Nr. 35/2019 vom 29.08.2019

Frieden sieht anders aus

China bezeichnet sein Projekt einer neuen Seidenstrasse als Friedensmission. Was hat es damit auf sich? Neue Sachbücher schaffen Klarheit – aber auch ein Blick in zwei chinesische Klassiker lohnt sich.

Von Alice Grünfelder

Viel wurde in den letzten Monaten über das chinesische Seidenstrassenprojekt, die Belt and Road Initiative (BRI), geschrieben. Eine ganze Flut neuer Bücher verspricht Antworten auf Fragen wie: Wird der Ostwind den Westwind besiegen? Ist die BRI ein globales Netzwerk oder eher ein Spinnennetz? Dass sich die widersprüchliche Einschätzung des gigantischen Infrastrukturprojekts in den verschiedenen Publikationen widerspiegelt, liegt wohl an der Komplexität des Projekts. Ein Aspekt blieb bislang jedoch unterbelichtet: Die BRI, so behaupten die AutorInnen des Buchs «Im Sog der Seidenstrasse», stosse «den grössten friedensstiftenden Prozess des Jahrhunderts» an. Wie das?

Generell wird China unterstellt, mithilfe der BRI seinen globalen Einfluss ausbauen zu wollen. Niemand bestreitet, dass Infrastrukturprojekte Zückerchen für willfährige lokale Oligarchen sind und keineswegs selbstlos initiiert werden. Auch andere Nationen wetteifern um Einfluss und Vormachtstellung. Der Glaube aber, die nationale und internationale Sicherheit nicht bloss mit militärischer Gewalt, sondern mit Wirtschaftswachstum zu gewährleisten, ist in der chinesischen Überzeugung tief verwurzelt: Krieg gilt immer nur als Ultima Ratio, der Gegner soll ohne Kampf unterworfen werden – so nachzulesen in Sunzis «Kunst des Krieges», verfasst vor rund 2500 Jahren. Zerstörung könne nie das Ziel sein, führt der Militärstratege in seinem Handbuch aus. Vielmehr müsse es darum gehen, «die eigenen Kräfte ganz nach Kunst der Verhältnisse in die Waagschale zu werfen». Und weiter: «Wer auf Gewinn aus ist, wird geködert, wer sich ungeordnet zeigt, wird überrumpelt (…), und wo Eintracht herrscht, wird Zwietracht gesät.»

Zum Beispiel Afghanistan

Diese Strategie zeigt sich beispielhaft in Chinas gegenwärtiger Aussenpolitik: Mithilfe des neuen Seidenstrassen-Merkantilismus möchte es an seine einstige Bedeutung als Weltmacht anknüpfen, und mit der BRI will es die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen weltumspannenden Frieden schaffen. Dass China dies besser als anderen Nationen gelingen könnte, gründet gemäss Doris Naisbitt und ihren Koautoren von «Im Sog der Seidenstrasse» auf der eigenen Erfolgsgeschichte: Die Kommunistische Partei habe das Land immerhin aus der Armut und zu heutiger Grösse geführt – ergo wolle man die Globalisierung so gestalten, «dass nicht nur die Konzerne, sondern auch die Menschen davon profitieren».

Die Bewegung der blockfreien Staaten im Kalten Krieg war ein erster Ansatz, die Bipolarität der Welt aufzuweichen. Doch erst heute ist China als Handelsmacht in der Lage, «seine Kräfte in die Waagschale zu werfen», um eine multizentrische Weltordnung mitzugestalten. Mittel der Wahl sind wirtschaftliche Handelsströme, die wie früher neben Handelsgütern auch bedeutsamen Wissenstransfer in beide Richtungen ermöglichen. Das Seidenstrassennarrativ wird in der chinesischen Aussenpolitik nicht zuletzt deshalb so unermüdlich propagiert, weil damit der friedliche Aspekt betont werden soll.

Dass China den Invasionen des US-Imperialismus eigene Projekte entgegenhält, zeigt sich gemäss den AutorInnen in Afghanistan: Nachdem das US-Aussenministerium China aufgefordert hatte, ebenfalls Truppen an den Hindukusch zu schicken, konterte China, dass es durchaus seinen globalen Verpflichtungen nachkomme, «jedoch nicht mit Waffen, sondern in Form von Investitionen und Entwicklung. Haben die Menschen eine wirtschaftliche Existenzgrundlage, dann haben sie auch eine Hoffnung, und Frieden liegt im Interesse aller.»

Der Handel zwingt zentralasiatische Länder zudem, näher zusammenzurücken. Zum Beispiel bei den Verhandlungen rund um den Status des Kaspischen Meers, die auch der Byzantinist und Historiker Peter Frankopan in seinem Buch «Die neuen Seidenstrassen» als konstruktiv und friedensbildend sieht. Denn um Pipelines zu bauen und den länderübergreifenden Energiesektor zu stärken, mussten auf zahlreichen Konferenzen Streitigkeiten beigelegt und Grenzkonflikte geklärt werden, damit Vereinbarungen überhaupt unterzeichnet werden konnten.

Das Blut der Geschichte

Wenn internationaler Handel aber das wichtigste Rückgrat der chinesischen Aussenpolitik ist, um die einstige Grösse wieder zu erreichen, wird die Regierung langfristig nicht umhinkönnen, wichtige Handelsknotenpunkte zu schützen, so mutmasst der Publizist Uwe Hoering in «Der Lange Marsch 2.0». Geostrategisch erinnere die BRI an das Go-Spiel: «Schlüsselpositionen, Räume und Korridore werden durch Infrastrukturvorhaben und Investitionen besetzt, flankiert und abgesichert durch Kreditvergabe.» Und langfristig eben auch militärisch. So baute China beispielsweise Dschibuti zum militärischen Stützpunkt aus, um trotz Sanktionen die Erdöltransporte zu sichern.

Ähnlich wie beim Aufstieg Grossbritanniens und der USA stützt der chinesische Staatskapitalismus und Technonationalismus – die Kombination von Industriepolitik, Technologievorherrschaft und autoritärem System – die eigene Macht: Die Neuausrichtung des Weltmarkts dient den eigenen Interessen. Anders ist nur die Vorgehensweise. Während westliche Imperien in den letzten Jahrhunderten auf sämtlichen Kontinenten eine Blutspur hinterliessen, implodierte das Reich der Mitte. Die Taiping-Revolution im 19. Jahrhundert endete mit mehreren Millionen Toten; der chinesische Bürgerkrieg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeitigte zahllose Bauernopfer; Maos «Grosser Sprung nach vorn» und die Kulturrevolution forderten nicht nur zahllose Tote, sondern erschütterten die chinesische Gesellschaft auch in ihren Grundfesten.

Austausch auf Augenhöhe?

Gesellschaftliche Harmonie – und nicht etwa die Zufriedenheit des Individuums – ist daher nicht zu unterschätzen in einem Land, wo manche BürgerInnen das brutale Chaos der Kulturrevolution am eigenen Leib erfahren haben. Die Verheissung, mit Wohlstand und höherem Lebensstandard Frieden und Stabilität zu erlangen, relativiert sich aber gerade im Fall des Umgangs der chinesischen Regierung mit den Völkern in den Grenzregionen. Xinjiang ist nicht erst ein Pulverfass, seit westliche Medien über uigurische Umerziehungslager berichten. Wenn die einheimische Bevölkerung in diesen Regionen, etwa TibeterInnen und UigurInnen, vom Wohlstand ausgeschlossen wird, führt dies zu Unruhen.

Auch jenseits der Landesgrenzen, so zeigen beispielhaft Matthias Messmer und Hsin-Mei Chuang in ihrem Buch «China an seinen Grenzen», ist zu beobachten, dass sich China um internationale Gerichte foutiert, Grenzen nicht respektiert und militärische Zwischenfälle provoziert. Mit einer Fülle von «selbsternannten historischen Beweisen» reklamiere die chinesische Regierung die «Souveränität über das Südchinesische Meer». Die Autoren berichten von Seemilizen, die, als zivile Fischer verkleidet, die chinesische Vormachtstellung sichern sollen. Und als wegen eines Konflikts zwischen den Philippinen und China der Ständige Schiedshof in Den Haag angerufen wurde, anerkannte die chinesische Regierung dessen Urteil nicht. Die Tatsache, dass für die Streitigkeiten zukünftiger Konflikte entlang der Land- und Seeroute chinesische Gerichte zuständig sein sollen, fördert deshalb nicht unbedingt das Vertrauen in die friedensbildenden Massnahmen der Infrastrukturprojekte.

Vom Schwein lernen

Die Verklärung des vermeintlich auf Augenhöhe stattfindenden kulturellen und wirtschaftlichen Austauschs im Seidenstrassennarrativ vernebelt auch die Asymmetrie der wirtschaftlichen Machtverhältnisse zwischen China und seinen Nachbarländern. Kasachstan und Kirgisistan etwa sind aufgrund diverser Verflechtungen der einheimischen Elite mit chinesischen Unternehmen in eine Abhängigkeit geraten – die kasachische Erdölbranche zum Beispiel wird vollständig von chinesischen Investoren kontrolliert. Und das entlädt sich mancherorts in antichinesischen Ressentiments wie vor zwei Jahren in einem Attentat vor der chinesischen Botschaft in Bischkek. Auch in Gwadar, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt der maritimen Seidenstrasse in Pakistan, wurden innerhalb kürzester Zeit Attentate auf chinesische Einrichtungen verübt. Überall brodelt es in der einheimischen Bevölkerung, überall profitiert vor allem die lokale Oligarchie von den Projekten, viel ist von Korruption die Rede – Friede sieht anders aus.

Sunzis Diktum «Wo Eintracht herrscht, wird Zwietracht gesät» zeigt sich exemplarisch in der «16 + 1»-Initiative Chinas: Elf Staaten aus dem Osten der Europäischen Union und fünf Balkanstaaten haben Verträge mit China abgeschlossen und stimmen seither regelmässig gegen chinakritische Beschlüsse der EU. Und wenn westliche PolitikerInnen angesichts von Chinas wachsendem Einfluss vermeintlich westliche Werte und Ideale beschwören, während Unternehmen und Länder wie die Schweiz diese Werte auf dem wirtschaftsliberalen Altar des Mammons opfern, tut abermals ein Blick in Sunzis Handbuch not: «Wer sich auf Kriegsführung versteht, unterwirft die Armeen, ohne Schlachten zu schlagen, erobert Städte, ohne sie zu belagern, und zerstört fremde Reiche, ohne sich auf endlose Kämpfe einzulassen. Er führt seine Feldzüge als Bewahrer.»

Ein weiterer Klassiker der chinesischen Literatur empfiehlt sich in diesem Zusammenhang: In Wu Cheng’ens «Reise in den Westen» aus dem 16. Jahrhundert zeigen ein Mönch, ein Affe und ein Schwein, wie man sich aus dem Westen Dinge holt, die man braucht, um in der Welt den Anschluss zu behalten. Sie ziehen die westlichen Dämonen über den Tisch und werden unsterblich.

Alice Grünfelder ist Sinologin und freie Lektorin. 2018 erschien im Verlag Edition 8 ihr Debütroman, «Die Wüstengängerin», über Xinjiang.

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