Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Der Preis fürs Schweigen

Von Rahel Locher

Den ersten Toten gibt es gleich zu Beginn: Der israelische Neurochirurg Etan Grien überfährt in einer Mondnacht in der Wüste den Mann der Eritreerin Sirkit. Die Beziehung zwischen Sirkit und Etan ist das Herzstück des Romans «Löwen wecken» der 1982 geborenen israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen.

Sirkit verlangt als Preis für ihr Schweigen, dass Etan seine Nächte in einer zum Behandlungsraum umfunktionierten Werkstatt verbringt. Die ärztliche Hilfe kommt sogenannten «InfiltrantInnen» zu, die meist aus Eritrea oder dem Sudan kommen. Sie leben und arbeiten unter prekären Bedingungen – und Etan ist oft ihre einzige Rettung. Sein Ekel gegenüber diesen kranken, gebrochenen Körpern wird anfangs flankiert von seiner Wut auf Sirkit, die ihn zu dieser Arbeit zwingt. Während er sich gegenüber den Vorgesetzten im Spital und seiner Frau – als Kriminalbeamtin für den Fall des überfahrenen Eritreers zuständig – immer mehr in Lügen verstrickt, wächst die Nähe zu Sirkit, die seine Handgriffe scharf beobachtet und ihm zunehmend assistiert. Sirkit weiss Bescheid und «deswegen hasste er sie, und deswegen tat er alles, was er konnte, um sie loszuwerden, aber gleichzeitig war sie unweigerlich die Einzige, die ihn so kannte, wie er war».

Das Drama spitzt sich gegen Ende zu: Wieder dieser riesige Wüstenmond, als die beiden mit dem Auto vor Beduinen zu fliehen versuchen. Wieder ein Schrei – damals Janis Joplin aus dem Autoradio, jetzt Sirkit. Und obwohl nun Gewalt die Szene dominiert, werden die Beteiligten in der differenzierten Schilderung Gundar-Goshens nicht zu Schuldigen. Dies ist eine Stärke des packenden Romans: Die Autorin macht ihre Figuren als komplexe Wesen sichtbar und nicht als platte Stereotype.

Gundar-Goshen überzeugt auch im Aufzeigen von sozialen und politischen Widersprüchen: hier der reiche Arzt mit eigenem Haus, dort das Elend der diskriminierten BeduinInnen und die von Abschiebung bedrohten MigrantInnen in ihren Hütten, deren Leben – in Israel, aber auch in Europa – wenig bedeutet. Kein Wunder, dass dies ein Nährboden für Gewalt ist.

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