Nr. 27/2018 vom 05.07.2018

Alle Kritter sollen gedeihen

Die Philosophie treibt bunte Blüten: Emanuele Coccia erklärt die Pflanzen zu den Helden des Universums, Donna Haraway fragt nach dem Überleben in einer beschädigten Natur.

Von Andrea Roedig

Komplexes und dynamisches Geflecht: Die Erde als Akteurin Gaia, geknüpft vom Künstler Ernesto Neto im Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Ursula Häne

Der Mensch, so prophezeite Michel Foucault in einem schon fast zu Tode zitierten Satz aus dem Jahr 1966, werde verschwinden «wie ein Gesicht im Sand». Gemeint war mit dieser Prophezeiung das Konzept «Mensch», ausgedrückt in der Formel «Ich denke, also bin ich», aus dem die europäische Philosophie seit über 300 Jahren nicht herausfindet. Mit Descartes wurde es philosophisch fast unmöglich, vom «Sein» oder der «Realität» zu sprechen – alles ist notwendig erst einmal «Ich» oder «Subjekt» oder «Wahrnehmung». Mensch und Welt sind geschieden, bis vielleicht, in Foucaults Terminologie gesprochen, die «Episteme» sich ändern, das Wissenssystem, die Art, wie wir denken.

Das geschieht langsam, doch es geht voran. Irgendwann wird sich die Sache drehen, wird man sich vielleicht nicht mehr vorstellen können, warum «der Mensch» so wichtig war, nicht nur erkenntnistheoretisch, sondern auch ethisch. Einige Neuerscheinungen des Frühjahrs denken in diese Richtung, sie lassen Pflanzen und Getier wuchern und provozieren die Frage: Was ist los? Warum will und kann heute niemand mehr ein Lob des Menschen schreiben?

Eine neue Kosmologie

Der in Frankreich lehrende italienische Philosoph Emanuele Coccia hat als junger Mann vier Jahre lang eine Landwirtschaftsschule besucht. Er kennt also seine Materie, wenn er im Essay «Die Wurzeln der Welt» dafür plädiert, sich endlich vom Zoozentrismus, also der Konzentration auf Mensch und Tier zu verabschieden. Dass sich die philosophische Ethik in den letzten Jahren vermehrt um Tiere und ihre Rechte kümmert, dass sie auch die klare Unterscheidung zwischen Mensch und Tier als falschen «Speziesismus» infrage stellt, daran haben wir uns gewöhnt. Vielleicht war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Pflanzen an die Reihe kommen. Coccia vertritt nun einen solchen Phytozentrismus. Wir befänden uns, so der Autor, auch gar nicht im viel beschworenen Zeitalter des «Anthropozäns». Der Begriff beschreibt in kritischer Absicht das Zeitalter, in dem sich der Einfluss des Menschen handfest in der Erdgeschichte niederschlägt. Wir steckten vielmehr seit Ewigkeiten schon im «Phytozän».

Wer Botanik erwartet oder strenge Philosophie, wird Coccias Buch unmöglich finden. Hier gibt es keine Argumente im strengen Sinn, der Autor lässt sich von Bildern leiten, die wunderliche Blüten treiben. Es ist deshalb besser, seinen Text als eine Art Meditation zu lesen. Coccia will die Frage, «was die Welt ist», mithilfe der Pflanzen beantworten, er hat also nichts Geringeres im Sinn als eine neue Kosmologie. Das ist ein ambitioniertes Unterfangen, hat doch die Philosophie die grundsätzlichen Fragen nach dem Aufbau der Welt und des Universums seit langem an die Physik abgegeben. Coccia reklamiert sie wieder zurück, stellt dabei aber auch flugs die klassische Philosophie und ihre Kategorien auf den Kopf.

Pflanzen haben weder Augen noch Ohren noch Geschmackssinn, sie haben keine Hände, um etwas zu tun, und sie können sich kaum von der Stelle bewegen. Dieses absolute Ausgeliefertsein an die Umstände macht sie für Coccia zu den eigentlichen Helden des Universums. Sie verkörperten, so schreibt er, auf intensivste Weise das «In-der-Welt-Sein». Dass den Pflanzen die Hände fehlen, sei kein Zeichen eines Mangels, sondern vielmehr «Folge eines restlosen Eintauchens in eben die Materie, die sie unentwegt gestalten». Pflanzen handeln, indem sie sich wandeln. Sie sind ganz und gar Metamorphose.

Weil sie über die Fotosynthese das Sonnenlicht in materielles Wachstum verwandeln und der von ihnen dabei ausgestossene Sauerstoff die Grundlage allen Lebens ist, nennt Coccia die Pflanzen die «Ursuppe der Erde». Und er nimmt das pflanzliche Leben als Paradigma, um zu verdeutlichen, dass die leitenden Prinzipien des Seins nicht mit den alten Kategorien von Substanz oder Form, Einheit oder Ursprung zu beschreiben sind, sondern mit den Wörtern «Mischung», «Eintauchen» und «Atmosphäre». Im Grunde sei die Welt ein ewig zirkulierendes Gemisch, in das wir eintauchen wie in eine Flüssigkeit, deren Teil wir doch gleichzeitig sind.

Coccia hangelt sich in seinem Buch den Stationen Blatt, Wurzel und Blüte entlang, wobei es ihm das Blatt, die Luft und die Sonne besonders angetan haben. Stamm oder Stängel seien nichts anderes als eine Halterung für die atmenden Blätter, so schreibt er, und die Wurzeln holten das Sonnenlicht tief unter die Erde. Eine Kritik an der herkömmlichen Ökologie liefert der Autor gleich mit. Sie sei zu erdverhaftet und in ihrem «Kult der Erde» viel zu beschränkt. Dem «nachtgeweihten Realismus der modernen und postmodernen Philosophie» will er einen «neuen Heliozentrismus» entgegenstellen. «Es gibt überall nur Himmel, und die Erde ist ein Teil davon.»

Abschied vom Fortschritt

Gedanklich ähnlich gewagt geht es bei Donna Haraway zu, die sich in ihrem neuen Buch «Unruhig bleiben» allerdings nicht auf die Sonne, sondern auf Gaia und die Erdgötter beruft. Hat für den verträumten Emanuele Coccia das Anthropozän gar nie stattgefunden, muss es laut Haraway überwunden werden. Ihr geht es nicht um die Frage, was die Welt ist, sondern darum, wie sie werden soll. Wie ein Überleben in der beschädigten Natur möglich ist.

Das Konzept des Anthropozäns reicht ihrer Meinung nach nicht weit genug, weshalb sie das «Chthuluzän» erfindet als ein künftiges zeitloses Zeitalter des Lernens. Das Wort ist eine Anspielung auf die archaischen Erdgötter, die vor dem himmlischen Zeus herrschten. Es enthält aber auch den Namen einer in Kalifornien ansässigen Spinne, Pimoa cthulhu, von der Haraway einmal gebissen wurde.

«Anders als in den dominanten Dramen des Anthropozäns und des Kapitalozäns sind menschliche Wesen im Chthuluzän nicht die einzig entscheidenden AkteurInnen», schreibt Haraway. Ihre Überlegungen sind weder Utopien noch Dystopien, sie verweigern sich sowohl dem futuristischen Technikoptimismus als auch der zynischen Katastrophenstimmung. «Wir müssen denken», schreibt Haraway, das heisst: anders denken als bisher, andere Geschichten erzählen.

Vor allem müssten wir uns von den alten «prick tales» verabschieden, also der maskulinen Fortschrittserzählung, in der der einzelne Held raumgreifend die Feinde besiegt oder die Welt rettet. Wir würden nicht als Individuen überleben, sondern nur im «Mit-Werden» mit anderen Arten, in der «Sympoiesis» und als Symbionten, meint Haraway. Das Ziel sei das Gedeihen aller «Kritter» – Kritter, das ist ein Wort für Getier, Kreatur, Geschöpf –, und Menschen sind eben auch nur Kritter.

Das Denken, ein Fadenspiel

Weil es «von Gewicht ist, welche Geschichten Geschichten erzählen», ist Haraways Buch eine Programmschrift für ihr Verfahren des SF. Die Abkürzung steht sowohl für Science-Fiction als auch für «science fact», für spekulativen Feminismus oder für «string figures» – Fadenspiele, die verschiedenste Elemente locker miteinander verbinden. Wie ein Fadenspiel soll auch das Denken sein, es soll Fiktionen mit Fakten verbinden, neue Geschichten erfinden mit offenen Enden, an die sich weiter anknüpfen lässt. Die promovierte Biologin lässt sich von Tauben, Spinnen, Pilzen, Bakterien oder animistischen Mythen inspirieren. Sie mag Oktopoden und propagiert das «tentakuläre Denken».

Als besonderes Problem betont Haraway das rasante Bevölkerungswachstum. «Make kin, not babies» – Macht euch verwandt, statt Babys zu machen – ist daher der oft wiederholte Slogan des Buchs. Haraways ökologische Ethik zielt darauf ab, dass diejenigen, die verdrängt wurden – indigene Völker etwa oder aussterbende Tier- und Pflanzenarten –, einen Teil der Erde zurückgewinnen.

Was dieser Gedanke konkret bedeuten könnte, machen eindrücklich die «Geschichten von Camille» deutlich, in denen Haraway das Überleben auf der Erde über fünf Generationen hinweg imaginiert. Sie lässt die Geschichte, die sie anhand der Protagonistinnen Camille 1 bis 5 erzählt, mit dem Jahr 2025 beginnen. Menschen schliessen sich jetzt zu kleineren Gemeinschaften zusammen und lassen sich in verwüsteten Landschaften nieder. Kinder haben drei Eltern, Geschlecht spielt kaum mehr eine Rolle, und sogenannte Syms lassen sich Genmaterial von bedrohten oder aussterbenden Arten einsetzen.

Camille 1 trägt Gene des bedrohten Monarchfalters und bildet eine orange-schwarz gemusterte Haut aus. Die Camille der nächsten Generation wird sich Fühler und eine Insektenkieferplatte einbauen lassen. Es geht nicht um die Erhaltung der Art, sondern eher um ein materialisiertes «Eingedenken». Haraways Konzepte spielen jenseits der klassischen «Ontologie der Arten», sie sind sozusagen post-queer und unterminieren alle Vorstellungen von Reinheit oder Rassentrennung.

Bedrückende Archaik

Die Geschichten von Camille sind schwer erträglich, wie überhaupt «Unruhig bleiben» als Mixtur aus Science-Fiction und Programmschrift mit den nicht immer schönen Wortungetümen keine leicht verdauliche Lektüre ist. Haraway bringt – wie immer – die Verhältnisse zum Tanzen, mitunter gleiten ihre Fadenspielfantasien aber auch in blossen Kitsch ab.

«Wurzeln der Welt» und «Unruhig bleiben» sind auf gute Weise verwirrend und beunruhigend. Doch wofür stehen diese Bücher? In beiden findet sich eine bedrückende Archaik. Die radikale Perspektive Coccias erinnert an magische Weltbilder beseelter Natur, durchglüht vom Sonnengott, der keinen Unterschied macht zwischen Mensch, Tier oder Pflanze. In Haraways manchmal matriarchalisch anmutenden Gaia-Hymnen, in ihren tribalistischen Camille-Geschichten steht die Verwandtschaft vor dem Individuum, der/die Einzelne zählt nicht wirklich als fest umrissene Person.

Vielleicht ist an einem «Ich» festzuhalten auch Unfug, wenn es ums Überleben geht. Was ist der Mensch? «Human» komme eben von Humus, schreibt Haraway. Statt von «post-human» spricht sie lieber von «kom-post».

Beide AutorInnen beziehen sich natürlich auch auf Bruno Latour, jenen Kritiker der Moderne, der gerade in einem beeindruckenden «Terrestrischen Manifest» den Menschen als einen «Erdverbundenen» definiert (vgl. «Gebunden im Biofilm»). Terra, die Erde, reagiert nämlich auf uns. Sie als einen Akteur zu verstehen, ist Kern der neuen Geopolitik, die Latour anmahnt. Bei ihm bleibt vom Menschen immerhin noch etwas übrig, ein zum Homunkulus geschrumpftes vielleicht, ein Kompost. Es ist eine Frage der Zeit, bis wir uns nicht mehr vorstellen können, warum das «Ich denke» einmal so wichtig erschien.

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