Literatur : Ist ihr Sohn ein Mörder?

Nr. 48 -

Was für ein Grauen: Lilach Schuster ist mit ihrer Familie vom unsicheren Israel in eine Gated Community mitten im kalifornischen Silicon Valley ausgewandert – doch antisemitische Anschläge und Schmierereien auf Schulwänden gibt es auch hier; und als ein Schwarzer Jugendlicher an einer Party stirbt, heisst es, ihr Sohn Adam habe ihn umgebracht. Jetzt sitzt sie da, in ihrem Haus mit Garten und Pool, zur Hausfrau verdammt und allein mit ihren nagenden Gedanken. Da fährt sie ihren Sohn Tag für Tag zur Schule und holt ihn dort wieder ab, hat offenbar aber keine Ahnung, was ihm hinter diesen Mauern täglich widerfährt. Doch warum muss ihr Sohn ausgerechnet in einer jugendlichen Kampftruppe, geleitet von einem ehemaligen israelischen Elitesoldaten, Freunde finden? Adams glühende Verehrung für diesen Uri macht sie nur noch misstrauischer, auch wenn andere jüdische Mütter finden, es sei angesichts des grassierenden Antisemitismus doch «grossartig, dass die Kinder lernen, zurückzuschlagen».

Ayelet Gundar-Goshen, die mit ihrer Familie selbst für einige Jahre in Kalifornien gelebt hat, erzählt in «Wo der Wolf lauert» erneut mit grossem dramaturgischem Geschick eine psychologisch ebenso fein ziselierte wie abgründige Geschichte, diesmal einzig aus der Perspektive von Lilach. Die Paranoia dieser (über-)fürsorglichen Mutter wirkt oft ansteckend; zuweilen mutet sie aber auch übertrieben oder gar befremdlich an. So scheint Lilach trotz ihrer pazifistischen Haltung kein Problem damit zu haben, dass ihr Mann in leitender Funktion in einem Rüstungsbetrieb arbeitet. Emotionale Unterstützung erhält sie von ihm aber auch nicht. Und was weiss dieser Uri, der ihr wie Gift tröpfchenweise Informationen über ihren Sohn verabreicht? Sie solle Adam doch einfach fragen, ob er den Jungen getötet habe, schlägt er vor, nur um hinzuzufügen: «Aber es heisst, das gehöre zu den Dingen, die eine Mutter einfach weiss, oder?»

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber. Zürich 2021. 348 Seiten. 34 Franken