Bruno Latour : Gegen die Sitzordnung von 1789

Nr.  48 –

Der französische Philosoph Bruno Latour plädiert in einem neuen Essay für eine Art planetare Care-Arbeit. Im Kern greift er damit die Idee des Fortschritts an – die kapitalistische wie die linke.

In den lockeren Sätzen von Bruno Latour verwandelt sich die Idee vom Klassenbewusstsein schnurstracks in ein «planetares Bewusstsein», und aus dem Kapitalisten Elon Musk wird ein Fahnenflüchtiger, der uns mit seiner elitären Utopie einer Marskolonie verraten will: «Eingeschlossene aller Länder, vereinigt euch! Ihr habt dieselben Feinde: diejenigen, die auf einen anderen Planeten ausreissen wollen!» Die Anrufung stammt aus Latours kürzlich erschienenem Essay «Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown». Es ist eine Freude, dem französischen Philosophen und Feuilletonliebling dabei zuzusehen, wie er den längst abgedroschenen Begriff des Lockdowns mobilisiert, um Abstraktionen wie die Natur oder das egoistische Individuum zu zerlegen und die Ökologie neu zu denken. Aus politischer Perspektive lohnt es sich allerdings, diesem verführerischen Denker dabei genau auf die Finger zu schauen.

Bruno Latour, der bis zur Emeritierung am renommierten Institut Sciences Po in Paris lehrte, gehört zu den einflussreichsten Denker:innen der Gegenwart. «Laboratory Life», eine in den siebziger Jahren von Latour gemeinsam mit Steve Woolgar durchgeführte Untersuchung über die Konstruktion wissenschaftlicher Fakten, gehört zum Kanon der Wissenschaftssoziologie. Die von Latour in den Achtzigern mitentwickelte Akteur-Netzwerk-Theorie – eine theoretische Allzweckwaffe, die quasi die Soziologie auf Gegenstände ausweitet – erwies sich als derart anschlussfähig, dass sie in diversen weiteren Disziplinen wie Internationale Beziehungen, Urbanistik oder Recht, aber auch in der künstlerischen Praxis adaptiert wurde. Latour arbeitete auch selber an der Schnittmenge zur Kunst, etwa bei «Où atterrir?», einer Reihe experimenteller Workshops zur Beschreibung des eigenen Lebensraums, die vom französischen Umweltministerium gefördert wird. In einer von Latour mitkuratierten aktuellen Ausstellung im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe geht es um «Horizonte einer neuen Erdpolitik».

Alles neu erfinden

Latour denkt gross. Wenn er zu einer seiner philosophischen Interventionen ansetzt, verortet er diese gern in einem umfassenden historischen Umbruch. In «Wir sind nie modern gewesen», 1991 auf Französisch erschienen, nahm er den Fall des Eisernen Vorhangs zum Anlass, die Trennung zwischen Natur und Gesellschaft zu beerdigen. Im «Terrestrischen Manifest» (2018) diente ihm die Wahl Donald Trumps als Aufhänger, mit der Globalisierung aufzuräumen. Im aktuellen Essay nun beschreibt er den Lockdown von 2020 als eine «schmerzhafte Prüfung», die uns auf einen durch die Klimakatastrophe «aufgezwungenen Kosmologiewechsel» vorbereiten soll. Die kosmologische Wende, in die Latour seine Philosophie einschreiben will, stellt er ganz selbstverständlich auf eine Stufe mit der Hinwendung zum naturwissenschaftlichen Weltbild am Beginn der Neuzeit. Und so drängt er auch in «Wo bin ich?» auf eine grundsätzliche Erneuerung: «Wieder ist alles neu zu erfinden, das Recht, die Politik, die Künste, die Architektur, die Städte.»

Wenn Latour von einer neuen Kosmologie spricht, meint er damit immer auch ein neues politisches Koordinatensystem. Im «Terrestrischen Manifest» findet sich dazu ein Schlüsselsatz: «Allem Anschein zum Trotz zählen in der Politik nicht Einstellungen, sondern Form und Gewicht der Welt, auf die diese Einstellungen funktionsgemäss reagieren sollen.» Anders gesagt: Es ist hinfällig, sich mit einzelnen Positionen auseinanderzusetzen, wenn diese sich aus einer falsch gedachten oder gearteten Welt ableiten. Aus Latours Sicht ist es also nur konsequent, sich gar nicht erst mit widersprechenden Positionen abzumühen. Stattdessen arbeitet er daran, diese mit neuen Begriffswelten zu überschreiben.

Der aktuelle Essay dreht sich um den Begriff der «Erdverhafteten». Damit strebt Latour eine Befreiung aus der Politik des ungebremsten Wachstums an, die durch ein stärkeres Bewusstsein für komplex geflochtene «terrestrische» Abhängigkeiten möglich werden soll. Dieses Bewusstsein könne die Erfahrung der Pandemie uns lehren: «Die einfachste Handlung, wie sich ernähren, erforderte die Unterstützung einer ganzen Reihe von Akteuren, um ‹die Grundversorgung zu gewährleisten›.» Dazu zählt Latour die ungleich verteilte Care-Arbeit genauso wie das Gesundheitssystem oder Arbeiter:innen in prekären Verhältnissen.

Davon ausgehend, führt Latour diverse Vorstellungen von Grenzen ad absurdum. Etwa die von angeblich eigenständigen Individuen, die zu einem so radikalen Egoismus in der Lage seien, dass sie – mit der rechtslibertären Vordenkerin Ayn Rand – «‹einander nichts schuldig› zu sein glauben, alle anderen als ‹Fremde› und alle Lebensformen als ‹Ressourcen› erachten». Auch der angeblich souveräne Nationalstaat verdecke, dass regionale Gemeinschaften von einem Versorgungsnetz zehren, das sich nicht mit staatlichen Grenzen deckt. Oder wie Latour das elegant formuliert: «In unseren Tagen deckt sich die Welt, in der man lebt, nur selten mit der Welt, von der man lebt.» Latour plädiert daher für einen sorgfältigen Umgang mit solchen Abhängigkeiten – letztlich von den endlichen Ressourcen der Erde –, also für eine Art planetare Care-Arbeit.

Doch politisch bleibt der positive Teil seiner Philosophie meist ungreifbar. Seit seinem Buch «Wir sind nie modern gewesen» dient Latour der polemische Sammelbegriff der «Modernen», der stets zwischen Denkformen und historisch gewachsenen Gegebenheiten changiert, als Negativfolie für seine eigene Philosophie. Darunter fallen nicht nur Gegensätze wie «sozial/natürlich», «politisch/wissenschaftlich» oder «normativ/deskriptiv», ohne die Latour zu denken versucht. Als «modern» taxiert er auch jegliche Politik, die eine Befreiung aus ausbeuterischen Verhältnissen verspricht. In «Wo bin ich?» schreibt er: «Die Erdverhafteten sind ihrerseits gezwungen, die Modernen zu verspotten, die die Massen mit ihrem Versprechen einer ‹anderen Welt› einlullen.» Fahnenflüchtig ist hier nicht nur Elon Musk mit seinen Raketen – fahnenflüchtig sind auch diejenigen, die noch an «das grosse Epos von der Emanzipation» glauben.

Einer wirklichen Konfrontation mit linken Positionen geht Latour aber aus dem Weg, die Puzzlesteine seines Antimarxismus muss man sich selber zusammensuchen. Neben der ironischen Aneignung von Marx-Ideen – etwa auch der Geschichte von Klassenkämpfen oder dem Opium fürs Volk – findet sich in «Wo bin ich?» eine undurchsichtige Ablösung ökonomischer Klassen durch «Abzocker» und «Ausbesserer». Oder Latour klammert die Möglichkeit einer solidarischen Internationale einfach aus, indem er jegliche progressive Politik auf eine turbokapitalistische Karikatur reduziert, die «dem Schicksal des Planeten mit fröhlicher Gleichgültigkeit» begegnet.

«Ja, ja, ich weiss»

Expliziter wird es im «Terrestrischen Manifest», wo Latour den Gegensatz zwischen linker und rechter Politik für überholt erklärt. Sein erstaunlich plattes Argument hier: Ökologische Parteien hätten sich schon immer an der Aufhebung dieses Gegensatzes versucht, aber weil ihnen das nicht gelungen sei, hätten sie auch keinen Erfolg. Latour zeigt sich erstaunt, dass sich die politische Landschaft immer noch an der «obsoleten» Unterscheidung zwischen links und rechts orientiert, «nur, weil die Abgeordneten sich 1789 angewöhnten, in dieser Anordnung vor dem Sitzungsleiter ihre Plätze einzunehmen». Es haben sich halt noch nicht alle dem «Terrestrischen» zugewandt.

Bruno Latours Lektion aus dem Lockdown besteht im Kern darin, das Fortschrittsparadigma aufzugeben. Man müsse wieder in die Lage kommen zu «reagieren», schreibt Latour in «Wo bin ich?». «Ja, ja, ich weiss, ‹reagieren› und ‹reaktionär› haben dieselbe Wurzel. Aber das macht nichts. Das Immer-weiter-Fortschreiten hat uns eingeschlossen.» Bei solchen flotten Sprüchen bleibt es dann, konservativ will schliesslich niemand sein. Oder wie Latour es im «Manifest» ausdrückt: «Wie fragwürdig das Wort ‹progressiv› auch sein mag, vermutlich wird niemand beim Vorschlag aktiv, er solle ‹reagieren›.» Konservative Politik kann also nur dann wieder attraktiv werden, wenn sie zum Beispiel «terrestrisch» heisst.

Bruno Latour: Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2021. 199 Seiten. 26 Franken