Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Ich ist ein Abgrund

Im neuen Roman von Hari Kunzru sieht ein linksliberaler New Yorker in Berlin überall Vorzeichen für einen reaktionären Umsturz. Umso schlimmer, als seine Paranoia von der Realität eingeholt wird.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Eigentlich will er nur eine kreative Auszeit: etwas Abstand von der Familie, um endlich sein schöngeistiges Buch über das «lyrische Ich» zu schreiben. Mal ungestört die eigene Empfindsamkeit als mittelalter Mann ausloten, und wer weiss, vielleicht wird er dabei auch seine Verlustängste los: «Ich wollte allein mit mir sein, mit meiner Innerlichkeit.» Knapp 300 Seiten später, ein Schatten seiner selbst und fremd geworden im eigenen Haus, muss er feststellen: Wenn er in sich hineinsieht, ist das «ausnahmslos eine fürchterliche Idee». Ich ist ein Abgrund.

Dabei sah es doch so komfortabel aus für den Ich-Erzähler in «Red Pill», dem neuen Roman des in New York lebenden Briten Hari Kunzru («White Tears»). Frau und Tochter hat der Mann in New York zurückgelassen, um sich als Stipendiat am Berliner Wannsee in seine Studien zu vertiefen. Doch der Ort ist bekanntlich historisch belastet, und schon der Arbeitsraum in der Villa einer privaten Stiftung löst akute Fluchtreflexe bei ihm aus: Die Pulte sind in einem offenen Glaskubus verteilt, denn hier gilt Transparenz als oberstes Gebot – statt eines Studierzimmers also ein Grossraumbüro wie ein Panoptikum. Der Erzähler flüchtet sich auf einen Spaziergang. Doch ganz in der Nähe erwartet ihn schon das nächste böse Omen: das Grab von Heinrich von Kleist. Ausgerechnet Kleist, der reizbare, toxische Hysteriker unter den deutschen Romantikern, der hier am Wannsee erst seine Gefährtin erschossen hatte und dann sich selbst.

Alles so weiss hier

Aber auch ein Grab wird ja erst zum Zeichen oder gar zum Omen, wenn man es als solches liest. Und Hari Kunzru spielt in «Red Pill» virtuos mit Motiven, die sein hyperreflektierter, in seiner Selbstgefälligkeit aber eben auch anfälliger Protagonist bereitwillig auf sich bezieht. Kleist und toxische Männlichkeit, White Power und nordischer Ahnenkult, die Punkszene in der DDR und der gläserne Käfig der Transparenz: «Red Pill» ist motivisch total überdeterminiert, aber das macht auch den Reiz dieses intellektuellen Thrillers aus.

Das beginnt schon mit dem fiktiven Deuter-Zentrum, wo der Roman spielt: Benannt ist es nach seinem Stifter, einem Chemiker, der nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland buchstäblich die Finsternis austreiben wollte, als Fabrikant des blendend weissen Pigments Titandioxid. Deutscher Grossindustrieller, der reich wurde, weil er die Welt weisser gemacht hat? Kein Wunder, dass das beim Ich-Erzähler, als Person of Color, ein Unbehagen auslöst. Oder dann der sprichwörtliche «arme Poet» in seinem Kämmerlein, auf dem gleichnamigen Gemälde von Carl Spitzweg: Ist das wirklich ein Floh, den er da zwischen Daumen und Zeigefinger zerdrückt? Oder wieso sieht das so verdächtig nach der White-Power-Geste aus?

So wird unser Mann ironischerweise selber zum grossen Deuter, der sich in seiner Verunsicherung bald überall von Zeichen angesprochen sieht – und im deutschen Winter allmählich in einen Wahn abgleitet. Kleist bleibt dabei der ungebetene Gefährte, der ihn immer wieder heimsucht. Mit seinem Todeskult erinnert ihn der deutsche Dichter an die jungen Incels, die mit der geladenen Waffe in der Hand ihr trauriges Dasein verewigen wollen: «Es ist die toxischste männliche Fantasie, der orgiastische Kopfschuss, der in einer Sekunde alle Probleme löst.» Und wenn die Inschrift am Kleist-Grab ihn schon bald anwidert, zeigt das, dass er manche Zeichen ganz richtig deutet: «Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein.» Das Zitat aus dem «Prinzen von Homburg» steht dort erst seit 1941 auf dem Grabstein – angebracht von den Nazis.

Mephisto an der Gala

Und seine Studien zum lyrischen Ich? Die liegen auch deshalb brach, weil er sich immer obsessiver in «Blue Lives» vertieft, eine ultrabrutale TV-Serie über Cops ohne jeden moralischen Kompass. Dass die Polizisten darin einen obskuren französischen Philosophen der Gegenaufklärung direkt in die Kamera zitieren, ist ihm ein Indiz dafür, dass die Serie eine verdeckte faschistische Agenda propagiert. Als ihm bei einer Benefizgala am Rand der Berlinale zufällig der Schöpfer von «Blue Lives» vorgestellt wird, reagiert dieser ausweichend bis genervt – und beginnt dann seinerseits, den etwas instabilen, linksliberalen Kenner seiner Serie in ein mephistophelisches Spiel zu verwickeln.

Die Wohltätigkeitsgala gibt übrigens ein obszönes Schauspiel ab: Die betuchten Gäste haben alle diese glitzernden Wärmefolien umgehängt – Promis, verkleidet wie Flüchtlinge. Das hat im Februar 2016 tatsächlich so stattgefunden. Es war der Künstler Ai Weiwei, der damals die «Cinema for Peace»-Gala mit diesen Accessoires der Flüchtlingskrise ausstaffierte. Auch sonst versetzt Hari Kunzru seinen psychologischen Thriller immer wieder mit Echos aus der wirklichen Welt. Daheim in New York engagiert sich die Frau des Protagonisten gerade als Wahlkämpferin für eine gewisse Hillary Clinton. Und der Wahlsieg von Donald Trump bildet letztlich die allzu reale traumatische Folie für die Kernschmelze des Ich-Erzählers.

Ist unser Mann in seinem Wahn am Ende doch luzider als alle anderen? Nur weil er paranoid ist, heisst das ja nicht, dass da draussen nicht tatsächlich eine bedrohliche Gegenaufklärung im Gang ist.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch