Nr. 37/2014 vom 11.09.2014

Grinsend durch die vernetzte Gegenwart

Bis die ganze Welt ein einziger Computer ist: Zwei junge US-Erzähler knöpfen sich in ihren neuen Büchern unseren digitalen Alltag vor. Einmal kommt Literatur heraus, einmal nur leere Befindlichkeit.

Von Florian Keller

Was macht das Internet mit uns? Macht es uns klüger, oder verschafft es uns einfach eine Überdosis an Informationen, die wir nicht zu bündeln wissen? Macht es uns dümmer, oder öffnet es bloss neue Kanäle, in die sich die bestehende Dummheit ergiessen kann? Mag sein, dass es anachronistisch ist zu glauben, die Literatur könne Antworten auf diese Fragen liefern. Und es wirkt immer ein wenig wie latent verzweifelte Anbiederung, wenn die Verlagsbranche wieder einmal einen Roman oder einen Erzählband mit den Worten bewirbt, hier werde unser Leben im digitalen Zeitalter durchleuchtet oder der existenzielle Ennui der Generation Facebook vorgeführt.

Im Fall des US-Autors Joshua Cohen beginnt das schon beim Titel, der direkt unserem hyperkommunikativen Alltag entnommen scheint: «Vier neue Nachrichten» heisst sein Band mit vier Erzählungen, mit dem er jetzt erstmals für ein deutschsprachiges Publikum zu entdecken ist. Dabei hätte Cohen diese Vorspiegelung von Zeitgeist gar nicht nötig, und es kreisen auch nur zwei dieser Storys überhaupt um die Fallgruben unserer digitalen Existenz. In der ersten landet ein Kleindealer am Pranger einer Bloggerin, nachdem er an einer Party eine obszöne Beichte abgelegt hat («Emission»). Und in der letzten verschwindet ein junger Mann aus Illinois, um sich in Osteuropa als Darsteller in Internetpornos neu zu erfinden («Gesendet»).

Thematisch klingt das: wahnsinnig zeitgemäss. Aber das Aufregende findet bei Joshua Cohen woanders statt, in der Form – experimentell! – und in einer Sprache, die gleichzeitig hyperreflektiert und entfesselt draufloswildert. Und «Vier neue Nachrichten» bietet auch nur eine vergleichsweise überschaubare erste Kostprobe: Beim Schöffling-Verlag sollen in näherer Zukunft auch die übrigen Werke des 34-Jährigen erscheinen, darunter der 800-Seiten-Roman «Witz», eine ausufernde jüdische Groteske über eine Welt, in der alle Juden aussterben bis auf einen, der von der Nachwelt erst wie ein Star verehrt und dann geächtet wird, weil er nicht religiös genug ist. Das Buch hat Cohen schon Vergleiche mit Thomas Pynchon und David Foster Wallace eingetragen.

Das wird Tao Lin nicht passieren, dem anderen jungen US-Schriftsteller, der jetzt für sein neues Buch als Diagnostiker unseres vernetzten Alltags beworben wird. Und in diesem Roman werden nicht nur die Juden, sondern gleich alle Menschen ausgelöscht – zumindest in der Fantasie des Protagonisten, der den Fluchtpunkt der technologischen Entwicklung darin sieht, dass letztlich alle und alles in computerisierte Materie umgewandelt würden, «bis das gesamte Universum nur mehr ein einziger Computer» wäre. Hallo, Posthumanismus!

Wonderboy der digitalen Kanäle

Als ihm dies durch den Kopf geht, muss Paul, so heisst der junge Mann in Tao Lins Roman, ausnahmsweise nicht grinsen. Das tut er sonst andauernd, zum ersten Mal gleich auf der ersten Seite. Später dann, auf Seite 26, grinst er «etwa dreissig Sekunden lang unkontrollierbar», zwei Seiten weiter grinst er schon wieder, wenn auch nur noch «schwächlich». Aber es vergehen keine vier Seiten, da geht er zu einer Party, wo fast alle Gäste betrunken grinsen, und da grinst natürlich auch Paul mit, diesmal wieder «unkontrollierbar». Er kann aber auch «schwach», «im Stillen» oder gar «abgründig» grinsen, und einmal grinst er einfach, weil er ausnahmsweise bekifft ist. Dieser Roman müsste eigentlich «Der Grinser» heissen oder «Grinsen mit Paul».

Stattdessen heisst das Buch «Taipeh» und wird weitherum gefeiert als existenzielles Meisterwerk über die Generation Facebook oder Twitter oder was einem sonst noch an Signalwörtern aus dem Ordner einfällt, der mit «Zeitgeist» angeschrieben ist. Das hat zunächst einmal mit dem Autor zu tun: Tao Lin, geboren 1983 im US-Bundesstaat Virginia, ist der Wonderboy der Internetliteratur, schreibende Ich-AG und begnadeter Selbstvermarkter auf allen digitalen Kanälen. Seinen zweiten Roman hat Lin via Crowdfunding vorfinanziert, indem er Anteilscheine an den Tantiemen verkaufte. Um «Taipeh», seinem dritten Roman, rissen sich dann schon die grossen Verlage. Weil die alternde Papierbranche natürlich nichts verpassen will, wenn so ein potenziell lukratives Netzphänomen auf dem Markt ist.

Erst recht, wenn der junge New Yorker sich selbst auch gleich zum Star seines Romans macht. Denn der grinsende Paul ist unverkennbar als Spiegelbild des Autors angelegt: Wie Tao Lin ist er ein aufstrebender Schriftsteller mit Fangemeinde im Netz, wie die Eltern von Tao Lin stammen auch seine Eltern aus Taiwan. Und wenn Paul in Las Vegas aus einer Laune heraus seine zeitweilige Freundin heiratet, tut er auch das seinem Erfinder gleich, der dort mit der Schriftstellerin Megan Boyle vor den Altar trat – die trostlose Blitzhochzeit stellte Tao Lin damals als Video ins Netz. (Und wie posiert Tao Lin auf dem Autorenfoto? Genau, grinsend.)

Der Titel «Taipeh» hat weiter nichts zu bedeuten, als dass Paul zweimal nach Taiwan fliegt, um in der Hauptstadt seine Eltern zu besuchen. Sonst treibt er sich meist auf Partys und noch häufiger im Internet herum, er absolviert seine Lesungen und lässt die Zeit verdämmern, bis er nicht mehr weiss, ob es gerade Nachmittag oder mitten in der Nacht ist. Er ernährt sich hauptsächlich von Gemüse, Schmerztabletten und Amphetaminen – die Drogen, die er nimmt, sind synthetisch, aber sein Essen kauft Paul stets im Biosupermarkt. Am liebsten liegt er im Bett, neben sich den aufgeklappten Laptop, hochkant wie ein Buch, das rechte Ohr auf dem Kissen.

Es sind Momente wie dieser, die einen dazu verleiten können, diesen Roman als Generationenporträt zu feiern. Da haben wir sie, die Generation Facebook: lauter junge Menschen, permanent verbunden mit dem Netz, aber abgekapselt von der Welt. Junge Menschen, die sich aus schierer Verlegenheit in einen digitalen Narzissmus flüchten und sich nur noch normal und gesellschaftsfähig fühlen, wenn sie auf Drogen sind.

Mit der Zeit weitet sich Pauls Pillenkonsum immer mehr aus, und zusammen mit der sedierten Grundstimmung führt das unweigerlich dazu, dass man sich vorkommt wie in einer Neuauflage von «Unter Null» (1985), dem ersten Roman von Bret Easton Ellis. Abgestumpft und hochsensibel, immer wie weggetreten und gleichzeitig hellwach, natürlich total apolitisch: So sind sie, die harmlosen Zombies der sozialen Medien, die Tao Lin hier aufbietet. Und der bezeichnende Unterschied zu Bret Easton Ellis: Bei Tao Lin haben die Figuren fast keinen Sex mehr. Dafür haben sie Wireless.

Eintönig, manchmal luzide

Wie um das epigonale Verhältnis zu besiegeln, wird Ellis auf dem Buchumschlag mit einem feierlichen Tweet zitiert. Mit diesem Buch, meldete er über «Taipeh», sei Tao Lin «zum interessanten Stilisten seiner Generation geworden, was nicht bedeutet, dass es kein langweiliger Roman ist». Bloss dass der Verlag diesen zweiten Teil des Satzes schamlos weggestrichen hat. Dabei hätte er Tao Lin gerade in seiner Ehrlichkeit bestimmt gefallen.

Dessen literarische Nabelschau hat nämlich auch schon einen Namen: «New Sincerity», Neue Aufrichtigkeit, heisst die Bewegung, für die Tao Lin eine der Galionsfiguren ist. Poetische Sublimierung oder gar Ironie? Das wäre ja verlogen! Alles soll möglichst so flach und eintönig aufgezeichnet werden, wie es erlebt wurde. In «Taipeh» führt das gelegentlich sogar zu luziden Einsichten, wenn Paul die Selbstbeobachtung bis in die kleinsten Verästelungen seiner Wahrnehmung treibt: «Er kam sich vor wie eine Abschweifung, die vergessen hatte, von was sie abgeschweift war, und ihren Weg in Form einer verwirrten, wahllosen Suche fortsetzte.» (Was übrigens genauso für den Roman gilt.) Dann werden auch die Sätze immer länger, in einem merkwürdig unsinnlichen, posthumanistischen Sensualismus, der wie ein Computer noch die kleinste Empfindung registriert, aber nichts damit anzufangen weiss.

Als Befindlichkeitsstudie ist «Taipeh» durch und durch ein Spiegel unserer Zeit. Warum das auf Dauer dennoch uninteressant ist, das erklärt das Buch auch gleich selbst. Dann nämlich, als Paul sich an seine Kindheit erinnert: «Ich war wie ein gelangweilter Roboter.» Das ist mehr als nur eine kindliche Selbstbeschreibung, es bringt Tao Lins ästhetisches Programm auf den Punkt. «Taipeh» ist ein Roman, der im Modus eines gelangweilten Roboters erzählt ist.

Tao Lin liest am 16. September 2014 um 20 Uhr im Zürcher Kaufleuten. Ulrich Blumenbach spricht 
am 30. September 2014 um 18 Uhr im Zürcher Literaturhaus über seine Arbeit als Übersetzer 
von Joshua Cohen.

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