Kost & Logis : Inkubation im Zeitraffer

Nr.  46 –

Karin Hoffsten bestaunt die industrielle Kinderfertigung

An einem strahlenden Herbstsonntag sass ich in einem spärlich besetzten Saal und lauschte den Ausführungen von Dr. R. B. zum Thema «Kinderwunschland Spanien: Warum so viele Patienten zu uns reisen». Dr. B. ist ein deutscher Gynäkologe und übt sein Handwerk in einer spanischen Klinik aus. Im Zürcher Technopark gabs ein «Kinderwunsch Info Weekend», wohin mich die Neugier getrieben hatte.

Nun könnte zwar, wer offenen Auges durch die Welt geht, auf den Gedanken kommen, es sei eigentlich keine so gute Idee, noch mehr Kinder zu produzieren, wo sich schon die jetzige Teeniegeneration ständig die Füsse fürs Klima wund läuft. Doch bei manchen scheint der Wunsch nach dem «eigenen» Kind derart zu brennen, dass sie weder Aufwand noch Kosten scheuen, endlich selbst eines gebären zu können.

Während im Foyer Prospekte mit herzigen Babys und strahlenden Paaren für «Fertile Mind Coaching», «Fertility Yoga» oder «Dr Dianas Fertilitätsteam» warben, wurde es bei Dr. B. drinnen technisch: Ein Embryo, fünf Tage alt und im Blastozystenstadium, reift in einem Zeitrafferinkubationssystem mit eingebauten Kameras, um jederzeit die Embryonenevolution bewerten zu können, während das genetische Screening vor der Einnistung erlaubt, die Lebensfähigkeit der Embryonen zu erkennen, um später «den Embryo mit der grössten Einnistungskapazität auswählen zu können».

Wer Romantik braucht, kann es auch so sagen: Dort, wo kein Kind der Liebe den natürlichen Akt krönt, vermählen sich Biologie, Chemie, Medizin und Technik aufs Wundersamste zum selben Zweck. Und damit der Nachwuchs nicht sichtlich aus dem Familienrahmen fällt, bietet die Klinik «Fenomatch» an, «das erste biometrische Programm zu Analyse und Matching von Gesichtszügen», mit dem möglichst ähnliche Spender:innen gewählt werden können.

Nach dem Vortrag frage ich Dr. B., bis zu welchem Alter er eine solche Fruchtbarkeitsbehandlung bei einer Frau denn machen würde. Das komme auf den gesundheitlichen Gesamtzustand an, meint er, vielleicht bis fünfzig. «Und wenn ich jetzt zu Ihnen käme?», frage ich und fühle mich dabei ziemlich schräg. Aber schliesslich hat vor neun Jahren auch eine 66-jährige Schweizer Pfarrerin Zwillinge geboren. Dr. B. sieht mich an und meint dann diplomatisch: «Ich würde erst mal das Gespräch mit Ihnen suchen.»

Auch nach den Eizellenspenderinnen frage ich. Die kämen aus vertrauenswürdigen Kreisen und würden sorgfältig ausgewählt. Was sie verdienen, weiss Dr. B. nicht, aber keine Frau mache das, weil sie das Geld brauche, die Spende setze eine gute Gesundheit und einen gewissen Bildungsgrad voraus.

Vor ein paar Tagen hat übrigens die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur beschlossen, die Legalisierung der Eizellenspende auch für die Schweiz zu unterstützen. So wird endlich auch das heimatliche Gewerbe profitieren.

Wie hier schon erwähnt, mag Karin Hoffsten Kinder, wundert sich aber darüber, dass es für manche unbedingt «eigene» sein müssen.