stelle verbluten. Sondern aufstehen, in die eigene Unabhängigkeit, der nächsten Kreuzung entgegen.

Mehr als sechs Jahre liegt das letzte Album von Linnéa Racine zurück, wie die 32-jährige Zürcherin richtig heisst. Das war «Arrowhead» (2015), eine Platte wie ein Findling in der Landschaft: wuchtig, einzigartig und voller Geheimnisse, die sie nie restlos preisgeben wird. Später liess Trouble noch das Minialbum «Monstrous» (2018) folgen, vier Popsongs irgendwo zwischen Trap, verwaschenem Bombast und Abba-Glitzer. Sechs Jahre, das ist viel Zeit für eine, die für ihre ersten vier Alben gerade mal acht Jahre brauchte.

Wie ausgebremst

Und jetzt also: «Longing Fever», fiebrig vor lauter Sehnsucht. Die Zeit, die seither verstrichen ist, meint man auch in der Stimme zu hören. «Don’t go there, love / Hold your horses», heisst es einmal auf dem neuen Album. Wie eine Beschwörungsformel für sie selbst: Zügle dich, geh nicht wieder dorthin (wo es wehtut). Und so klingt ihr Gesang jetzt fast durchweg – immer noch unverkennbar Trouble, aber irgendwie gedrosselt, weniger hochtourig. Man könnte auch sagen: gelöster. Immer leicht auf der Bremse, statt voll durchzudrücken: Ja, sagt sie im Gespräch, sie empfinde das auch selber so. «Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, mein Publikum anzuschreien.»

Dorthin, wo es wehtut: Das ist hier durchaus wörtlich gemeint. Vor einigen Jahren hatten sich schmerzhafte Knötchen auf ihren Stimmbändern gebildet, nicht zum ersten Mal. Sie hat das schon einmal erlitten, mit 23 Jahren. Diesmal zog Evelinn Trouble die Reissleine. Sachte musste sie ihre überstrapazierte Stimme neu aufbauen, seit 2017 nimmt sie Gesangsstunden.

Aber auch sonst klingt ihr neues Album nach Neustart. Als wollte sie etwas wagen, was eigentlich gar nicht geht: nochmals ein erstes Album, vierzehn Jahre nach ihrem ersten, als sie noch ein Teenager war. Sie selber nennt es eine Rückeroberung: «Ich wollte mir das zurückerobern, was ich mit Evelinn Trouble ursprünglich wollte.» Also zurück zu einer Idee von Pop und zu grösstmöglicher Autonomie. Wenn man diesem Prozess in den Songtexten nachspürt, klingt das manchmal ganz schön ausweglos: «Who I am and what I want is done / Who I am is what I can’t become». Alles, was ich bin und was ich will, ist schon getan – und wer ich bin, ist das, was ich nicht werden kann.

Tönt kompliziert, diese Suche nach einem verlorenen Selbst, aber auf dem Album wirkt das alles andere als angestrengt. Der leicht verjazzte Pianopop zu Beginn lässt noch befürchten, Trouble habe zu einer etwas beliebigen Form von sogenannter Reife gefunden. Doch rasch merkt man: falsche Fährte. Musikalisch zeigt sie sich so eklektisch und auch so verspielt wie seit ihrem Debüt nicht mehr. «Just Wanna Vibe» setzt ein mit lieblichem Gesangsintro wie für einen alten Broadway-Hit. Doch daraus wird eine ausgelassene Partynummer, zu einem schleppenden Shuffle Beat aus der Maschine. Später gibts sogar Techno à la Underworld, und «Who I Am and What I Want» ist gespenstisch verhallter New Wave, wie ein Echo aus der Frühzeit von The Cure.

Schon wieder woanders

Immer wieder hört man auf «Longing Fever» die Freude an seltsamen Sounds, sei das ein billiger alter Synth-Effekt wie der Orchestra Hit in «Truly Vain» oder die Singende Säge ganz am Ende, im Titelstück. Und immer dann, wenn man zu wissen meint, wie dieses Album zu fassen wäre, ist es schon wieder woanders. Im Kleinen spiegelt sich das schon in «Roadkill», dem grandios überfrachteten Herzstück. Schwer mitzuzählen, was für atmosphärische Wendungen der Song mit dem Feuerwerk in gut vier Minuten alles nimmt, inklusive «Möchtegern-Rap» (wie sie es nennt).

Produziert hat sie das Album diesmal selber. Irgendwann habe sie begriffen, dass es keinen Typen braucht, der alles noch studiotechnisch veredelt und so quasi wissenschaftlich beglaubigt, wann ein Song fertig ist: «Wer Musik produziert, entscheidet selber, wann es ‹richtig› ist.» Und wenn sie nächstes Jahr auf Tour geht, wird sie erstmals mit lauter Frauen auf der Bühne stehen. Schlechte Erfahrungen mit ihren früheren Bands? Das nicht, sagt sie. «Aber wenn man erreichen will, dass mehr Frauen auf der Bühne stehen, muss man bei sich anfangen.»

Was übrigens die verstrichene Zeit angeht: Trouble hat rund ein Dutzend Songs mehr auf der Seite, die es nicht aufs Album geschafft haben. Noch nicht richtig fertig, aber vielleicht schickt sie diese schon bald hinterher. Die Sehnsucht bleibt fiebrig.

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