Nr. 12/2022 vom 24.03.2022

So bewegt man eine Pensionskasse zum Ausstieg

Die grösste Pensionskasse Europas verzichtet künftig auf Investments in fossile Energieträger. Das passiert nicht ganz freiwillig – der Druck der drei Millionen Versicherten veranlasste die Kasse dazu.

Von Julius E. O. Fintelmann

«Hippie­fantasie»: Das Team des Café de Ceuvel in Amsterdam gab nicht auf – bis seine ­Pensionskasse nicht mehr in fossile Energien investierte. Foto: Judith Jockel, Laif

Während sich der Schweizer Finanzplatz gegen Forderungen zur Wehr setzt, aus fossilen Energien auszusteigen, hat die grösste niederländische Pensionskasse letzten Oktober angekündigt, genau dies zu tun. Der Grund: eine Grassroots-Bewegung, die Millionen von Kund:innen vereinte. Und das in einem Land, dessen Stromerzeugung grossmehrheitlich noch immer von Gas, Öl und Kohle abhängig ist.

Am vergangenen 26. Oktober der grosse Knall: ABP, eine niederländische Pensionskasse und die grösste Europas, wird bis 2023 ihre Anteile in Firmen der fossilen Industrie verkaufen. Diese Entscheidung, im Englischen als «Divestment» (Desinvestition) bezeichnet, betrifft mehr als fünfzehn Milliarden Euro in Vermögenswerten, die bisher in fossilen Energien investiert waren, was fast drei Prozent des gesamten Vermögens von ABP entspricht.

Hiske Arts ist Campaignerin und Aktivistin bei Fossielvrij NL, der NGO, deren Engagement diesen Entscheid massgeblich beeinflusst hat. 2013 haben sie die Kampagne mit einem ganz einfachen Ziel begonnen: dass Pensionskassen wie ABP nicht länger in fossile Energien investieren dürfen. Über acht Jahre hinweg haben sie Aktionsgruppen aufgebaut, lobbyiert und Netzwerkarbeit betrieben. Die Kund:innen von ABP, das sind über drei Millionen Beamtinnen, städtische Bedienstete, Lehrer und Professor:innen, die sich alle ihre Pensionskasse nicht aussuchen können.

«Wir haben dazu beigetragen, dass sich diese Menschen vernetzen und anschliessend selbst die Kampagne führen können», sagt Arts. Doch nicht nur Arbeitnehmer:innen waren eingebunden, sondern auch Arbeitgeber wie Universitäten oder städtische Gemeinden. Und das sei, sagt Arts heute, der Schlüssel zu ihrem Erfolg gewesen: «Dass wir es nicht als Kampagne von Umweltaktivisten angelegt haben, sondern als Kampagne von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, erzeugte wesentlich mehr Druck. Schliesslich stimmte der Verwaltungsrat von ABP regelmässigen Diskussionen mit uns und den Aktionsgruppen zu.»

Pensionskasse erfüllt Forderungen

Letztlich sei aber auch ein anderer Faktor entscheidend gewesen. Nach dem Urteil des Haager Bezirksgerichts vom vergangenen Sommer, das den Ölriesen Shell dazu verurteilte, seine Emissionen bis 2050 um fast die Hälfte zu reduzieren, hat auch das Kampagnenteam überlegt, ob es eine Klage einreichen soll. «Wenn Shell die CO₂-Emissionen reduzieren muss, um die Grundrechte auf ein gutes Leben künftiger Generationen zu schützen, warum sollte es dann Finanzinstitutionen wie ABP erlaubt sein, klimaschädigende Investitionen zu tätigen?» Das Gerichtsverfahren musste nicht geführt werden. Denn kurz nach der Bekanntmachung der juristischen Pläne von Fossielvrij NL kündigte ABP an, auf die Forderungen nach einem Divestment einzugehen.

Auch Heleen de Coninck, Professorin für soziotechnische Innovation und Klimawandel an der Technischen Universität Eindhoven, hatte mit der Entscheidung von ABP zu tun. Als Mitglied eines wissenschaftlichen Komitees zu nachhaltiger Investmentpolitik beriet sie ABP in dieser Entscheidung. ABP will nun komplett aus Investitionen in fossile Energien aussteigen und sehr strenge Investitionskriterien einführen: Unternehmen sollen einen glaubwürdigen Plan vorlegen, wie sie das 1,5-Grad-Ziel einhalten können; sie dürfen nicht mehr neue Öl- oder Gasfelder erschliessen und müssen Pläne für ein Businessmodell vorlegen, das nicht auf fossilen Energien aufbaut. Diese Kriterien seien zwar im Moment noch nicht erfüllt, sagt de Coninck, sie würden aber langfristig ABP mehr Spielraum und Einfluss bei Investitionen verschaffen. Ausserdem habe ABP angekündigt, in weniger Unternehmen zu investieren und auf deren Kurs Einfluss zu nehmen.

Shell trickst

Shell kündigt an, bis 2050 klimaneutral sein zu wollen. Der Kern von Shells Strategie: mehr Geld in Wind-, Wasser- und Solarenergie investieren – ohne aber fossile Energien aufzugeben. Die Strategie hat bisher wenig Erfolg, denn Shell erreicht die selbst auferlegten Nachhaltigkeitsziele nicht. Laut einer Studie des Forschungsinstituts Global Climate Insights werden Shells Emissionen bis 2030 sogar steigen – was gegen den Gerichtsentscheid des Haager Bezirksgerichts verstossen würde. Shell unterläuft diesen Entscheid ohnehin: Der niederländisch-britische Konzern will den niederländischen Teil komplett nach Grossbritannien verlegen, um das Urteil zu umgehen.

Die Entscheidung von ABP ist auch deshalb bedeutend, weil es nachhaltige Energiequellen in den Niederlanden bisher nicht leicht hatten. De Coninck sagt, dass die niederländische Energiepolitik noch immer rückwärtsgewandt sei: «Man könnte annehmen, dass ein Land wie die Niederlande, wo 26 Prozent des Landes unter dem Meeresspiegel liegen, auch Vorreiterin bei der Bekämpfung der globalen Erhitzung sein sollte.» Doch dem sei nicht so: Menschen in den Niederlanden seien lange Zeit nicht wirklich besorgt gewesen – eben gerade wegen des erfolgreichen Managements von Fluten und Hochwassern. Zusätzlich hätten die Regierungen der letzten Jahre ständig ihre Energiepolitik geändert und seien den Übergang zu erneuerbaren Energien nicht angegangen. Noch immer stammen beinahe neunzig Prozent der Energie aus Kohle, Gas und Öl.

Klimaziele angepasst

Laut de Coninck habe es immer wieder Versuche gegeben, den Übergang zu erneuerbaren Energien anzugehen, jedoch sei der Erdgassektor für wirkliche Erfolge stets zu dominant gewesen. Ein anderes Ereignis aber sorgte Anfang der zehner Jahre dafür, dass die Gasindustrie ihre soziale Berechtigung verlor: Bohrungen im Gasfeld Groningen, dem grössten in Europa, verursachten 2013 und 2014 massive Erdbeben. Der öffentliche Druck führte zu Untersuchungsausschüssen, politischen Diskussionen und endlich zur Entscheidung, die Gasförderung in Groningen bis 2028 schrittweise auslaufen zu lassen.

Doch es gibt noch immer Rückschritte: Trotz der ursprünglichen Ankündigung, das Gasfeld zu schliessen, hat die niederländische Regierung entschieden, den diesjährigen Ausbau im Vergleich zu den Vorjahren beinahe zu verdoppeln. Das sei auch deshalb so, weil sich das Energiesystem nicht einfach über Nacht ändern lasse. Viele Wohnungen und Häuser werden mit Gas beheizt, was dazu führt, dass die Niederlande jetzt sogar Gas importieren. Die Klimaziele der Niederlande wurden in den Koalitionsverhandlungen der neuen Regierung angepasst. Jetzt sollen die Treibhausgase bis 2030 um mindestens 55 Prozent reduziert werden.

Schweiz hinkt hinterher

Während eine niederländische Pensionskasse nach der anderen entscheidet, nicht länger in die fossile Industrie zu investieren, sieht die Situation in der Schweiz nicht gut aus. Die Klima-Allianz Schweiz, ein Bündnis von über 130 Organisationen, hat alle Schweizer Pensionskassen und deren Investitionsstrategien analysiert und bewertet. Laut diesem Ranking sind die Investitionen von mehr als der Hälfte der Schweizer Pensionskassen noch immer klimaschädigend. Nur knapp ein Viertel der Kassen agiert klimaverträglich. Im Ranking fällt auf, dass vor allem Pensionskassen kleiner Unternehmen und Stiftungen sowie die der Kantone klimaverträglich investieren. Grosse Einrichtungen mit hohem Anlagevolumen wie etwa die Suva oder die Pensionskasse der UBS investieren weiterhin in fossile Energien – und erhöhen diese Investitionen sogar.

Nicht klar ist das Investitionsverhalten von rund 1300 Pensionskassen von Privatunternehmen, denn sie veröffentlichen dazu keine Informationen. Zusammengenommen investieren sie laut Schätzungen der Klima-Allianz fast 260 Milliarden Franken. Die Klima-Allianz nimmt an, dass diese 1300 Kassen konventionell und damit klimaschädigend investieren. Nichtsdestotrotz sei eine positive Dynamik auch in der Schweiz zu beobachten: Von 2020 bis 2021 sei der nachhaltig investierte Anteil des Anlagevolumens der Vorsorgeeinrichtungen immerhin um vierzehn Prozent gestiegen.

Auf die Frage, ob Divestment überhaupt funktioniere oder nicht einfach andere Finanzunternehmen die Lücke füllten, antwortet die Klimaexpertin Heleen de Coninck: Zunächst sei das so. Doch wenn sich ein so grosser Investor wie ABP aus fossilen Energien zurückziehe, habe das Signalwirkung. Auch für Hiske Arts, die Campaignerin bei Fossielvrij NL, sind die indirekten Konsequenzen wichtiger: «Wenn sich ABP und andere Institutionen für Divestment entscheiden, verliert die Fossilindustrie den sozialen Rückhalt. Und irgendwann landet sie in der gleichen Ecke wie die Rüstungsindustrie.»

David gegen Goliath

Einen Monat vor der grossen Ankündigung von ABP kündigte auch eine andere niederländische Pensionskasse an, aus Investitionen in fossile Energieträger auszusteigen: Horeca & Catering, die Pensionskasse für Gastronomie und das Gaststättengewerbe, hat dem Druck von zahlreichen Restaurants, Hotels und Cafés nachgegeben.

Initiiert hat die Kampagne das Café de Ceuvel im Norden Amsterdams. Gegründet mit dem Anspruch, jeden Euro in Nachhaltigkeit zu investieren, realisierten die Betreiber:innen bald, dass die tausend Euro, die sie monatlich in den Pensionsfonds einzahlten, direkt in die fossile Industrie flossen: «Das ist superkrumm, wenn man selbst ein nachhaltiges Geschäft betreibt», sagt Joey Hodde, einer der Gründer:innen des Cafés, heute. Also beschwerten sie sich mehrmals bei der Pensionskasse, bis schliesslich ein Vertreter der Kasse bei ihnen vorbeikam. Dieser habe aber ihr Anliegen nicht ernst genommen und es als «Hippiefantasie» abgetan, wie Hodde erzählt: «Er sagte, dass wir froh sein sollten, dass sie nicht in Atomwaffen und Landminen investierten.»

Das liess das Team von de Ceuvel nicht auf sich sitzen; es schuf eine Stelle, die sich mit diesem Thema beschäftigen sollte, und besetzte sie mit der Umweltökonomin Katrien Eisenloeffel. Um herauszufinden, wie genau Pensionskassen und ihr Investment funktionieren, bewarb sie sich um ein Praktikum bei Horeca & Catering – und wurde ausgewählt.

Das Team des Cafés lancierte dann die Kampagne «Vies Pensioen» (schmutzige Pension), die rasch andere Unternehmerinnen und Mitarbeiter aus der Hotel- und Cateringbranche anzog. Die Kampagne wirkte: Am 2. September 2021 teilte der Pensionsfonds Horeca mit, dass er aus fossilen Energien aussteigt.

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