Nr. 45/2021 vom 11.11.2021

Eine Reise zurück

Ruedi Widmer über Abba und ihr neues Album «Voyage».

Die Leggins sind heute ja auch wieder in: Björn, Agnetha, Anni-Frid und Benny 1979 bei einem Auftritt im Londoner Wembley-Stadion. Foto: Mike Prior, Redferns

Abba waren im Kindergartenalter meine erste Band, noch bevor ich die alten Elvis- und Beatles-Platten meiner Mutter entdeckte oder Neue Deutsche Welle im Radio hörte. Ich erinnere mich, wie meine Mutter 1979 das neue Abba-Album «Voulez-Vous» heimbrachte. Ich konnte alle Lieder bald nachsingen, sehr laut und nur die Melodien – ohne Text.

Auch in der Schule war ich immer noch eher von Abba als von AC/DC fasziniert. Ich mochte (und mag noch heute) Tanzbeats und Melodien.

Abba waren wohl vor allem so verhasst bei vielen «richtigen» Musikfans, weil sie nicht für Musiker:innen Musik machten und auch nicht für eine bestimmte Jugendbewegung, sondern für 0 bis 99. Sie waren apolitisch und ohne tiefere Botschaft. Dazu war ihre Musik auch nicht besonders cool. Manches (ich besitze alle Abba-Alben) ist auch einfach Mist. Aber die Geniestreiche sind so überirdisch gut, dass sie sich ins kollektive Bewusstsein der Menschheit einnisteten. Sie sind komplex komponiert und trotzdem singbar für jeden Durchschnittsmenschen. Sie haben stets klare Gesangslinien in der Tradition des Volkslieds, praktisch ohne Einfluss von Soul oder Rock. Manche Musiker:innen wurden zu Abba-Fans, darunter Elvis Costello (der offen zugab, schon zeitgenössisch bei Abba geklaut zu haben, die Klaviermelodien, gespielt in einem Oktavengriff zum Beispiel), Jarvis Cocker von Pulp (der 2017 im Southbank Centre in London eine Abba-Ausstellung kuratierte), Neil Hannon von The Divine Comedy und weitere.

Sie haben das Feeling immer noch

Nun, vierzig Jahre nach ihrer Auflösung 1981, haben Abba eine neue Platte aufgenommen. Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad sind inzwischen über siebzig.

Seit Erasure 1992 mit ihrer Cover-EP «Abba-esque» der Geniestreich gelang, Abba wieder ins Gespräch zu bringen, war eine Wiedervereinigung der Band oder ein neues Album denkbar. Das Best-of-Album «Abba Gold» erschien kurz darauf, und ich war um diese Zeit mal an einem Konzert der australischen Band Björn Again (bereits 1988 gegründet), die Abba täuschend echt nachspielten, aber mit einem gewissen Schalk.

Abba haben mit «Voyage» ein solides Album gemacht, wenn auch mit angezogener Handbremse. «Keep an Eye on Dan» oder die erste Single «I Still Have Faith in You» sind ganz gute Songs, Björn und Benny haben das Feeling immer noch. Alles klingt ungefähr nach der mittleren Phase von «The Album» und «Arrival», gute Hookline da, kitschige Flöte dort, verbleibt also in der Band-Vergangenheit. Die neuen Kompositionen sind frei von aktuellen Einflüssen, deepen Bässen oder Vocodern, selbst von dem Abba eigentlich vertrauten Discostil, der ein derzeitiger Mikrotrend gewesen wäre – man höre Roisin Murphy, Kylie Minogue, Jessie Ware.

Etwas enttäuschend ist dieser rein rückwärtsgewandte Sound von «Voyage» schon. Denn Abba sind in ihrer Karriere stets mit der Zeit gegangen, haben sich stilistisch reichlich an den aktuellen Tendenzen bedient und daraus meist etwas musikalisch Solides bis Geniales gemacht: vom Folk Anfang der Siebziger (noch vor dem Eurovision-Durchbruch mit «Waterloo» 1974) über Schlagerhaftes, nach Bacharach/David Klingendem, Glamrock, Musical-Musik und Disco bis zum Elektropop auf dem letzten, unterschätzten Album «The Visitors» (1981).

Aus der Zeit gefallen

Sie hätten 2021 auch mit aktuellen Produzenten zusammenarbeiten können, die ein Faible für höheren Pop haben, zu dem man Abba zählen muss; Richard X zum Beispiel, Xenomania oder Stuart Price. Letzterem ist 2005 eingefallen, das Eingangsriff von «Gimme! Gimme! Gimme! (A Man after Midnight)» für Madonna zu verwenden, was ihr ihren letzten wirklich grossen Hit einbrachte («Hung Up»). Es ist übrigens das einzige je von Abba autorisierte Sample.

Die Musik von «Voyage» korrespondiert letztlich nicht ganz mit der neuen Technologie, die die Band showtechnisch anwendet. Abba werden im Mai in London virtuell als «Abbatare» auftreten, ohne vor Ort sein zu müssen, was man von Siebzigjährigen schlichtweg akzeptieren muss. Was sich Kraftwerk als technologische Zukunftsvision vorstellten, als sie 1978 von Düsseldorf aus die Roboter als Kopie ihrer selbst in New York aufspielen liessen, wird bei Abba nun zur geriatrischen Praxis.

Jugend ohne Pop

Popmusik wird zum erstarrenden Museum, mit Hightech ausgeleuchtet. Neues hat es über ein Spartenpublikum hinaus schwer. Gefördert wird dies durch die Verfügbarkeit des Backkatalogs aller Bands von früher über Streamingdienste und durch das musikalische Desinteresse der meisten Radiostationen in der Schweiz.

Diese vierzig Jahre Abba-Funkstille sind angesichts der sich im Kreis drehenden Entwicklung der Popmusik gar keine so lange Zeit. Pop hat für die Jugend seine einstige Relevanz verloren; er ist nicht mehr «neu» wie für frühere Generationen. Oder wie für mich 1979 «Voulez-Vous». Dieses grandiose Album empfehle ich übrigens weiterhin vorbehaltlos jeder und jedem Nachgeborenen.

PS: Meine persönliche Verschwörungstheorie ist ja, dass die stets maskierten Daft Punk eigentlich Björn und Benny gewesen sind. Denn kurz nach deren Auflösung 2020 tauchten dann plötzlich Abba wieder auf.

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