Nr. 18/2022 vom 05.05.2022

Wenn Aktivismus Leben rettet

Im indischen Punjab haben Hochleistungssorten die alten Kulturpflanzen verdrängt. Sie brauchen teure Dünger und Pestizide, und nicht selten fällt die ganze Ernte aus. Erdrückt von Schulden, nehmen sich viele Bauern und Landarbeiter das Leben. Nun beginnen sich die Witwen zu wehren.

Von Daniela Sala und Ankita Anand (Text) und Marco Valle (Fotos)

Sukjeet Kaur erinnert sich: An jenem Morgen machte sie Fladenbrot zum Frühstück. Ihre Kinder Sahal Preet und Akash, damals neun und sieben, packten ihre Sachen für die Schule. Das Essen war bereit, aber ihr Mann, Jagmail Singh, immer noch nicht da. Vielleicht nimmt er noch ein Bad, dachte sie, oder er füttert die beiden Wasserbüffel. Damals hielt die Familie diese Tiere im Hof – so wie die meisten ihrer Nachbar:innen in Ralla, einem Dorf im nordindischen Bundesstaat Punjab. Die Mehrheit der Menschen hier sind Sikhs: Als Zeichen der Geschwisterlichkeit heissen alle Männer Singh (Löwe) und alle Frauen Kaur (Prinzessin).

Sie fand ihren Mann auf der anderen Seite des Hofes. Er hatte sich erhängt.

Jagmail war Landwirt. Und die Umstände seines Todes sind Teil einer viel grösseren Geschichte: Zwischen 2000 und 2018 haben sich in den sechs Distrikten des sogenannten Baumwollgürtels im Punjab über 16 600 Bäuer:innen und Landarbeiter:innen – grösstenteils Männer – das Leben genommen. Sie alle waren hoch verschuldet. Das geht aus einer aufwendigen Tür-zu-Tür-Umfrage der Punjab Agricultural University hervor.

Zweieinhalb Jahreslöhne Schulden

In den siebziger Jahren, in der Euphorie der sogenannten Grünen Revolution, erreichten Hochertragssorten den Punjab: Weizen-, Reis- und Baumwollsaatgut, das bis zu zehnmal höhere Erträge versprach als die herkömmlichen Sorten. Allerdings braucht es auch mehr Dünger, Pestizide und Wasser. Und für eine gute Ernte müssen die Bedingungen perfekt sein – sonst droht Totalausfall. Bald hatten die Hochertragssorten die einheimischen vollständig verdrängt. Eine desaströse Entwicklung, die sich mit der Klimaerhitzung noch verschärft.

Heute haben die Landwirt:innen im Punjab Schulden in der Höhe von einer Billion Rupien (rund zwölf Milliarden Franken), im Schnitt eine Million Rupien (12 000 Franken) pro Bauernfamilie – etwa zweieinhalb Mal so viel, wie sie im Jahr verdienen kann.

Als Sukjeet 2005 Jagmail heiratete, war er bereits verschuldet. Jagmails Vater war in den neunziger Jahren gestorben – vor lauter Stress wegen der Schulden, erfuhr Sukjeet. Doch wie er genau starb, weiss sie nicht. Nach dem Tod des Vaters brach Jagmail die Schule ab, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. «So konnte er die Schulden langsam zurückzahlen», erzählt Sukjeet. Doch bevor er es ganz geschafft hatte, ruinierten 2006 heftige Regenfälle die Reisernte. In den folgenden zehn Jahren häufte sich wegen Saatgut-, Dünger- und Pestizidkäufen eine Schuld von umgerechnet 3500 Franken an – in einem Bundesstaat, in dem eine Bauernfamilie zwischen 300 und 400 Franken im Monat verdient.

Als Sukjeet ihren Mann im April 2015 tot fand, war sie geschockt, aber nicht überrascht. «Er war schon einmal von der Terrasse gesprungen, einmal hatte er sich die Pulsadern aufgeschnitten, und einmal hatte ihn meine Schwiegermutter erwischt, wie er Pestizide trank.» Diese Suizidversuche habe er überlebt, erzählt sie ruhig im Schatten ihrer Terrasse. Die Wasserbüffel sind nicht mehr da.

Sukjeet hatte gewusst, dass ihr Mann Hilfe brauchte. Sie verkaufte das Gold im Familienbesitz und einen Büffel, und sie nahm neue Schulden auf, damit er in Barnala, eine Autostunde entfernt, in eine psychiatrische Klinik gehen konnte. Nach einem Monat, im November 2014, kam er heim und brachte Medikamente mit. «Etwa zwei Monate schien es ihm besser zu gehen. Dann ging der Stress wieder los.»

Seither nimmt auch Sukjeet Medikamente gegen «Stress», wie sie es nennt. Ohne männliche Familienmitglieder im Haus trägt sie nun die ganze Verantwortung für das Land, das Haus und die Ausbildung der Kinder. Und die Schulden sind immer noch nicht abbezahlt.

Was Sukjeet passierte, ist nicht aussergewöhnlich. Seit ihr Mann starb, hat sich die Situation noch verschlimmert. 2019 hat die Zahl der Suizide im Punjab stark zugenommen. Und es gibt Bundesstaaten, in denen die Rate noch höher ist. Im Punjab liegt sie mit 10,4 pro 100 000 Menschen nur leicht über dem nationalen Durchschnitt.

Wahlkampf mit der Rikscha

2016 fand Sukjeet unerwartet Inspiration und Unterstützung von Frauen, die dasselbe durchmachten. «Allein daheim, denkst du, du seist die Einzige. Aber wenn du hinausgehst und beginnst, darüber zu sprechen, merkst du, wie viele wir sind.»

Eine der Frauen, die sich am meisten dafür eingesetzt hat, einen Raum zu schaffen, in dem Frauen reden können, lebt nur wenige Häuser von Sukjeet entfernt. Veerpal Kaur ist eine kleine, dünne Frau Anfang vierzig. Oft bedeckt sie ihre geflochtenen Haare mit einer weissen Dupatta, dem traditionellen Schal der Frauen im ländlichen Punjab. Der erste, distanzierte Eindruck täuscht: Veerpal spricht selbstbewusst und leidenschaftlich, macht klar, dass es keine Zeit zu verlieren gibt. Sie sitzt kaum je still, ist dauernd unterwegs: Sie kocht für eine Nachbarin, hilft im lokalen Frauenberatungszentrum aus, besucht eine Frau, die kürzlich ihren Mann verloren hat, oder geht an Proteste.

Mit ihr mehr als eine halbe Stunde zu sprechen, ist eine Herausforderung: Dauernd schauen Frauen herein, dauernd läutet das Telefon. Später geht sie durch Ralla, auf der staubigen Strasse, wo Kuhmistziegel in der Sonne trocknen, die man hier zum Kochen verbrennt. Immer wieder zeigt sie auf eine Frau oder ein Haus: Bei ihr hat sich jemand das Leben genommen, dort auch. Sie erinnert sich an das Jahr, den Namen und wie es geschah.

«Als der Patwari, der lokale Beamte, 2010 zum ersten Mal hierherkam, lachte er mich aus», erinnert sich Veerpal. «Was ist denn dein Problem? Offenbar geschehen alle Suizide nur in diesem Dorf», habe er gesagt. Die erwähnte Umfrage der Punjab Agricultural University bewies das Gegenteil. Sie zeigte, dass mit der Landwirtschaft zusammenhängende Suizide in rund 2000 Dörfern im Baumwollgürtel gehäuft vorkommen.

Die Regierung des Bundesstaats war und ist dennoch nicht bereit, das Ausmass der Suizidwelle zuzugeben. Denn das würde sie zwingen, den Familien der Opfer Kompensation zu bezahlen und die politische Dimension der Tragödie anzuerkennen: Die Suizide sind eine Folge der katastrophalen Lage, in der sich die Landwirtschaft befindet.

In ihrem 6000-Einwohner:innen-Dorf kennt Veerpal etwa 250 Familien, in denen sich mindestens ein Mitglied das Leben nahm. Aber nur 20 davon sind auf der offiziellen Liste der Regierung, und nur 6 oder 7 haben eine finanzielle Kompensation erhalten. Veerpal brauchte die Untersuchung der Universität nicht, um die Tragweite der Suizidkrise zu verstehen: «1995 nahm sich mein Vater das Leben, nachdem er wegen Schulden sein Land verloren hatte. Mit sechzehn heiratete ich, vier Jahre später tötete sich mein Mann.» Damals war ihre Tochter Diljot zweieinhalb, ihr Sohn Abhishek ein Jahr alt. Auch der Vater ihres Mannes hatte sich umgebracht, nachdem wegen Schädlingen eine ganze Baumwollernte ausgefallen war.

Allein, verschuldet und mit zwei Kindern wurde sie von ihrer Schwiegermutter nach Ralla zurückgeschickt – darum nennt man sie «eine Tochter des Dorfes». Das ist nicht freundlich gemeint. Trotz Armut und Erniedrigung gab sie nicht auf, nahm jeden Job an, um ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. 2017 traf sie Kiranjit Kaur, eine junge Frau aus dem gleichen Distrikt, deren Vater sich das Leben genommen hatte. Gemeinsam gründeten sie das Kisan Mazdoor Khudkushi Peedit Parivar Committee zur Unterstützung der Familien von Suizidopfern. Schon nach kurzer Zeit seien 3000 Familien beigetreten, sagt Veerpal, inzwischen seien es über 16 000. Bei monatlichen Treffen im Freien, manchmal auch in Sikhtempeln, organisieren sie Proteste und diskutieren darüber, wie sie die Überlebenden unterstützen können.

2019 beschloss das Komitee, dass Veerpal als unabhängige Kandidatin für die Lok Sabha, das indische Unterhaus, kandidieren solle. Monatelang reiste sie in einer gemieteten Autorikscha durch die Bathinda-Region, ausgerüstet mit einem Lautsprecher und zwei grossen Postern: auf dem einen ihr Porträt, auf dem anderen das Symbol ihrer Kampagne, ein Tontopf, wie er im ländlichen Indien zum Wassertrinken gebraucht wird. Veerpal blieb immer realistisch: «Ich hatte keine Ahnung, wie Wahlen funktionieren. Und ich wusste, dass ich keine Chance hatte, zu gewinnen.» Sie hatte recht – trotzdem sieht sie die Aktion als grossen Erfolg: «Die Medien berichteten, wir wurden bekannt. Vorher hörte mir bei der Distriktverwaltung niemand zu. Jetzt trauen sie sich nicht mehr, mich rauszuwerfen.»

Die Behörden mauern

Je bekannter sie wurde, desto mehr Frauen suchten den Kontakt mit ihr. Überfordert sie das? «Nein», sagt Veerpal. «Diesen Frauen wurden so viele Türen vor dem Gesicht zugeschlagen. Ich kann nicht all ihre Probleme lösen, aber ich werde immer da sein, um ihnen wenigstens zuzuhören.»

Jetzt, nach der Pandemie, zeichnet sich eine neue, besorgniserregende Entwicklung ab. Bis vor wenigen Jahren nahmen sich vor allem verschuldete Kleinbauern das Leben, die etwas Land besassen – heute immer öfter auch Landarbeiter:innen. Für ihre Familien sind die Folgen noch verheerender. «Ich hätte nie gedacht, dass uns das passieren könnte», sagt die vierzigjährige Karamjit Kaur. Sie trägt einen Plastiksack mit einem kleinen Stapel Papiere, sorgfältig zusammengefaltet: Sie kommt gerade von der Distriktverwaltung in Mansa, wo sie wieder einmal versucht hat, einen Beamten zu treffen, der die Sterbeurkunde ihres Mannes beglaubigen könnte. 24 Jahre war sie mit Gurtej Singh verheiratet. Im Juli letzten Jahres sei er losgegangen, um für sie Medizin zu kaufen, erinnert sich Karamjit. «Als er zurückkam, verhielt er sich seltsam. Er legte sich hin und sagte, wir sollten weggehen. Als wir begriffen, dass er Gift genommen hatte, war es zu spät.»

Gurtej war Tagelöhner – er arbeitete in Ralla auf den Feldern und in Mansa auf Baustellen. Die Familie schaffte es kaum, über die Runden zu kommen. Vor kurzem hatte er bei einer Bank und bei inoffiziellen Geldverleihern Kredite aufgenommen, um sich als Gemüseverkäufer selbstständig zu machen. Auch einige dringende Reparaturen am Haus wollte er so finanzieren. Doch mit der Pandemie geriet die Familie immer tiefer in die Schulden. Schliesslich waren rund 7000 Franken fällig.

«Ich tat, was ich konnte, um wenigstens die Geldverleiher im Dorf auszubezahlen», erzählt Karamjit. «Aber der Bank sagte ich, sie hätten keine Wahl, als zu warten, bis meine Kinder arbeiten können.» Sie putzt die Ställe ihrer Nachbar:innen in Ralla für 550 Rupien, etwa 6 Franken, im Monat. Das reicht kaum, um genug Essen auf den Tisch zu bringen. Ihre siebzehnjährige Tochter und ihr fünfzehnjähriger Sohn haben die Schule abgebrochen. Nur der Jüngste, bald elf, besucht sie noch. Aber Karamjit macht sich Sorgen, dass sie die Prüfungsgelder bald nicht mehr bezahlen kann. Die Familie besitzt weder Land noch Tiere – Karamjit hofft auf staatliche Kompensationszahlungen. Aber sie weiss nicht, ob sie je etwas erhalten wird.

«Arbeiterfamilien sind oft vollständig vom Geld abhängig, das der Mann verdient», sagt Ranjit Singh. «Ohne eigenes Land führt der Suizid des Mannes zum ökonomischen Zusammenbruch der Familie. Das geschieht immer öfter.»

Der 53-jährige Ranjit ist seit 2006 Aktivist der Gewerkschaft Punjab Kisan. Zwischen 2013 und 2019 war er auch Bürgermeister von Tamkot, einem kleinen Dorf in der Nähe von Ralla. Er unterstützte die Forschenden der Universität bei ihrer Umfrage über die Suizide in der Region. Seither hat er Berge von Dokumenten gesammelt, die Namen, Adressen und die Höhe der Schulden auflisten, die zu den Suiziden führten. «Als Gewerkschaft kämpfen wir für jene Fälle, für die die Behörden keine Kompensation bezahlen wollen.» Fast 500 auf seiner Liste waren Arbeiter, und ihre Fälle sind die schwierigsten: «Wenn sie informell Geld liehen, sagen die Behörden, die Schulden könnten nicht bewiesen werden. Wenn sie vor dem Suizid auf dem Bau arbeiteten, weil es wegen Ernteausfällen auf den Feldern keine Arbeit gab, heisst es, der Tod habe nichts mit der Agrarkrise zu tun.»

Für Ranjit ist das ein persönlicher Kampf: «1998 verlor ich eine ganze Ernte. Wenn ich nicht in der Gewerkschaft aktiv gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht auch umgebracht.» Aktivismus habe sein Leben gerettet.

Für die nächste Generation

2020 und 2021 führten die Agrarkrise und Pläne der Regierung für neue Landwirtschaftsgesetze zu grossen bäuerlichen Protesten. Die Hauptstadt Neu-Delhi war mehrmals tagelang blockiert. Frauen beteiligten sich an vorderster Front. Auch Veerpal und ihre Mitstreiterinnen protestierten.

Doch für sie ist Protest alltäglich und oft ausgesprochen lokal. Veerpal erzählt: «Vor ein paar Jahren musste eine Frau, die gerade ihren Mann verloren hatte, zur Distriktverwaltung, um Dokumente zu beglaubigen. Der Beamte weigerte sich – sie müsse zuerst mit ihm schlafen.» Die Frau kam zurück nach Ralla und erzählte Veerpal davon. Am nächsten Tag ging eine Gruppe von Frauen zur Verwaltung und stellte den Mann zur Rede. Obwohl dieser alles abstritt, bekam die Frau wenigstens ihre beglaubigten Dokumente.

«Wir lernen, für uns aufzustehen, das inspiriert uns. Wenn du Angst hast, stirbst du», sagt sie – ein altes Sprichwort aus dem Punjab. Veerpal, Sukjeet, Karamjit und viele andere Frauen haben ein Ziel: Die Generation ihrer Töchter soll eine gute Ausbildung bekommen. Wie Veerpals Tochter Diljot: Sie möchte Anwältin werden und die Rechte der Arbeiter:innen verteidigen.

Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Dyttrich.

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