Nr. 01/2008 vom 10.01.2008

Die gute Idee aus Rotkreuz

Die Globalisierung degradiert Menschen zu Kostenfaktoren, fördert den Wettlauf der Billiganbieter und zerstört die wenigen Ansätze von Selbsthilfe, die da und dort noch existieren. Aber es gibt auch Ausnahmen.

Von Joseph Keve, Kasrawad

Dogawa ist ein unscheinbarer Ort. Wer hierher kommen will, muss die hundert Kilometer lange Fahrt von Indore im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh nach Kasrawad auf sich nehmen - eine ermüdende Bus- oder Jeepreise durch Nimar, eine Region, die für ihre schwarze Erde bekannt ist, auf der die Baumwolle besonders gut gedeiht. Von der Stadt Kasrawad südlich des Narmada-Flusses sind es dann noch ein paar Meilen auf einer holprigen Landstrasse bis Dogawa, wo 2000 Familien leben, die meisten von ihnen von Fischfang, viele aber auch von der Landwirtschaft, von Baumwolle, Hülsenfrüchten und Gemüse.

Hier, fast in der Mitte von Indien, kann man erstaunliche Geschichten hören. Einer, der solche Geschichten zu erzählen weiss (und selber manchmal noch darüber staunt), ist Kamalchand Namdev. Denn vor kurzem noch hatte der 45-Jährige die gleichen Probleme gehabt wie viele seiner Nachbarn: «Ich musste jedes Jahr 8000 Rupien für synthetischen Dünger ausgeben und fast 4000 Rupien für Pestizide - und die Kosten stiegen von Jahr zu Jahr.» 12 000 Rupien, das sind umgerechnet 350 Franken für die drei Hektar, die er bewirtschaftet - eine Summe, an der kleine Baumwollbauern leicht zugrunde gehen. Doch dann bekam Namdev Besuch von Leuten, die ihm erzählten, dass er sich dieses Geld gut sparen könne, und die ihn zu einem Seminar einluden. Kamalchand Namdev war zunächst skeptisch. Von biologischen Anbauweisen hatte er zwar gehört. Aber würden die tatsächlich das halten können, was den Vertretern multinationaler Konzerne mit ihren bunt ausgemalten Verheissungen - hohen Ernteerträgen, guten Gewinnen - nie gelungen war? Lassen sich Kunstdünger und chemische Pflanzenschutzmittel wirklich ersetzen? Und zeigten nicht die Fernsehapparate der reichen Bauern in ständig wiederkehrenden Werbespots, wie sehr grosse Maschinen und Agrochemikalien der Landwirtschaft nützen? Andererseits hatten Namdevs wohlhabendere Nachbarn in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Kühen, Büffeln und Ziegen verloren, nachdem diese gentechnisch veränderte Baumwolle gefressen hatten.

Höhere Erträge, russfreie Küche

Dass er an der Schulung teilnahm, hat Kamalchand Namdev nicht bereut. «Ich habe Kompostieren gelernt und weiss heute, wie man pflanzliche Schädlingsbekämpfungsmittel herstellt», sagt er. Allein das erspare ihm die Hälfte seiner früheren Produktionskosten. «Ausserdem bekomme ich für meine Baumwolle einen besseren Preis.» Und überhaupt gehe es jetzt allen besser: Seine zwei Kühe und seine zwei Büffel seien gesünder als je zuvor. Energie beziehe er aus einer Biogasanlage, zu der ihm während der Schulung geraten wurde und für deren Bau er einen zinslosen Kredit bekam. Er hat ihn mittlerweile abgezahlt. Die Maische aus der Anlage, sagt er, habe sich als sehr guten Dünger erwiesen. «Meine Jahreseinkünfte sind seither um 15 000 bis 20 000 Rupien gestiegen.»

Warum aber haben nicht mehr Bauern die biologische Produktionsweise aufgegriffen? Sie glauben noch den bunten Bildern, die im Fernsehen zu sehen sind, vermutet Namdev. Ausserdem sei die Hoffnung auf eine zweite «grüne Revolution», diesmal mit Hilfe global operierender Unternehmen, noch immer weit verbreitet. Doch schon die erste «grüne Revolution», der Versuch von Organisationen vor allem aus den USA seit dem Zweiten Weltkrieg, die Lebensmittelversorgung im Süden mit Monokulturen, Hochertragssorten und Agrochemie zu sichern, brachte äusserst zwiespältige Resultate: vergiftete Böden, Verlust von angepassten Nutzpflanzensorten und Abhängigkeit von Saatgut- und Chemiekonzernen.

Namdevs Ehefrau bringt Tee. «Die Biogasanlage ist eine grosse Erleichterung», erzählt sie. «Seit wir sie haben, muss ich nicht mehr im Qualm einer völlig verrussten Küche stehen und kann mir auch das mühsame Holzsuchen sparen.» Zwei Stunden hatte sie jeden Tag dafür aufwenden müssen. Alle diese Segnungen, sagen die beiden, verdanken sie einem Unternehmen, von dessen Existenz sie bis vor wenigen Jahren nichts wussten.

Der Auftrag

«Schau doch mal, ob das stimmt, was die Remei AG so erzählt», hatte die Redaktion in Zürich mir aufgetragen: «Finde Näheres heraus.» Deshalb stehe ich in Dogawa, höre Kamalchand und Pyaribhai zu, beobachte, wie drei Bauern unter einem Neem-Baum Notizen über die Zusammensetzung eines Komposthaufens austauschen, und lasse mir von anderen berichten, was die «Wundersaat» und der «Wunderdünger» der Chemiekonzerne ihrem Land angetan haben: Die Mikroorganismen sind zerstört, die Würmer tot, die Hybridgetreidesorten weitaus weniger ertragreich als versprochen, die Nahrungsketten vergiftet. Nebenan tobt ein Bauer: Er werde den, der ihm die genmanipulierte Bt-Baumwollsaat aufgeschwatzt habe, das nächste Mal zusammenschlagen. Daran sind seine Büffel verreckt. Denn die Bt-Baumwolle produziert ein Pestizid, das Schadinsekten abtötet - offensichtlich aber auch grösseren Tieren gefährlich werden kann.

In Karondia, dem nur ein paar Kilometer entfernten Nachbardorf, hat sich das Remei-Projekt ebenfalls herumgesprochen. «Ein paar von uns haben das bioRe-Schulungszentrum besuchen dürfen und danach weitergegeben, was sie dort gelernt haben», sagt Rajendra Yadav, der 21-jährige Präsident der Karondia Youth Group. «Also haben wir uns zusammengesetzt und den Bau eines Wassertanks für das Dorf beschlossen. Die Schweizer haben uns dabei unterstützt.» Gute Ideen seien halt ansteckend, sagt er. «Mittlerweile wollen selbst die ältesten Männer im Dorf Mitglied in unserer Jugendgruppe werden.» Diese baut mittlerweile auch an einem Ausbildungszentrum für erwerbslose Frauen.

Das Remei-Konzept

Die Ausgangsidee von Patrick Hohmann, Geschäftsführer der schweizerischen Textilfirma Remei AG mit Sitz im zugerischen Rotkreuz, greift also. 1983, vor 25 Jahren, hatte er das Konzept einer «alternativen Globalisierung» entwickelt, die die KonsumentInnen mit den ProduzentInnen verbinden, den Menschen in Europa die Beschäftigten in Indien, Tansania und anderen Teilen der Welt näherbringen und Brücken bauen soll zwischen Geschäft und Sozialarbeit, zwischen Mode und Ökologie. Alle Menschen, so seine Grundüberzeugung, können in Würde arbeiten und leben. 1991 gründete Hohmanns Firma die Tochtergesellschaft bioRe India, 1994 bioRe Tanzania, begann 1995 eine Partnerschaft mit Coop Schweiz, die zum Biobaumwoll-Label Naturaline führte, und hob 1997 die bioRe-Stiftung aus der Taufe, die über die Baumwollerzeugung hinaus ein nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen soll. Dazu gehören unter anderem die Beratung der Kleinbauern, ihre Weiterbildung in Feldschulen, die Förderung ihrer Infrastruktur - vom Wassertank in Karondia bis zur Biogasanlage der Namdevs - und die Förderung ihrer Selbstorganisierung.

Die Remei AG ist somit auf mehreren Ebenen tätig: Sie tritt den Baumwollproduzenten nicht nur als Auftraggeberin gegenüber, sie fördert auch deren Selbstständigkeit, schult sie, hilft ihnen aus Notlagen und ermächtigt sie im besten Sinne des Wortes. Und sie ist stolz auf das Erreichte: «Gemeinsame Visionen lassen die Unterschiede zwischen Menschen und Nationen schwinden», sagt beispielsweise Peter Tschannen, neben Hohmann Geschäftsführer und Mitbesitzer der Remei AG. Aber einfach sei das nicht umzusetzen. «Wir müssen dafür auch einen Markt finden», sagt der 51-jährige Manager, der früher Heilpädagoge war, und erzählt auf unserer Reise nach Kasrawad von all den Schwierigkeiten, die eine Vermarktung von (teurem) Biogarn so mit sich bringt. Aus der Nischenproduktion sei mittlerweile ein Massenmarkt geworden, sagt er: «Immer mehr Firmen behaupten, fair und umweltschonend zu produzieren. Aber nicht viele halten die Transparenz auch ein, die es braucht, um die Konsumenten zu überzeugen.»

Die ganze Welt steht offen

Transparent sind nicht nur die Geschäfte (vgl. nebenstehenden Text), die Geschäftsverbindungen und die Geschäftsberichte (siehe www.remei.ch). Transparent ist auch die Arbeit vor Ort. Wer die Projekte besucht, wird mit offenen Armen empfangen. Drei Gebäude bilden den von Bäumen, Büschen, Blumen und Gemüsegärten umgebenen bioRe-Hauptsitz ausserhalb von Kasrawad - das Geschäftshaus von bioRe India Ltd., das grosse Gebäude der bioRe Association (eines 2003 gegründeten Bauernvereins mit 500 Mitgliedern, der Gemeinschaftsprogramme entwickelt und das Ausbildungszentrum unterhält) sowie das Haus der bioRe-Stiftung. In der Geschäftszentrale arbeiten fast siebzig bioRe-Beschäftigte. Ein kleiner Teil ist in der Verwaltung tätig, die meisten sind in den umliegenden Bezirken als BeraterInnen unterwegs, um Menschen wie Kamalchand Namdev für den ökologischen Landbau zu gewinnen.

Die Verwaltungsangestellten schliessen die Verträge ab, kontrollieren die Lieferungen, organisieren Abläufe. Knapp 5000 Baumwollbauern verkauften in der Saison 2006/07 ihre Ernte an bioRe India; immer mehr wollen in das Programm aufgenommen werden. Denn die Produzenten erzielen einen um fünfzehn bis zwanzig Prozent höheren Preis: 2006 zahlte Remei rund 25 Rupien pro Kilo Rohbaumwolle (umgerechnet etwa siebzig Rappen), konventionell angebaute und oft gentechnisch veränderte Baumwolle bringt auf dem Markt hingegen nur zwischen 18 und 21 Rupien.

«Unseren Lieferanten steht die ganze Welt offen», sagt Rajeev Baruah, der einst in Delhi Sozialanthropologie studierte, viel von Baumwolle versteht und derzeit bioRe India managt. «Die Globalisierung stellt die Kleinbauern vor völlig neue Herausforderungen. Wir bieten den Menschen eine Alternative und überlassen ihnen die Entscheidung: Engagierst du dich zum Wohl aller? Oder suchst du dein Heil als Anhängsel und Opfer der grossen Konzerne?» Diese sind mittlerweile allgegenwärtig. Unternehmen wie Mahyco - eine indische Biotechfirma mit engen Verbindungen zum US-amerikanischen Konzern Monsanto - , Ankur oder Krishidhan verfolgen eine aggressive Werbestrategie, der kaum ein indischer Bauer entkommt - schon gar nicht im Baumwollsektor. An keiner anderen Pflanze sind so viele Gentech-Versuche vorgenommen worden. In den beiden wichtigsten Anbaustaaten USA und China stammen mittlerweile achtzig respektive sechzig Prozent der Ernteerträge aus genetisch verändertem Saatgut. Indien ist der drittgrösste Baumwollstaat der Welt.

Indische WissenschaftlerInnen warnen schon lange vor den Folgen der gentechnisch veränderten Bt-Baumwolle. «Viele Bauern, vor allem diejenigen mit viel Land, hoffen auf Supererträge und die versprochene Verdoppelung oder Verdreifachung der Gewinne», sagt Swanil Jain vom Indore College of Agriculture. «Aber unsere Forschungen haben ergeben, dass alle nur verlieren.» Nur Bauern, die ökologisch nachhaltig wirtschaften, hätten in Zeiten der hemmungslosen Globalisierung eine Chance - für sich, ihre Umwelt und auf dem Markt. «Alle anderen gehen im Wettbewerb unter», sagt seine Kollegin Sweta Mahta, «denn das Rattenrennen kennt nur einen Massstab: den Preis.»

Das Gebäude des Bauernvereins bioRe Association ist das grösste am bioRe-Hauptsitz. Hier sind die Unterrichtsräume des Ausbildungszentrums untergebracht, das 2005 von der bioRe-Stiftung eingerichtet wurde. (In Tansania gibt es ein weiteres Trainingszentrum.) Auf mehreren Tausend Quadratmetern lernen und erproben durchschnittlich vierzig Kleinbauern traditionelle und biodynamische Anbauformen; über 2300 Bauern haben bisher die Kurse absolviert, die auch Kenntnisse in den Bereichen Gesundheit und Hygiene, Sozialstrukturen und Regeneration vermitteln - und die Fähigkeit, mit Computern umzugehen. Das Computerzentrum (es wurde von Coop Schweiz finanziert) bildet vor allem Jugendliche aus den benachbarten Dörfern aus.

Der von den Bauern kontrollierte Verein fördert auch in anderer Hinsicht die Entwicklung der lokalen Gemeinschaften. Er erleichtert mit zinsfreien Darlehen das Umsteigen auf den biologischen Anbau, unterstützt Anpflanzungsaktionen, hilft bei der Anschaffung von rauchfreien Kochherden, beim Bau von Schulen, bei der Einrichtung sanitärer Anlagen, koordiniert die Arbeit der Produktionsgemeinschaften, zu denen sich viele Baumwollerzeuger zusammengeschlossen haben, und ist Anlaufstelle der vielen Selbsthilfegruppen, die seit Remeis Ankunft in Madhya Pradesh entstanden sind und - wie so vieles - von der Stiftung gefördert werden.

Die Fertigungskette

Zehn Kilometer vom Remei-Zentrum entfernt steht die «ginning mill», die kleine Baumwollentkernungsanlage, die die Fasern von den Samen trennt. Hier begann alles: Maikaal Fibers hatte einst Remei auf dieses Baumwollgebiet aufmerksam gemacht. Heute entkernen hier etwa zwanzig Beschäftigte die Rohbaumwolle, die von den BäuerInnen der Umgebung geliefert wird. Danach gelangt das sogenannte «lint cotton» zur Spinnerei des privaten, aber ebenfalls sozial und ökologisch orientierten Unternehmens Eurotex in Kholarpur im Bundesstaat Maharashtra. Von dort wird das gesponnene Garn entlang der bioRe-Fertigungskette weitergereicht - nach Ahmedabad im Bundesstaat Gujarat, zur Kaytee Corporation in Tiruppur im Bundesstaat Tamil Nadu oder zu gleichermassen streng kontrollierten Firmen in Bombay, wo es gefärbt, zu Stoffen gestrickt, zum Teil auch zu Kleidungsstücken genäht wird. Oder es wird direkt nach Europa verschifft.

Zurück auf den Dörfern: Durch diese kurvt in regelmässigen Abständen eine mobile Gesundheitsstation in Form eines Busses, den Coop Schweiz bezahlt hat. Ausgerüstet mit den wichtigsten Diagnosegeräten und Medikamenten, versorgt ein kleines Team eine Bevölkerung, die vorher noch nie einen Arzt gesehen hat. Genauso wichtig sind aber auch die über fünfzig Selbsthilfegruppen, kleine NGOs, zu denen sich über 500 Menschen zusammengeschlossen haben. Diese zahlen bei ihren Treffen zehn oder zwanzig Rupien in eine Gemeinschaftskasse, aus der sie dann das Material für Bewässerungsanlagen, Baumpflanzaktionen, Schulräume finanzieren.

Im letzten Jahrzehnt hat die Bevölkerung in diesem Teil des zentralindischen Baumwollgürtels einen grossen Schritt getan. Und ist dankbar dafür. Als Peter Tschannen und ich bei unserer Rundreise im kleinen Weiler Narsinghpura ankommen, empfangen uns 32 Schulkinder in ihren roten Schuluniformen mit Liedern und unter dem Getöse einer Band. «Dank bioRe produzieren wir jetzt für Menschen auf der ganzen Welt», sagt Gamla Mangliya, der 55-jährige Ortsvorsteher, in seiner kleinen Rede. «Wir haben gelernt, mit der Natur umzugehen und uns der Zukunft zuzuwenden.» Eine rührende Szene. Und doch ist das Lob nicht aus der Luft gegriffen. Ohne die Unterstützung aus Rotkreuz wären die Menschen überrollt worden. Es wird auch in Zukunft nicht einfach sein - um sie herum wächst auf chemisch bearbeiteten Feldern immer mehr genmanipulierte Baumwolle heran.

Aber für einmal ist es gelungen, ethische Verantwortung mit ökonomischem Profit, althergebrachte Grundwerte mit modernen Bedürfnissen und Unternehmertum mit einer Entwicklung zu kombinieren, die noch lange anhalten wird: In zwei, drei Jahren sollen die ProduzentInnen in Indien und Tansania die bioRe-Projekte ganz übernehmen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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