Nr. 16/2022 vom 21.04.2022

Der Wandel soll für alle sein

In Aberdeen, jahrzehntelang die Ölhauptstadt Europas, sieht man dem Ende der fossilen Energie entgegen. Viele Arbeiter:innen sind offen für einen Übergang zur grünen Industrie – aber die mächtigen Konzerne bremsen.

Von Peter Stäuber (Text) und Kristian Boos (Fotos), Aberdeen

«Die Ölindustrie war im Lauf der Jahre sehr gut zu mir», sagt Robbie Wyness. Er hat eine Stimme wie Kies, Folge von vierzig bis fünfzig Zigaretten am Tag. «Ich bin in der ganzen Welt herumgereist, jeder Tag ist anders, und es macht mir noch immer einen Riesenspass, in einen Helikopter zu steigen. Ich liebe meinen Job.»

Wyness, 59 Jahre alt, steht am südlichen Ende des unromantischen Industriehafens von Aberdeen. Die Versorgungsschiffe, die aussehen wie Pick-up-Trucks im Wasser, ankern neben Gas- und Wassertanks und machen sich für die Fahrt hinaus ins Meer bereit, wo die Bohrinseln schwimmen. Seit man in den siebziger Jahren begann, Erdöl und Gas aus den Reservoirs unter der Nordsee zu pumpen, ist Aberdeen die Ölkapitale Europas.

Testen auf der Plattform

Wyness – rote Wangen, grauer Bart, Lesebrille auf der Nasenspitze – ist einer von etwa 30 000 Offshorearbeiter:innen, die auf den Plattformen im britischen Kontinentalschelf fossile Rohstoffe fördern. Er ist in Aberdeen aufgewachsen und besucht noch immer dasselbe Pub, in dem er als Dreizehnjähriger mit dem Geld vom Zeitungsaustragen sein erstes Bier bestellte. In die Ölindustrie ging er, nachdem er in der Folge einer Scheidung fast pleite war – «Ich sass auf dem Knochen von meinem Arsch», wie er sagt. Ein Freund habe ihm empfohlen: «Geh ‹offshore›, da wirst du einen Haufen Geld machen.» Wyness ist Testingenieur, seine Arbeit besteht darin, alle möglichen Hubgeräte auf Schiffen und Ölplattformen auf ihre Qualität zu prüfen: Kräne, Laufbahnträger, Winden. Er begann den Job Ende der neunziger Jahre, als die Ölindustrie in Aberdeen noch boomte.

Aber diese Zeiten sind vorbei. Seit vielen Jahren werden immer weniger Öl und Gas aus der Nordsee gezapft, die Reservoirs leeren sich langsam. Dazu kommt die zunehmend existenzielle Frage: Wie viel fossile Rohstoffe dürfen wir überhaupt noch verbrennen, damit sich der Klimanotstand nicht zu einer Katastrophe auswächst? Die wissenschaftlichen Modelle geben eine eindeutige Antwort: Gar keine. Das wissen die Politiker:innen, das weiss die Ölindustrie, das weiss Robbie Wyness. «Wir sind uns alle einig, dass es aufhören muss», sagt er. Im vergangenen November war er selbst unter den Demonstrierenden an der COP-26-Klimakonferenz von Glasgow. Er ging vor allem als Gewerkschafter – Wyness vertritt für die National Union of Rail, Maritime and Transport Workers (RMT) rund 1500 Offshorearbeiter:innen.

Er und seine Kolleg:innen waren in Glasgow, um ihre zentrale Forderung vorzubringen: «Wir wollen dafür sorgen, dass der Übergang zu einer grünen Wirtschaft gerecht ist. Dass wir Arbeiter weiterhin Jobs haben und dass die lokale Bevölkerung in den Übergang miteinbezogen wird.» Die Forderung hat einen Namen: «Just Transition», der gerechte Wandel. Entwickelt von der internationalen Gewerkschaftsbewegung, beschreibt er einen Übergang von der verschmutzenden zur nachhaltigen Industrie, der sozialverträglich ist und die Interessen der Lohnabhängigen im Blick behält.

Auf diese Weise will man die Fehler der Deindustrialisierung in den siebziger und den achtziger Jahren vermeiden. Damals schlossen Fabriken und Kohlezechen, ohne dass sich die Regierung mit dem Gedanken herumschlug, was die entlassene Arbeiter:innenschaft denn nun tun würde – die Folge war, dass ganze Landstriche in der postindustriellen Misere versanken. Das soll jetzt anders gemacht werden. Die schottische Regierung stellt sich hinter die Idee der Just Transition, sie hat sogar einen Ausschuss gegründet, der den Prozess vorantreiben soll. Aber was heisst das konkret? Wie sind das Ende der fossilen Energie und der gerechte Übergang zur Nachhaltigkeit in der Ölkapitale Aberdeen zu bewerkstelligen?

«Auf jeden Fall nicht so wie hier», sagt Scott Herrett. Er steht am Rand eines Golfplatzes, malerisch gelegen auf einem Hügel, der einen Panoramablick auf die Stadt freigibt. Herrett ist mit dem Velo gekommen, er lebt wenige Hundert Meter von hier. Gebürtig aus Grimsby in Nordengland, arbeitete der 46-Jährige zunächst als Ingenieur in der Bauindustrie. Dann begann er eine zweite Karriere als Umweltwissenschaftler, sein Spezialgebiet war Aufforstung. 2016 zog er nach Aberdeen und begann, an einem Forschungsinstitut zu arbeiten. Im vergangenen Sommer trat er einen neuen Job an: «Just Transition Organiser» für die Umweltorganisation Friends of the Earth.

Grüne Energie bedroht Grünfläche

Torry, das Quartier, in dem er wohnt, sei das beste in Aberdeen. Und am allerschönsten sei es in einer kleinen wilden Ecke namens St Fittick’s Park, sagt er und führt den Hügel hinunter. Erdige Pfade führen durch die Grünfläche, vorbei an Erlenbüschen und Nadelbäumen, daneben plätschert ein kleiner Bach, der sich streckenweise zum Teich weitet. Im St Fittick’s Park nisten Lerchen und Rohrsänger, und, so erzählt Herrett, wenn die Zugvögel im Sommer von Skandinavien nach Süden zögen, würden sie hier ihre ersten Schlucke Süsswasser nach dem Flug über die Nordsee trinken. St Fittick’s ist das letzte verbleibende Grüngebiet für die Bewohner:innen von Torry. Ihre Kommune ist eine der ärmsten in ganz Schottland, und im Lauf der Jahrzehnte hat ihnen die Stadtentwicklung bereits arg zugesetzt.

In den frühen siebziger Jahren überbaute man den Hafen von Torry, weil die Ölindustrie Platz brauchte. Vor zwanzig Jahren nahm eine Kläranlage gleich hinter dem Park ihren Betrieb auf – beim Spazieren bläst einem immer wieder ein dezenter Abwassergeruch ins Gesicht, man nennt es den Torry-Mief. Am östlichen Ende des Stadtteils wird gerade eine riesige Müllverbrennungsanlage gebaut. Und jetzt ist auch noch der St Fittick’s Park bedroht: Hier soll die Energy Transition Zone (ETZ) entstehen, ein Industriestandort für erneuerbare Energie. Es ist laut der schottischen Regierung «eine wichtige Initiative, um den Übergang des Energiesektors zu null Emissionen zu beschleunigen».

Der Bau eines neuen Hafens in der Bucht gleich nebenan hat bereits begonnen. Auf der Website steht, dass hier die Entwicklung von Projekten für Offshorewindenergie und Wasserstoffherstellung unterstützt werden solle, allerdings findet man keine Details. Auch bei der ETZ ist die Rede von «bedeutenden Möglichkeiten für Wind- und Wasserstoffenergie sowie Kohlenstoffabscheidung», aber konkrete Projekte sind bislang nicht geplant. «Das ist doch verrückt», sagt Herrett: «Man würde auch nicht einen Flughafen bauen, ohne vorher zu überlegen, wohin die Jumbojets fliegen werden.»

Und sowieso: Grüne Energie genau hier zu produzieren, im letzten verbleibenden Grüngebiet einer armen Kommune, sei genau das, was Just Transition vermeiden wolle. Im Dezember schrieben 21 Ärzt:innen aus der Gemeinde einen offenen Brief, in dem sie warnen, dass der Bau der ETZ in Torry die Versuche, die Ungleichheit bezüglich der Gesundheit in Aberdeen zu verringern, «permanent unterminieren würde». Die Anwohner:innen sind in überwältigender Mehrheit gegen das Projekt, sie haben eine Kampagne zur Rettung ihres Parks gegründet. Aber abgesehen von einer Pro-forma-Konsultation haben sie keinerlei Mitspracherecht. Die ETZ sei «der Inbegriff eines ungerechten, undemokratischen Wandels zur grünen Energie», sagt Herrett: «Es ist eine ‹Unjust Transition›.»

Er verweist auf das grundlegende Problem: Das Projekt wird von der Ölindustrie selbst vorangetrieben. Die ETZ ist eine Idee von Opportunity North East, einem Privatunternehmen, in dessen Vorstand die Chefs etlicher Energiekonzerne wie auch die Vorsitzende des Ölbranchenverbands Offshore Energies UK sitzen. «Es ist eine private Organisation, die niemandem Rechenschaft schuldet. Die Initiative beruht auf reinen Geschäftsinteressen – aber die Ölfirmen haben einen grossen Einfluss auf die Lokalpolitik», sagt Herrett. Eine Nachfrage bei der Stadtverwaltung von Aberdeen bestätigt diesen Eindruck. Wenn die endgültigen Pläne für die ETZ eingereicht würden, werde die Stadtverwaltung darüber entscheiden; aber alle weiteren Fragen zum nachhaltigen Umbau der lokalen Industrie solle man bitte an Opportunity North East richten, lässt die Pressestelle verlauten – als sei das ganze Unterfangen an die Privatwirtschaft ausgelagert worden. Nicht nur die Lokalpolitik ordnet sich den Interessen der Ölkonzerne unter: Seit Jahrzehnten übt die Branche einen gewaltigen Einfluss auf die Entscheidungsträger:innen in London aus.

«Die Ölindustrie hat den Staat gekapert»

Die Entdeckung fossiler Rohstoffe unter der Nordsee stiess einen tiefgreifenden Wandel in der britischen Wirtschaftspolitik an. In seinem Buch «Rentier Capitalism» (2020) argumentiert der in Schweden lehrende Wirtschaftsgeograf Brett Christophers, dass Öl und Gas die neoliberale Umwälzung Grossbritanniens überhaupt erst ermöglicht hätten: Mit den Steuereinnahmen von den Ölkonzernen vermochte Premierministerin Margaret Thatcher in den achtziger Jahren, die Verheerungen der Deindustrialisierung so weit durch das Sozialsystem abzufedern, dass die Gesellschaft nicht kollabierte. Das sei zwar kaum mehr als ein Heftpflaster auf der offenen Wunde gewesen, schreibt Christophers; aber ohne die Einnahmen aus der Ölindustrie hätte Grossbritannien die neoliberale Operation schlichtweg nicht verkraftet.

Das heisst allerdings nicht, dass die Steuereinnahmen aus dem Nordseeöl besonders beeindruckend gewesen wären: Die Konzerne bezahlten in Grossbritannien deutlich weniger als etwa in Norwegen. Wäre der effektive Steuersatz für die Ölkonzerne zwischen 2002 und 2012 der gleiche wie in Norwegen gewesen, hätte Grossbritannien schätzungsweise 111 Milliarden Pfund an zusätzlichen Einnahmen verbucht. Aber jahrzehntelang hat die Öllobby dafür gesorgt, dass die Regierung in London die Branche nicht übermässig zur Kasse gebeten hat. Das war besonders nach dem Abschwung von 2014 der Fall, als der Ölpreis stark einbrach und die Lobby panisch Hilfe vom Staat forderte. Und Westminster liess sich nicht lange bitten: Die Regierung gewährte umgehend Steuererleichterungen und Subventionen, die sich auf mehrere Milliarden Pfund beliefen. In den drei Jahren bis 2020 zahlten die Grosskonzerne BP und Shell unter dem Strich keinen einzigen Penny an Unternehmenssteuern an den britischen Fiskus.

«Die Ölindustrie hat den Staat gekapert», sagt Erik Dalhuijsen, der die Branche seit über dreissig Jahren aus nächster Nähe kennt. Nach dem Physikstudium begann der 58-jährige Holländer 1990, als Bohringenieur für Shell zu arbeiten, dann als Erdölingenieur. Seine Aufgabe bestand darin, Technologien zu entwickeln, wie man Öl und Gas aus den Reservoirs tief unter dem Meer an die Erdoberfläche schafft. «Ich kenne mich mit dem ganzen System der Erdölförderung aus», sagt Dalhuijsen. «Das war es auch, was mich zum Klimaaktivisten gemacht hat.»

Die Informationen sprudeln aus ihm heraus, zunächst im Auto – eine nervige Notwendigkeit, wie er sagt – auf der Fahrt entlang der Küste nach Norden, dann auf einem Spaziergang durch die paradiesischen Dünen. Dalhuijsen wirft mit Zahlen und Statistiken um sich, er hat sogar einen Ordner mitgebracht, in dem er Datenblätter zu Emissionen und Energieverbrauch abgeheftet hat. Einmal kniet er sich inmitten von Strandgräsern und Ginsterbüschen nieder und zeichnet eine Grafik in den Sand, um das europäische System der Energiepreise zu erklären. Die Datenanalyse ist sein Metier, und als er sich im Jahr 2012 einmal hinsetzte, um einige Wochen lang alle verfügbaren Statistiken zur Klimaerhitzung zu studieren, kam er zum Schluss: «Wir sitzen in der Tinte.»

In Gesprächen mit Leuten aus der Ölbranche merkte er, dass es vielen seiner Kolleg:innen ähnlich ging: Sie machten sich über den Klimanotstand Sorgen. Aber trotzdem sprach in Aberdeen kaum jemand davon – «Familie und Job schienen wichtiger», sagt Dalhuijsen. So gründete er 2013 die Kampagne Aberdeen Climate Action, deren Ziel es war, die Tragweite des Problems einer breiteren Öffentlichkeit begreiflich zu machen. Als Teil der wachsenden Klimabewegung hat die Kampagne dazu beigetragen, dass die globale Erhitzung in Grossbritannien mittlerweile als drängendstes Problem wahrgenommen wird – wichtiger als Brexit, Pandemie und Wirtschaft. Es hapert jedoch bei den konkreten Schritten, den CO₂-Ausstoss zu reduzieren. Das Problem sei das gleiche wie bei der ETZ, nur im Grossformat, sagt Dalhuijsen. «Die Ölfirmen sind noch immer am Drücker. Wenn sich die Politiker in Schottland und in Grossbritannien Gedanken machen, wie wir unser Energiesystem verändern müssen, dann suchen sie Rat bei jenen Leuten, die dieses System betreiben – und das ist die Ölindustrie. Die Ölleute beraten also die Regierung in der Frage, wie wir uns vom Öl verabschieden sollen.» In der schottischen Just Transition Commission beispielsweise sind die Energiekonzerne prominent vertreten. So überrascht es kaum, dass Unternehmen wie Shell, BP oder Tata beim grünen Umbau der Wirtschaft eine entscheidende Rolle zugewiesen wird.

Die britische Regierung spricht in ihrem Klimaplan etwa vom Ausbau der Wasserstoffenergie; aber die Version, die sie bevorzugt – sogenannter blauer Wasserstoff –, erfordert erhebliche Mengen an Erdgas und führt zu CO₂-Emissionen, ist also überhaupt nicht grün. Dieses CO₂ soll «abgefangen» und unter der Erde gelagert werden: Die Ölkonzerne investieren gross in die Kohlenstoffabscheidung (Carbon Capture and Storage, CCS). Aber noch ist CCS kaum ausgereift, und Wissenschaftler:innen warnen, dass noch nicht absehbar ist, ob es im grossen Stil funktionieren wird.

Die meisten vorgeschlagenen Strategien seien Ablenkungsmanöver, sagt Dalhuijsen. «Es ist klar, was passieren muss: Die Ölindustrie muss schrumpfen, und zwar dramatisch. Etwa neunzig Prozent der Industrie müssen verschwinden – ein bisschen fossile Rohstoffe werden wohl für industrielle Prozesse nötig sein, doch der Rest muss unter der Nordsee bleiben. Die Politiker akzeptieren das aber nicht.» Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine fordert die britische Öllobby noch eindringlicher, die heimische Förderung – also jene in der Nordsee – zu intensivieren, um weniger von Gasimporten abhängig zu sein.

Weil sich die Regierung in ihrer Klimastrategie an den Wünschen der Energiekonzerne orientiert, sorgt sie nicht nur dafür, dass der Abschied von Öl und Gas hinausgezögert wird: Sie verliert zudem das grössere Problem aus den Augen. «Bei der Just Transition geht es nicht nur darum, wie wir unsere Energie gewinnen», sagt Dalhuijsen. «Wir müssen viel mehr tun: zum Beispiel unsere Häuser besser isolieren, damit wir weniger Energie verbrauchen; den Lastentransport von der Strasse auf die Schiene umstellen; unsere Gasboiler durch Wärmepumpen ersetzen; den ÖV elektrifizieren.» Das Transportwesen beispielsweise ist für einen Grossteil der CO₂-Emissionen in Grossbritannien verantwortlich: 27 Prozent – deutlich mehr als die Stromerzeugung. Zwar hat die schottische Regierung in all diesen Bereichen Pläne vorgelegt, aber Dalhuijsen hält sie für viel zu wenig ambitioniert. «Ein umfassender Umbau unserer Gesellschaft würde jedoch massenweise Jobs schaffen», sagt er. «Insbesondere für jene Leute, die heute in der Ölindustrie arbeiten. Ein Grossteil ihrer Expertise kann im grünen Sektor zur Anwendung kommen.»

Mit der Klimaaktivistin am Tisch

Einige Stunden später am selben Nachmittag steht der Ölarbeiter Robbie Wyness vor dem Gemeindezentrum von Torry und raucht eine. Er ist gut gelaunt im Gespräch mit Gabrielle Jeliazkov, der er ebenfalls eine Zigarette aufgeschwatzt hat – sie rauche nur, wenn sie mit Robbie zusammen sei, beteuert sie. Vor wenigen Jahren wäre es eine eher unwahrscheinliche Szene gewesen: ein Ölarbeiter im fröhlichen Austausch mit einer Klimaaktivistin, kurz bevor sie einen gemeinsamen Event bestreiten – eine Podiumsdiskussion über das Ende des Öls. Jeliazkov, 27 Jahre alt, arbeitet für Platform London, eine 1983 gegründete Umweltkampagne, die Aktivismus und Kunst verbindet. Jeliazkovs Schwerpunkt ist die Just Transition, insbesondere die Überwindung jenes vermeintlichen Gegensatzes, der lange Zeit für ein gespanntes Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Klimakampagnen gesorgt hat: Jobs gegen Umwelt.

«In vielerlei Hinsicht ist unser Projekt verrückt», sagt sie und lacht. «Wir versuchen nichts weniger, als die Ölarbeiter dazu zu bringen, dass sie selbst das Ende der Ölindustrie fordern.» Linke Aktivist:innen wie sie seien gut darin, «Zukunftsvisionen zu entwickeln, in denen alles schön ist und wir genug grüne Energie für alle produzieren», sagt Jeliazkov. «Aber was oft fehlt, sind die praktischen Fragen, auf die die Leute in der Öl- und der Gasindustrie zunächst Antworten haben wollen.» Deshalb sei es so wichtig, die Pläne für den grünen Umbau gemeinsam mit den Lohnabhängigen in diesem Sektor zu erarbeiten. In der Theorie sind sie für den Wandel offen: Im September 2020 publizierte Platform London eine Umfrage, laut der 81 Prozent der Ölarbeiter:innen bereit wären, die Industrie zu verlassen.

Jeliazkov trifft sich regelmässig mit diesen Leuten, mit Rohrlegern, Bohringenieurinnen, Schweissern und Tauchern, sie hört ihnen zu und diskutiert Lösungen. So entstand etwa die Idee eines Offshorepasses. Wer von einer Ölplattform auf eine Windfarm umsteigt, braucht in der Regel eine neue Akkreditierung und muss mehrere bereits absolvierte Kurse erneut durchlaufen – und das alles aus der eigenen Tasche bezahlen, denn die meisten Mitarbeiter:innen auf einer Bohrinsel sind keine Festangestellten, sondern mit befristeten Verträgen engagiert. «Ein Offshorepass würde die Ausbildungskurse kombinieren und dafür sorgen, dass sie in der ganzen Offshoreindustrie anerkannt werden. Das würde den Übergang von Öl zu erneuerbarer Energie deutlich vereinfachen», sagt Jeliazkov. Für Aussenstehende möge dies wie ein Detail erscheinen, aber für die Arbeiter:innen seien solche Fragen zentral. «Erst wenn sie beantwortet sind, können sie an einen Übertritt in den erneuerbaren Sektor denken.» Und solchen konkreten Forderungen an die politischen Entscheidungsträger:innen können sich in der Folge auch die Klimaaktivist:innen anschliessen. «Das macht die Solidarität zwischen der Umweltbewegung und den Lohnabhängigen in der verschmutzenden Industrie viel einfacher», sagt Jeliazkov.

Was ihre Arbeit jedoch erschwert, ist dasselbe Problem, das Erik Dalhuijsen angesprochen hat: der Mangel an handfesten und langfristigen Plänen der Regierung, massiv in die grüne Energie zu investieren. Die Förderung von Windenergie, die die schottische Regierung verspricht, sei zwar zu begrüssen; aber ob das viele Arbeitsplätze schaffen wird, ist fraglich. Denn solange Schottland kein grösserer Produktionsstandort für Turbinenschaufeln, Rotoren oder Kabel ist, profitieren die Leute hier nur begrenzt. Die riesigen Turbinen zum Beispiel, die vor der Küste von Aberdeen aus dem Wasser ragen, sind im Ausland gefertigt worden, und der Unterhalt erfordert relativ wenig Personal. «Es wäre für die Ölarbeiter weit einfacher, sich eine Zukunft im grünen Sektor vorzustellen, wenn es den Sektor auch tatsächlich gäbe», sagt Jeliazkov.

Zudem spürt sie bei den Arbeiter:innen eine gewisse Skepsis. Sie zweifeln, wie realistisch ein baldiger grüner Wandel ist: «Die Offshorearbeiter wissen, wie viel Macht die Ölkonzerne haben. Sie wissen, wie wenig sie sich um Menschen kümmern – oder um die Zukunft des Planeten.» Wenn also die Ölförderung in der Nordsee zu Ende gehen soll, dann müssen sie dazu gezwungen werden. Diesen Druck aufzubauen – mit den vereinten Kräften der Umwelt- und der Arbeiter:innenbewegung –, darum geht es den Aktivistinnen und Gewerkschaftern, die sich heute in Torry zusammengefunden haben. «Wir sind erst am Anfang der Just Transition», sagt Robbie Wyness, kurz bevor der Anlass beginnt, «und es wird ein langer Weg sein. Aber wenn der Übergang zu einer nachhaltigen Industrie richtig umgesetzt wird, dann würden die meisten Ölarbeiter sagen: Yes, why not?»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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