Nr. 23/2022 vom 09.06.2022

Harmonie als Strategie

Von Michael Krätke

Chinas Aufstieg von einem der ärmsten Länder der Welt zur führenden Wirtschaftsmacht ist beispiellos. Trotz radikaler Modernisierung ist die vieltausendjährige Geschichte allgegenwärtig: Chines:innen sind überaus geschichtsbewusst – da denken KP-Mitglieder nicht anders als gewöhnliche Bürger:innen. Staatschef Xi Jinping liebt die Inszenierung als Wiedergänger der alten Kaiser, denen es einst oblag, die Harmonie zwischen Mensch und Himmel zu wahren. Davon ist die Denkweise chinesischer Politiker bis heute durchdrungen: Es geht um Interessenpolitik, doch erstrebt man auch die kulturelle Hegemonie Chinas als Garantie für weltumspannende Harmonie.

Seit Jahrtausenden hat China viel Handel getrieben – mit Regionen in Asien, in Ostafrika, im Nahen Osten und in Europa. Dieses Netz ist seit der Antike als «Seidenstrasse» bekannt. Daran anknüpfend, hatte auch die Unesco von 1988 bis 1997 das internationale Grossprojekt «Seidenstrassen: Strassen des Dialogs» betrieben, an dem Wissenschaftler:innen aus vielen Ländern beteiligt waren. Es ging dabei auch um die Frage, ob sich uralte Handelswege wiederbeleben lassen. Genau das versucht China seit der Jahrtausendwende, mit teils alten, teils neuen Verkehrswegen zu Land und zu Wasser, finanziert mit Krediten der eigens gegründeten Asiatischen Entwicklungsbank, an der auch die Schweiz mit mehr als 800 Millionen Franken beteiligt ist.

Wer die historischen Hintergründe dieses gigantischen Projekts, bekannt als «Neue Seidenstrasse», besser verstehen will, sollte das neue Buch von Thomas O. Höllmann lesen. Der Sinologe hat das Wichtigste zu Chinas Geschichte im Verhältnis zum Rest der Welt zusammengetragen, dazu schmücken den Band zahlreiche Fotos und Karten. Einiges spricht dafür, dass China die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts beherrschen wird. Höllmanns detailreiche und gut geschriebene Darstellung bereitet gut auf diese Zukunft vor.  

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