Nr. 23/2022 vom 09.06.2022

Das Rumpeln im Gasfeld

Eigentlich soll die Gasförderung in der von Erdbeben geplagten niederländischen Provinz Groningen gestoppt werden. Doch seit dem Beginn von Russlands Krieg gegen die Ukraine gerät Europas grösstes Gasfeld wieder in den Fokus.

Von Tobias Müller (Text) und Stuart Acker Holt (Fotos), Groningen

Der Knall kommt beim Abendessen. Es ist Freitag, der 1. April, 19.11 Uhr, als die Menschen im Dorf Loppersum jenes Geräusch vernehmen, das in der Region so bekannt wie gefürchtet ist: ein dumpfes, lautes Krachen tief in der Erde, das oft so beschrieben wird, als fahre ein Vierzig-Tonnen-Lkw direkt vor dem Haus vorbei – oder gleich durchs Wohnzimmer. In den sozialen Medien und in Zeitungsartikeln liest man das Gleiche wie immer, wenn in der nordöstlichsten Provinz der Niederlande die Erde bebt: Häuser, die in den Grundfesten erzittern, Mobiliar, das sich hin und her bewegt, als sei ein Poltergeist am Werk. In den beiden Tagen danach werden 682 Schadensmeldungen gemacht. Das Königlich-Niederländische Meteorologische Institut spricht von einem Beben der Stärke 2,7.

Nur Stunden zuvor hat sich Hans Vijlbrief, der Staatssekretär für Bergbau, in Groningen beliebt gemacht. Was nicht gerade alltäglich ist, denn die Repräsentant:innen Den Haags oder des «Westens», wie man hier oben sagt, sind meist nicht sonderlich gut gelitten. Vijlbrief aber betont seit seinem Amtsantritt zu Jahresbeginn, dass der Ausstieg aus der Gasförderung in Groningen unumstösslich sei und 2023 Wirklichkeit werde. Und am Nachmittag dieses 1. April hat er die Fördermenge für das laufende Gasjahr verkündet (das wie immer von Oktober bis Oktober dauert): Es sollen nicht mehr als 4,5 Milliarden Kubikmeter aus dem zittrig gewordenen Groninger Boden geholt werden. Im Januar ging man noch von 7,6 Milliarden Kubikmetern aus.

Drehen wir die Zeit noch einmal um gut 24 Stunden zurück. Ebenfalls in Den Haag lauschen die Abgeordneten der Zweiten Kammer des Parlaments am Morgen des 31. März der Ansprache Wolodimir Selenskis. Der ukrainische Präsident bittet um mehr Waffenlieferungen, um die Mitgliedschaft in der Europäischen Union und um einen Boykott von russischem Öl und Gas. «Seien Sie bereit, die Energie aus Russland zu stoppen! Das ist entscheidend, um zu verhindern, dass Russland weiter in Europa Krieg führen kann.» In den Niederlanden geht bei diesen Worten der Blick reflexartig in Richtung des Gasfelds unter Groningen (vgl. «Bohren und Beben» im Anschluss an diesen Text).

Weit weg von Den Haag

Ukraine, Gas, Erdbeben – dieser disharmonische Dreiklang hallt seit Kriegsbeginn durch die Niederlande, streng genommen schon seit der bereits im Vorjahr schwelenden Gaskrise. Wenn sich jemand mit Groninger Befindlichkeiten zum Thema auskennt, dann Jan Wigboldus. Der 69-jährige Landwirt ist Vorsitzender des Groninger Gasberaad, eines Dachverbands von allerlei Organisationen, die sich dem Reizthema der sogenannten Gasbeben verschrieben haben. Wigboldus legte sich schon in den neunziger Jahren mit der lokalen Verwaltung an, als diese ihm nach einem Erdbeben sagte, es habe bloss ein Flugzeug die Schallmauer durchbrochen. 2005 schrieb er dann einen Brief an die Provinzregierung, sie möge sich dringend der Thematik annehmen. Er bekam keine Antwort.

An einem warmen Maimittag, fast drei Monate nach dem Beginn von Russlands Invasion der Ukraine, empfängt der Vorsitzende im «Dorpshuis» von Garmerwolde. Hier schlägt das Herz des Dorfs mit knapp 500 Einwohner:innen: Vereine treffen sich, man feiert Feste, ein Poster kündigt den Auftritt der Small Town Bandits an. Im ersten Stock hat Gasberaad sein Büro. Draussen weht die Provinzflagge, doch statt des gewohnten grünen Kreuzes verläuft zwischen den roten und blauen Rechtecken eine gezackte Linie, die auf die seismologische Aufzeichnung eines Erdbebens verweist. Seit einigen Jahren sieht man diese Flagge in der Region häufig als Proteststatement.

Jan Wigboldus, der Holzschuhe zum Jackett trägt, berichtet, dass die Häuser hier nicht erdbebensicher gebaut seien. Doch er kritisiert nicht nur die Gefahr, sondern auch die langsame Abhandlung der rund 200 000 Schadensmeldungen und die Vergabe der Subventionen, für die man sich jeweils zu Jahresbeginn melden kann, um das eigene Haus sicherer zu machen. Wegen schlechter Planung können die Behörden heuer nicht mit den Anträgen Schritt halten, viele Menschen warten umsonst, und das angekündigte Geld reicht nicht aus. Und wieder einmal scheint sich der Eindruck zu bestätigen, den Wigboldus so beschreibt: «Wir sind weit weg von Den Haag, und die Regierung hält sich nicht an ihre Versprechen.»

Die Gesundheitsämter in Groningen widmen sich inzwischen verstärkt Stress- und anderen psychischen Problemen als Langzeitfolgen der Gasbeben. Bei Wigboldus löst die Situation vor allem Empörung aus. Seine Stimme wird laut, anklagend saust sein Zeigefinger auf den Tisch im Dorfhaus, als er erklärt: «Dein Haus ist das Kostbarste, was du hast. Wenn jemand mit einem Auto dort reinfährt, wissen alle, wer der Täter ist. Aber hier kommt die Gefahr von unten, und die Verantwortlichen verdienen damit auch noch viel Geld.»

Womit wir mittendrin im Dilemma wären: Bei einer Umfrage unter tausend Groninger Haushalten im März sagten sechzig Prozent, den Gashahn weiter öffnen zu wollen, um nicht mit Importen Putins Kriegskasse füllen zu müssen. «Ich bin stolz auf meine Provinzgenoss:innen», kommentiert Wigboldus. «Moralisch gesehen hat Groningen die richtige Antwort gegeben.» Andererseits fordert der Dachverband Gasberaad, die Produktion endlich zu beenden, für die Sicherheit der Bewohner:innen. Gibt es eine Lösung? «Wenn alle Schäden vergütet und die Häuser erdbebensicher gemacht wären, sähen wir die Sache anders», sagt Wigboldus. «Aber es fehlen noch mehr als 10 000 Häuser. Wie viele es genau sind, weiss man erst nächstes Jahr. Und selbst wenn die Förderung beendet ist, gehen die Beben noch auf unbestimmte Zeit weiter.»

Was die Lage in Groningen derzeit heikel macht, ist, dass dieses Ende eigentlich in Sicht ist. Staatssekretär Vijlbrief bestätigte im April, die Produktion 2023 auf Sparflamme herunterzufahren. Nur in extrem kalten Wintern solle ausnahmsweise nach Groninger Gas gebohrt werden. Vijlbrief wies im Winter auch das Ansinnen der deutschen Nachbar:innen ab, wegen Engpässen in diesem Jahr mehr Gas aus den Niederlanden beziehen zu dürfen. Er folgt damit der Einschätzung der staatlichen Bergbauaufsicht, die aus Sicherheitsgründen dringend von mehr Förderung abrät. Was aber, fragt sich Jan Wigboldus, wenn der Staatssekretär die Zügel nicht mehr in der Hand hat? «Wenn Putin alle Hähne schliesst, wird das eine europäische Frage.»

Verfrühtes Aufatmen

Und so hält die Unsicherheit an. Im April gab die Regierung bekannt, man wolle bis zum Jahresende von russischem Gas unabhängig sein, unter anderem durch mehr Importe von Flüssiggas und das Auffüllen der Gasspeicher. Von Groningen ist nicht die Rede. Aufatmen in der Region. Dann aber denkt Wolfgang Kubicki, der Vizevorsitzende des Deutschen Bundestags, in einem Interview laut darüber nach, die Groninger Vorräte in dieser Krise zu nutzen. Auf Anfrage erläutert der FDP-Politiker, sein Vorschlag setze «eine klare Einbindung und Zustimmung der betroffenen Bevölkerung voraus». Eine Kompensation für eventuelle Schäden sei «selbstverständlich».

Auch die niederländische Interessenvertretung industrieller Energie- und Wasserverbraucher (VEMW) ruft dazu auf, mehr einheimisches Gas zu fördern, um zu verhindern, dass vitale Funktionen von Ökonomie und Gesellschaft wie etwa die Versorgung von Spitälern nicht mehr gewährleistet wären, wenn Fabriken wegen Energiemangel schliessen müssten. VEMW-Direktor Hans Grünfeld erklärt telefonisch: «Meine grosse Sorge ist, dass wir unzureichend auf das Schliessen des Gashahns und die schweren gesellschaftlichen Folgen vorbereitet sind.» Um ein Loch in der Energieversorgung zu verhindern, gelte es, alle zur Verfügung stehenden Massnahmen zu ergreifen – samt Groninger Gas. «Natürlich nur gegen eine angemessene Entschädigung», hängt auch er an.

Letzteres fordert auch Laurens Mengerink. «Ich finde, wir sollten nicht länger von russischem Gas abhängig sein», beginnt er. «Von mir aus kann die Gasförderung ruhig weitergehen. An sich ist es selbst dann kein Problem, wenn dadurch Schaden entsteht. Nur: Er muss eben vergütet werden. Man sollte die Einnahmen dann auch hier in die Region investieren.» Mengerinks Tonfall ist ruhig, aber bestimmt. Der 64-Jährige ist einer dieser sprichwörtlichen nüchternen Groninger:innen. Rational wägt er seine Argumente ab. Dabei zählt er zu jenen Bewohner:innen der Provinz, die seit Jahren mit dem Elend der Beben konfrontiert sind.

Mengerink wohnt am Rand des winzigen Dorfs Woltersum: 165 Häuser, 400 Menschen, fünfzehn Kilometer vor der Stadt Groningen gelegen, seit ein paar Jahren eingemeindet. Sein Haus kurz vor dem Deich des Emskanals ist eine oft besuchte Anlaufstelle, wenn Parlamentsabgeordnete oder Journalist:innen den Schaden vor Ort in Augenschein nehmen wollen. In der Küche des Tüftlers, wo überall elektrische Geräte herumliegen, zieht sich ein stattlicher Riss über die Wand. Im Hof hält eine Holzkonstruktion den Schuppen aufrecht.

Mengerinks Haus ist mit den Jahren um einen halben Meter abgesackt. Die Front neigt sich nach vorne, weshalb zur Strasse hin an beiden Ecken vier Meter hohe Stützbalken über den charmant verwilderten Garten herausragen. Seit drei Jahren stehen sie dort. Wie lange noch? Mengerink zuckt die Schultern: «Bis das Haus verstärkt ist.» Mit derselben ruhigen Stimme berichtet er von den Erdbeben, einem im Jahr 2003 etwa, als das Epizentrum gleich hier im Polder lag. Drei Minuten nach vier Uhr in der Nacht war es, ein heftiger Knall weckte ihn, er sah, wie sein Bett hin und her schwankte und das Haus auch. «Am nächsten Tag hörte ich, dass es ein Erdbeben war. Beim nächsten Mal wusste ich es dann sofort.»

Stützbalken quer durch die Provinz

Ausgerechnet in dieser ruhigen Strasse am Ende von Woltersum trifft die Vergangenheit auf die Zukunft – jedenfalls was die Energiefrage betrifft. Die letzten vier Häuser im Dorf sind als besonders betroffen bekannt: Das Haus neben Mengerinks wurde abgerissen und neu gebaut, der ehemalige Nachbar zog auf die Insel Schiermonnikoog. «Der ist froh, dass er weg ist!» Daneben steht ein verlassenes Haus, von dem ein Fenster mit Holz verbarrikadiert ist. Darauf ein Gemälde: eine Art Groninger Ergänzung von Edvard Munchs Reihe «Der Schrei», auf der Gasbohrtürme in den blutroten Himmel ragen. Dann ist da noch das Haus kurz vor dem Deich, das gerade verstärkt und renoviert wird, wie ein Bauschild verkündigt. Darunter der zynisch anmutende Satz: «Kommt es doch noch in Ordnung.»

Mitte Juni soll hier in der Nähe eine moderne Windturbine installiert werden. Die lokale Energiekooperative, die das Dorf fossilunabhängig machen will, hat sie bereits bestellt. «Weg vom Erdgas und von den steigenden Preisen», erklärt Laurens Mengerink, der vom Fach ist: Beruflich versieht er als Selbstständiger die Server von Datenzentren mit Energiemessern. Daneben gehört er auch zum Vorstand der kleinen Energiekooperative von Woltersum.

Von seinem Haus zieht sich eine Spur von hölzernen Stützbalken kreuz und quer durch die Provinz. Wo man auch hinkommt, überall findet man diese Konstruktionen. Die Ortsschilder, die man unterwegs passiert, verweisen ihrerseits auf die Beben, die es in den letzten Jahren in die landesweiten Nachrichten geschafft haben. Zeerijp zum Beispiel: Januar 2018, Stärke 3,4. Oder Garrelsweer: November 2021, Stärke 3,2. Loppersum: Juni 2021, Stärke 2,3. ’t Zandt: April 2018, 2,8. Und natürlich Huizinge, der grosse Knall, mit Magnitude 3,6 das bislang schwerste Beben, das sich im August zum zehnten Mal jährt. Die Liste liesse sich lange fortsetzen.

Greet Breedijk, die an der Strasse nach Zeerijp wohnt, hat am Mast in ihrem Garten eine Ukraineflagge gehisst. «Irgendetwas muss man doch machen», findet sie, wobei es ja eigentlich darum ginge, Putin zu stoppen. Natürlich sei ihr bewusst, wie ambivalent das alles sei. Seit zwei Jahren erst wohnt sie hier, doch schon zwei Erdbeben hat sie erlebt. Der laute Knall, wackelnde Einrichtung, zitternder Boden, das ganze Programm. Breedijk zeigt auf die Felder auf der anderen Seite der Strasse. Dort entstehen derzeit Wohnungen für Menschen, die vorübergehend ihre beschädigten Häuser verlassen müssen. «Man will der Ukraine helfen und weg vom russischen Gas, aber dann haben wir hier wieder Beben.»

Doch was geschieht, wenn die niederländische Regierung bei ihrem Plan bleibt und den Groninger Gashahn bis auf Weiteres schliesst? Der Blick auf mögliche Alternativen zeigt, dass dabei jeweils neue Dilemmas entstehen und sich die Debatten wie eine Kettenreaktion von einem möglichen Standort zum anderen ziehen. Weg vom russischen Gas, hin zur Abhängigkeit von Flüssiggas aus Katar? Oder zu Gasbohrungen in der Nordsee, nahe dem Wattenmeer, jenem einzigartigen, hochgradig sensiblen Naturgebiet entlang der Küste der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks, das zum Unesco-Weltnaturerbe zählt?

Gas aus dem Nationalpark?

Genau dies wird in diesem Frühjahr auch diskutiert: Oberhalb von Schiermonnikoog, der östlichsten der niederländischen Watteninseln, will das Unternehmen One-Dyas ab 2024 Erdgas fördern. Das Gebiet liegt auch nahe der deutschen Insel Borkum, Initiator ist das Bundesland Niedersachsen, dessen Landtag dem Projekt erst kritisch gegenüberstand – «doch der Ukrainekrieg und die Abhängigkeit von Russland beförderten ein Umdenken», berichtete der Norddeutsche Rundfunk im Mai. Zitiert wird dort auch der Wirtschaftsminister des Landes, Bernd Althusmann: «Wir tun alles, um dem Umweltschutz zu dienen. Wir tun aber auch alles, um am Ende der Versorgungssicherheit in Deutschland und in Niedersachsen zu dienen.»

Ineke van Gent ist für diese Argumentation nicht empfänglich. Wie ihre Amtskolleg:innen auf den anderen Watteninseln beiderseits der Grenze ist die Bürgermeisterin von Schiermonnikoog eine entschiedene Gegnerin dieses Projekts. Der Gemeinderat der Insel lehnt die Gasförderung so nah bei einem der letzten unberührten Naturgebiete der Provinz Friesland ab. Abwasser, Unterwasserlärm, Stickstoffausstoss – all das bedrohe das überaus empfindliche Ökosystem des Nationalparks.

«One-Dyas missbraucht die Situation, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht. Sie sagen, wegen der Krise sei es wichtig, im Wattenmeer nach Gas zu bohren. Aber das Thema ist schon im Gerede, seit ich 2017 hier als Bürgermeisterin begonnen habe, und es dauert Jahre, bis dieses Gas wirklich verfügbar ist. Das ist also keine Goodwillaktion, sondern ein rein kommerzielles Vorgehen eines Unternehmens», sagt die Bürgermeisterin aufgebracht am Telefon.

Jahrelang sass Ineke van Gent als Abgeordnete von Groen Links im niederländischen Parlament. Mit ihrer Parteizugehörigkeit aber habe ihr Engagement wenig zu tun: «Der gesamte Gemeinderat und die Bevölkerung von Schiermonnikoog sind gegen die Bohrungen. Wir müssen in nachhaltige und erneuerbare Lösungen investieren – und nicht in altes Gas! Das hat mit Russland und der Ukraine nichts zu tun», sagt sie im Gespräch mit der WOZ.

Zwei Tage später, am 19. Mai, besucht Olaf Scholz, der deutsche Kanzler, den niederländischen Premier Mark Rutte in Den Haag. Es geht dabei auch um eine Zusammenarbeit in Energiefragen, gerade im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine. Was das konkret für Groningen heissen könnte, darüber gibt es bislang noch keine konkreten Verlautbarungen. Am 30. Mai verkündet der russische Konzern Gazprom, kein Gas mehr in die Niederlande liefern zu wollen. Und am 1. Juni erteilt Staatssekretär Hans Vijlbrief die Bohrgenehmigung für das Gebiet bei Schiermonnikoog. Zu Beginn des Winters 2024 soll hier das erste Gas gefördert werden.

Gasförderung in Groningen

Bohren und Beben

Das Groninger Gasfeld, 1959 entdeckt und seit 1963 durch die Niederländische Erdölgesellschaft (NAM), ein Joint Venture von Shell und Exxon Mobil, exploriert, ist das grösste Europas und neuntgrösste der Welt. Es liegt in einer Sandsteinschicht drei Kilometer unter der Oberfläche und erstreckt sich über rund 900 Quadratkilometer. Sein ursprünglicher Umfang wird auf rund 2800 Milliarden Kubikmeter Gas geschätzt. Etwa 450 Milliarden davon sind noch übrig.

Die durch die Gasförderung ausgelösten Erdbeben begannen 1986. Die Bohrungen verursachen Druckunterschiede im Boden, deren Spannungen sich in der Folge entladen. Anders als tektonische Beben, die in etwa zehn Kilometern Tiefe entstehen, finden so induzierte Beben recht dicht unter der Oberfläche statt, sodass auch eine eher geringe Magnitude für relativ viel Schaden sorgen kann. Ab den neunziger Jahren nahm die Zahl der Beben zu, inzwischen haben sich insgesamt schon über tausend ereignet. Fünfzehn davon hatten eine Stärke von über 3 auf der Richterskala. Das stärkste erreichte 2012 eine von 3,6.

In der Provinz Groningen, einer der ärmsten des Landes, fühlt man sich vom politischen und wirtschaftlichen Machtzentrum in der Metropolregion im Westen vernachlässigt und ausgebeutet, zumal die Gewinne aus dem Gasfeld bisher insgesamt gut 417 Milliarden Euro in die Staatskasse gespült haben. Seit die Beben um 2012/13 ihren Höhepunkt erreichten, stieg der Druck auf die Regierung, die Gasförderung zu reduzieren respektive zu stoppen. Trotzdem wird derzeit über eine weitere und gar verstärkte Förderung des Groninger Gases spekuliert.

Im EU-Vergleich sind die Niederlande, die auch rund fünf Millionen Haushalte in Belgien, Frankreich und Deutschland mit Gas beliefern, weniger von russischem Gas abhängig als etwa Österreich, Deutschland oder Italien. Nur rund fünfzehn Prozent des verbrauchten Erdgases stammen aus Russland. Jedoch macht sich der schnelle Wandel vom Nettoexport- zum Nettoimportstaat (Hauptquelle: Norwegen) durch vermehrte Preisschwankungen bemerkbar. Auch die Ende 2021 nur zu 58,5 Prozent gefüllten Gasspeicher (EU-Schnitt: 76 Prozent) sind ein Ausdruck davon, wie holprig der Weg zum Importeur verläuft. 

Tobias Müller

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch