Nr. 21/2022 vom 26.05.2022

Feststecken in der Zwischenzeit

Sasha Marianna Salzmann erzählt von Menschen, die keine gemeinsame Geschichte mehr haben. Der Krieg gegen die Ukraine gibt dem Roman «Im Menschen muss immer alles herrlich sein» ungeahnte Dringlichkeit.

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Was hat der Zerfall der Sowjetunion mit den Menschen gemacht? Sasha Marianna Salzmann. Foto: Heike Steinweg, Suhrkamp Verlag

«Da ist ein unendlich grosser Koloss zerfallen, so weit habe ich das verstanden. Elf Zeitzonen sind quasi auseinandergebröckelt, klar, dass das nicht spurlos an den Leuten vorübergeht. Das Einzige, was feststeht, ist, dass es immer noch Nachbeben gibt.» So beschreibt die Protagonistin Nina das brüchige Erbe der ehemaligen UdSSR. Wie es zu diesen Nachbeben kam und wie sich diese im Kleinen anfühlen, davon erzählt der neue Roman von Sasha Marianna Salzmann anschaulich und mitreissend. «Im Menschen muss alles herrlich sein» zieht mal in rasantem, mal in gemächlichem Tempo durch ein halbes Jahrhundert und von Berlin über Sotschi nach Horliwka und erzählt aus vier verschiedenen Perspektiven und von zwei Generationen so entsteht ein kaleidoskopisches Bild eines grossen Ganzen.

Da ist Lena. Ihr 50. Geburtstag, den sie im Oktober 2017 in Deutschland feiert, bildet den Rahmen des Romans: Hier, am Ende der Geschichte, fängt die Erzählung an, und hier hört sie auch wieder auf.

Lena wächst in der Sowjetunion der siebziger Jahre in der heutigen Ukraine auf, besucht als Kind regelmässig Pionierlager und will, als ihre Mutter schwer erkrankt, Medizin studieren. Obwohl sie Bestnotenschülerin ist, besteht sie die Prüfung fürs Studium beim ersten Anlauf nicht – das nötige Schmiergeld und die Beziehungen fehlen. Beim zweiten Anlauf klappt es. Nach dem Studium und einer heimlichen Beziehung mit einem Tschetschenen – mittlerweile ist die Sowjetunion zerfallen – heiratet sie den jüdischen Ukrainer Daniel, mit dem sie nach Deutschland auswandert.

Schweigen und Nichtverstehen

Während wir im ersten Teil des Buchs der Lebensgeschichte von Lena folgen, steht im zweiten Teil Lenas Tochter Edi im Zentrum: Sie lebt in Berlin, datet Frauen, hat soeben ein Praktikum bei einer Zeitung begonnen und möchte in die USA. Zu ihrer Mutter hat sie eine kühl-distanzierte Beziehung, nur widerwillig reist sie zu deren Geburtstagsfeier – und im Grunde auch nur, weil Tatjana, die dritte Protagonistin und eine enge Freundin von Edis Mutter, Edi von der tödlichen Krankheit der Mutter erzählt hat. So fahren die zwei im Auto zum Fest, und Tatjana erzählt Edi aus ihrem Leben. Während Tatjana redet und redet, wird Edi bewusst, wie wenig sie über das Leben ihrer Mutter weiss. Die Ich-Erzählerin Nina wiederum spricht überhaupt nicht mehr mit ihrer Mutter Tatjana. Sie hat den Kontakt abgebrochen, verbringt die Tage zurückgezogen in ihrer Wohnung, oft mit geschlossenen Augen, zockt oder recherchiert im Internet über die sowjetische Vergangenheit.

Das Schweigen zwischen Müttern und Töchtern und das gegenseitige Nichtverstehen sind ein zentrales Thema in Salzmanns neuem Roman – wie schon in ihrem verstörenden Erstling «Ausser sich». Darin erzählte Salzmann eine jüdisch-sowjetische Familiengeschichte in Istanbul, die von Flucht, Migration und Sprachlosigkeit gezeichnet ist. Während die Mütter am neuen Ort nie richtig ankommen und sich in ihren Erinnerungen vergraben, möchten die Töchter im Hier und Jetzt leben. Von der Vergangenheit ihrer Mütter wissen sie kaum etwas, diese erzählen nur dieselben belanglosen Geschichten oder reden in Zitaten. Was sie wirklich erlebt haben, verschweigen sie – sei es aus Scham, um ihre Töchter zu schützen oder weil ihnen dazu schlicht die Worte fehlen. Durch das Schweigen stecken Mütter und Töchter gemeinsam zwischen den Zeiten fest. Im neuen Roman fängt Salzmann das in einem Traum von Nina ein: Mütter und Töchter stehen hintereinander in einer langen Schlange; ihre Füsse weisen nach hinten, wie bei der mythischen Figur Ciguapa, denn: «Sie geht nicht rückwärts und nicht vorwärts. Sie steckt fest in der Zwischenzeit.»

Fährten des Kriegs

Als Salzmanns Buch letzten Herbst erschien, wurde es euphorisch aufgenommen. Salzmann sei ein «fulminantes» Buch geglückt, schrieb die NZZ. «Schöner kann man vom Schmerz um Verlorenes nicht erzählen», hiess es im «Deutschlandfunk». Und der FAZ-Rezensent lobte, dass der Roman Geschichte als eine «physikalisch bestimmbare» Grösse zeige.

Nun hat «Im Menschen muss immer alles herrlich sein» durch den Krieg gegen die Ukraine eine zusätzliche Dringlichkeit erhalten. Horliwka, Mariupol, Dnipro oder Krywyj Rih: Die Schauplätze des Romans sind mittlerweile zerstört, die Nachbeben, die Nina beschreibt, haben sich in einen Krieg transformiert – und im Buch finden sich erschreckend viele literarische Fährten, die rückblickend auf die Katastrophe hinweisen.

Immer wieder geht es um die Sehnsucht nach einer gemeinsamen grossen Erzählung der Menschen aus der ehemaligen UdSSR. Einmal sagt Nina: «Sie erklären sich zu den verkannten Siegern der Geschichte. Das kann man gut machen, wenn es keine Geschichte mehr gibt, sie ist abgeschafft, die Geschichtsbücher werden jedes Jahr umgeschrieben. Über ihren Köpfen häutet sich unaufhörlich eine Raupe, und sie wissen immer noch nicht, was am Ende zum Vorschein kommt.» Zum Vorschein gekommen ist ein Monster von einem Krieg, der Millionen von Menschen in die Flucht treibt und Generationen traumatisiert und sprachlos zurücklassen wird.

Salzmann liest am 28. und 29. Mai 2022 an den Literaturtagen in Solothurn. www.literatur.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch