Nr. 50/2018 vom 13.12.2018

Die lustige Brio-Bakery

Michelle Steinbeck sieht Vergnügen, Freiheit und richtigen Mehlstaub

Von Michelle Steinbeck

Besinnliche Londoner Adventszeit. An der Oxford Street drängen die Massen. Sie werden in grell erleuchtete Warenhäuser hineingesogen und schwitzend, mit Säcken bepackt wieder ausgespuckt, während sich die Nächsten schon an ihnen vorbeizwängen – kapitalistische Osmose. Die Weihnachtslichter blinken auf den Abertausenden glänzenden Tüten, gefüllt mit Blutware: von Kinderfingern gefertigt, die Umwelt vergiftend; und sie lassen die vorfreudigen Gesichtchen strahlen: «It’s so cute, look at you with all your followers, so sexy!» So steigen sie über bettelnde Obdachlose, die mitten auf dem Gehsteig knien oder vor Edelboutiquen gut ausgeleuchtet auf durchnässten Kartons liegen.

So oder so: Die Masse lässt sich nicht aufhalten. Wegen der Nächstenliebe geht man schliesslich überhaupt shoppen in diesem Dichtestress! Und es steht ja auch so geschrieben: «Santa gives more presents to rich children.»

Anders ist es, wenn man mit der Overground aus dem touristischen Zentrum hinausfährt. Dorthin, wo noch richtige Leute wohnen. Zum Beispiel Kreative. Zum Beispiel in Hackney. Wo in den letzten Jahren totalsaniert wurde, dass es eine helle Freude ist; die Preise explodieren am Miethimmel.

Dafür kriegst du dort beim Beck eine Retro-Experience par excellence: Filterkaffee, Langmilch und Sauerteigbrot frisch aus dem Steinofen. An den Tischen sitzen die Kreativen und stieren in ihre Retinadisplays. Manche haben einen Teller Buchweizen neben sich, von dem sie sich ab und an mechanisch eine Gabel voll in den Mund stecken.

Um sie herum schlendern die Kreativen, die heute gerade Dienst haben. Die räumen mal einen Teller ab, polieren die Kaffeemaschine, kitzeln einander am Bauch. Es kommt mir vor, als wäre ich in einer Werbesendung für einen pädagogisch wertvollen Holzspielzeugladen gelandet: Happy Hipster Bakery – mit Käsemaschine! Und was rasselt da aus dem silbrigen Rohr in die Jutesäcke? Sind das etwa Fairtrade-Biokaffeebohnen aus Äthiopien?

Die jungen Leute, die hier arbeiten, tragen die intrinsische Erfüllung, die ihnen die Arbeit in der Bakery gibt, überdeutlich zur Schau. Immer wieder tritt jemand mit bemehlter Schürze aus der Küche und schaut sich gewichtig im Raum um. Einer füllt mit heiligem Ernst Kaffeebohnen auf eine altmodische Waage und füllt sie in teuer angeschriebene Gläschen, ein weiterer dreht diese dann sorgfältig zu. Die Message ist klar: Wir arbeiten hier selbstbestimmt, mit Vergnügen, Freiheit und richtigem Mehlstaub. Das rechtfertigt die hohen Preise und unsere niederen Löhne.

Zum Glück gibt es ja noch Airbnb; gerne hosten wir all die kreativen Hipster aus anderen Städten, die hierherkommen und sich über Kommerzialisierung und Gentrifizierung beklagen. Die haben ihre eigene Wohnung unterdessen selber auch untervermietet, damit sie die Miete und den Filterkaffee bezahlen können. Schliesslich nutzen auch sie die Freiheit, eine selbstbestimmte Arbeit zu haben, die ihnen Freude macht und die deshalb naturgemäss nicht anständig bezahlt wird.

Es zieht grauenhaft in der Happy Hipster Bakery. Als ich meinen Kaffee endlich bekomme, habe ich in den Secondhand-Reeboks ganz kalte Füsse.

Michelle Steinbeck ist international übersetzte Autorin. Auf Reisen stayt sie gern in Airbnb-Wohnungen, um sich das authentische Feeling zu geben.

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