Nr. 16/2022 vom 21.04.2022

«Ihr solltet uns dankbar sein», sagt der Cousin in Russland

Nach acht Wochen wütet der Krieg vor allem im Osten der Ukraine. Mariupol als Stadt existiert kaum mehr, auf einem umkämpften Fabrikgelände harren viele Zivilist:innen aus. Nur, wie lange noch?

Von Bernhard Clasen

95 Prozent der Stadt sind gemäss dem ukrainischen Aussenminister zerstört worden: Mariupol am 19. April. FOTO: ALEXANDER ERMOCHENKO, REUTERS

«Nun haben die russischen Truppen die Schlacht um den Donbas begonnen, auf die sie sich seit langem vorbereitet hatten. Ein sehr grosser Teil der gesamten russischen Armee wird nun in dieser Offensive konzentriert eingesetzt», erklärte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski in der Nacht zum 19. April in einer Fernsehansprache.

Die kommunalen Behörden im Donbas bestätigen das. «Es ist die Hölle. Die Offensive, über die wir seit Wochen sprechen, hat begonnen», textete auch Serhi Gaidai, Chef der Militärverwaltung der Region Luhansk, auf seiner Facebook-Seite. «In Rubischne und Popasna wird gekämpft, in anderen bisher friedlichen Siedlungen gibt es auch Kämpfe.» Gleichzeitig rief er die Bewohner:innen der Region Luhansk auf, sich sofort evakuieren zu lassen. «Es bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Jetzt muss man schnell handeln», so Gaidai. Derzeit seien noch 70 000 Menschen im Gebiet Luhansk.

In der Nacht, so Gaidai, hätten die feindlichen Angriffe zwar zugenommen, aber der Feind sei weitgehend erfolglos geblieben. Am Tag zuvor hatte er allerdings einräumen müssen, dass die russischen Truppen die Stadt Kreminna eingenommen hätten. Der ukrainische Generalstab geht davon aus, dass die Angreifer die gesamten Gebiete von Luhansk und Donezk einnehmen und dann einen Korridor zur Krim schaffen wollen. Neben dem Donbas seien auch die Oblaste Charkiw und Dnipropetrowsk von den neuen Angriffen betroffen, so Präsident Selenski. Dabei würden vor allem zivile Objekte beschossen.

Bekannt für ihre Brutalität

Nach Angaben des renommierten ukrainischen Portals NV sind allein in Charkiw seit Kriegsbeginn über 500 Zivilist:innen ums Leben gekommen. In Saporischschja, so das Portal strana.news, sei es den Angreifern in den vergangenen Tagen gelungen, einige Dörfer zu erobern.

Besonders dramatisch ist die Situation in der Hafenstadt Mariupol oder dem, was von der Stadt noch geblieben ist. Denn als Stadt existiere Mariupol nicht mehr, zitiert das Hromadske Radio Aussenminister Dmitro Kuleba. Mariupol sei zu 95 Prozent von der russischen Armee zerstört worden.

Auf Twitter berichtet Michailo Podoljak, ein Berater des ukrainischen Präsidenten, Russland habe am Dienstag auf das belagerte Werk Asowstal bunkerbrechende Bomben geworfen. Es sind vor allem tschetschenische Soldaten, die dem Chef der Tschetschenischen Republik, Ramsan Kadyrow, unterstehen, die auf der russischen Seite in Mariupol kämpfen. Und diese sind für ihre Brutalität bekannt. Man führe nun Säuberungsaktionen auf dem Gelände der Fabrik durch, heisst es auf Kadyrows Telegram-Kanal. Tschetschenische Kämpfer würden jeden Quadratmeter des Geländes durchkämmen.

Die Fabrik Asowstal sei praktisch vollständig zerstört, berichtet Swjatoslaw Palamar, Kommandant des rechtsradikalen Asow-Bataillons, das in der Fabrik die Stellung hält. Sehr viele Menschen würden sich noch auf dem Fabrikgelände aufhalten, so Palamar, der die ukrainische Führung aufruft, die Zivilist:innen und die Verletzten aus dem Gelände herauszuholen. Doch aktuell blockiere Russland alle Versuche, Menschen über humanitäre Korridore aus dem Fabrikgelände herauszuholen, zitiert das Portal NV die stellvertretende Premierministerin Irina Wereschtschuk.

Mariupol wird seit dem 1. März von den russischen Truppen belagert. In der Stadt gibt es weder Wasser noch Strom, Heizung oder Telefonverbindungen. Bis zu 22 000 Zivilist:innen sind nach ukrainischen Angaben dort ums Leben gekommen. Viele von ihnen wurden in Massengräbern beigesetzt. Nach Angaben der ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Lyudmyla Denisowa leiden die 100 000 Zivilist:innen, die in Mariupol geblieben sind, unter Wasser- und Nahrungsmittelknappheit. Mehrfach hatten die im Werk kämpfenden ukrainischen Militärs ein «Angebot» des russischen Verteidigungsministeriums, sich zu ergeben, abgelehnt.

Derweil scheinen den Separatisten die Kämpfer auszugehen. Auf dem Onlineportal «Gordonua» berichtet der ukrainische Journalist Denis Kasanski, alle Musiker der Philharmonie von Donezk seien von der «Volksrepublik» Donezk zwangsrekrutiert worden. Man habe sie angeblich für Fernsehaufnahmen an einen bestimmten Ort gefahren, wo man ihnen eröffnet habe, dass sie nun an die Front müssten. Wenig später habe man sie bei den Kämpfen in Mariupol eingesetzt, so Kasanski. Einige der Musiker seien dabei ums Leben gekommen, unter ihnen auch der Jazzmusiker Nikolai Zwjaginzew. Der Tod des Pianisten «bei der Befreiung von Mariupol» wird auch von dan-news.info, einem Portal der Donezker Separatisten, bestätigt.

«Das sind alles Fakes»

Wann der Krieg enden wird, wird in Moskau entschieden. Deswegen lohnt sich ein Blick in die russische Gesellschaft. Die in der Nähe von Kyjiw lebende 37-jährige Ernährungsberaterin Olga ist wie mehrere Millionen andere Ukrainer:innen teilweise Russin. Ihr Vater stammt aus Baschkirien, ihre Mutter ist Ukrainerin. Und nach jedem Telefonat mit ihrem Cousin in einer Kleinstadt in Baschkirien schlägt sie wieder die Hände über dem Kopf zusammen. «Ihr solltet uns dankbar sein», habe ihr Cousin zu ihr gesagt, «wir befreien euch von den Nationalisten.» Und als sie ihm entgegengehalten habe, dass sie von ihren eigenen Freundinnen wisse, wie Frauen vergewaltigt und Zivilist:innen in Butscha hingerichtet worden seien, habe dieser nur erwidert: «Das sind alles Fakes.» Trotzdem will sie weiter mit ihm in Kontakt bleiben, hofft, dass er eines Tages den verbrecherischen Charakter dieser «Sonderoperation» begreift.

Den Ton gibt in Russland Wladimir Putins Berater Sergei Karaganow vor. «Mir scheint, dass wir das Hauptproblem noch nicht gelöst haben, nämlich die Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine und die Befreiung des Donbas», so Karaganow am 12. April in der regierungseigenen «Rossijskaja Gaseta». «Das Problem muss militärisch gelöst werden; Verhandlungen werden in diesem Stadium wenig bringen. Wir sollten jedoch bedenken, dass die westlichen Führer des Kyjiwer Regimes die Militäroperation mit allen Mitteln in die Länge ziehen wollen, versuchen werden, Russland den grösstmöglichen Schaden zuzufügen, und bis zum letzten Ukrainer kämpfen werden.»

Gleichzeitig werden diejenigen, die unter hohen persönlichen Risiken gegen den Krieg in Russland auf die Strasse gehen, immer mehr. 15 434 Menschen seien seit dem 24.  Februar festgenommen worden, weil sie gegen den Krieg protestiert hätten, berichtet das unabhängige russische Portal OVD-Info am 20. April.

Und immer mehr Menschen in Russland erfahren, was wirklich in der Ukraine los ist. Dass das so ist, liegt nicht nur an den millionenfachen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Russinnen und Ukrainern. Auch die Soldaten, die in der Ukraine kämpfen, berichten ihren Familien, was sie sehen. Nach Angaben des ukrainischen Militärs haben seit Beginn des Angriffs über 20 000 russische Soldaten ihr Leben verloren. Mit Gesichtserkennungssoftware versuchen ukrainische IT-Fachleute, die Identität der Toten festzustellen, um dann deren Familien von ihrem Tod in Kenntnis zu setzen.

In einem Punkt scheinen sich der russische Propagandist Karaganow und ukrainische Politiker einig zu sein: Derzeit gibt es kaum Spielraum für Verhandlungen. Der Krieg entscheide sich auf dem Schlachtfeld, nicht am Verhandlungstisch, liess der ukrainische Aussenminister Dmitro Kuleba gegenüber dem französischen Fernsehsender France 24 verlauten. Und Präsident Selenski kündigte für den Fall, dass das Werk Asowstal in Mariupol durch russische Truppen eingenommen wird, den Abbruch sämtlicher Verhandlungen mit Russland an.

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