Nr. 10/2022 vom 10.03.2022

Lastwagen und Krieg

Annette Hug spricht und spricht nicht über Bäume

Von Annette Hug

Kurz vor Neujahr legte ich einen Artikel zur Seite und dachte: Wenn der Frühling kommt, wird das eine richtig optimistische Kolumne. Die Migros baut Anlagen, um aus den Lebensmittelabfällen ihrer Filialen Biotreibstoff zu machen.

Wer aber jetzt, wo der Frühling vielleicht kommt, an einen Algorithmus denkt, der auf Jahrzehnte hinaus berechnet, wie sich die CO2-Bilanz für Lastwagen auf unterschiedlichem Gelände entwickelt, dem explodiert das Hirn. Wer weiss, was für Geräte in zwei Monaten lieferbar sein werden, wer dann grad Zeit und Musse hat, ans CO2 zu denken und wie sich eine Weltgemeinschaft über die Umsetzung eines Klimaprotokolls verständigen soll, wenn das aufgeblasene Monster im Kreml klarmacht, dass es Reden an sich für überflüssig hält, nicht einmal die Verabredungen zur Evakuierung von Zivilist:innen aus Mariupol einhält und sich alles, was es haben will, mit Gewalt holt?

Was sagen doch die Klimaweisen? Konflikte um Ressourcen würden zunehmen? Und schon bemächtigt sich das Kriegsfieber der Umrüstung von Lastwagen. Sie ergibt vor allem Sinn, weil der Güterverkehr auf der Strasse unabhängig von Öl- und Gasproduzenten in Russland oder in Saudi-Arabien werden soll. Strom allein geht ja auch nicht. Dass AKWs in einer Welt, in der scharf geschossen wird, keine Lösung sind, wird gerade überdeutlich.

Düstere Erinnerung an die Grundstimmung der achtziger Jahre: als Jugendliche zu denken, wir werden gar nicht erwachsen, weil Betonköpfe in Washington und Moskau die Welt in die Luft jagen. Die Armee abschaffen wollen, weil ein konventioneller Krieg gar nicht gewonnen werden könnte. Fünf AKWs, eine Chemieindustrie am Rhein, da geht eine Bombe fehl, und nichts mehr da, was zu regieren wäre, sagten wir. Aber wie konnten wir uns theoretisch vorstellen, wie das wäre bei einer Invasion – wir waren es gewohnt, im Hypothetischen zu denken: Was wäre gewesen, wenn die Nazis, wer hätte kollaboriert, wer nicht?

Und dreissig Jahre später wird deutlich: Es geht um die bittere Realität, dass dieses Land zwar Bankengesetze verschärft hat und jede, die ein Postcheckkonto eröffnet, eine zwanzigseitige Erklärung über ihre Beziehungen zu den USA durchgehen und unterschreiben muss, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit der Konzerninitiative ein strenges Lieferkettengesetz wollte – dass das aber alles nichts zu nützen scheint. Schlupflöcher ohne Ende, und der Transithandel mit Rohstoffen über die Schweiz hat seit 1989 massiv zugenommen. Achtzig Prozent des russischen Rohöls wird in der Schweiz gehandelt, lesen wir jeden Tag. Von Nickel aus Guatemala und Gold aus dem Kongo nicht zu reden. Schweinebanden der Welt, lasst euch hier nieder. Die Idee, man könnte geschäftliche Beziehungen nach ethischen Gesichtspunkten betrachten, scheint in höheren Gremien dieses Landes – vom Zürcher Stadtrat über Konzernzentralen, die Zentralschweizer Regierungen bis zum Bundesrat – fast schon eigengesetzlich zu verdampfen.

Da kann ich mir schon vorstellen, wie die dekarbonisierte Migros-Flotte in bunten Farben bemalt durchs Land tuckert, auf der Strecke von Martigny bis Saas-Fee mit verrottetem Brot und Gemüse und faulen Früchten im Tank. Ein Vorbild für die Welt, wird man sagen, und die perfekte Kulisse abgeben für diesen Kleptokratensumpf.

Annette Hug ist Autorin.

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