Nr. 25/2022 vom 23.06.2022

Ein Gerücht namens Perron

Aus der Branche der Schweizer Politikberatung sticht eine Figur besonders hervor: Louis Perron, der auch international im Geschäft ist. Und dabei jüngst im philippinischen Wahlkampf eine seltsame Rolle gespielt hat.

Von Renato BeckMail an Autor:in

Louis Perron (rechts) im Fernsehstudio vor einer RTS-Sendung zur «No Billag»-Initiative im März 2016

Experte für alles: Louis Perron (rechts) vor einer RTS-Sendung zur «No Billag»-Initiative im März 2016. Für diesen Artikel liess er sich nicht fotografieren. Foto: Salvatore Di Nolfi, Keystone

Wenn in einer Woche Ferdinand «Bongbong» Marcos als 17. Präsident der Philippinen vereidigt wird, gibt es auch im vornehmen Zürcher Seefeldquartier Anlass für eine kleine Feier.

Der Schweizer Politberater Louis Perron war mittendrin, als der Diktatorensohn vor ein paar Wochen die Macht im Inselstaat errungen hat – und dabei die blutige Kleptokratie seines Vaters reinwusch.

Ferdinand Marcos, der Vater, hatte in den siebziger und den achtziger Jahren die Philippinen unter Kriegsrecht regiert und ausgeplündert. 1986 wurde Marcos schliesslich gestürzt. Seither hat seine Familie an dessen Rehabilitierung gearbeitet. Die Rückkehr an die Macht gelang schrittweise. Die Vollendung schaffte der korrupte Clan, als Sohnemann Bongbong Marcos am 9. Mai mit grossem Vorsprung zum Präsidenten gewählt wurde. Die Umdeutung der Vergangenheit war Teil seiner nationalistischen Kampagne: Marcos versprach die Rückkehr in eine vermeintlich goldene Ära, in der Recht und Ordnung geherrscht, die Wirtschaft gebrummt haben soll – eine Pervertierung der Geschichte. Als Vizepräsidentin kandidierte an seiner Seite Sara Duterte, die Tochter des abtretenden Brutalopräsidenten Rodrigo Duterte, der in seiner Amtszeit Tausende Drogenabhängige und angebliche Dealer ermorden liess.

«Keine Namen»

Die erfolgreiche Wahlkampagne bediente sich des ganzen Instrumentariums unredlicher Mittel; sie reichte von schmutzigen persönlichen Attacken auf die Kontrahentin und Bürgerrechtlerin Leni Robredo bis zum Einsatz riesiger Trollarmeen auf Tiktok und Facebook. Dabei setzten die Kampagnenmacher auch auf die Dienste von Louis Perron. Perron hat gemäss Informationen aus Kreisen des Kampagnenteams interne Befragungen für das Team Marcos-Duterte gemacht. In die entlegensten Dörfer, heisst es, soll er gefahren sein, um Stimmungen im Wahlvolk einzufangen. Voller Einsatz für den neuen starken Mann im 100-Millionen-Staat.

Was er zu seinem Mandat auf den Philippinen sagt? Perron presst die Lippen zusammen, überlegt, äussert sich dann doch – oder auch nicht: «Zu meinen internationalen Kunden nenne ich keine Namen.»

Louis Perron, promovierter Politologe, ist eine der schillerndsten Figuren im Geschäft der Schweizer Politikberatung. Er ist vermutlich der Einzige seiner Zunft, der sein Geld auch international verdient. Laut seiner Website unterhält er ein Büro im Zürcher Seefeld und eines im Finanzzentrum von Manila. Im Gespräch, das nach einigen Anlaufschwierigkeiten doch noch zustande kommt, erklärt er dann, den Standort in Manila möglicherweise bald zu schliessen. Es sei sowieso bloss eine Adresse gewesen. Auch das Büro im Seefeld «ist eigentlich nur eine Adresse», sagt er. «Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren im Homeoffice.»

Louis Perron ist schwer zu fassen: In den Medien ist er oft mit seinen Expertisen zu Wahlkämpfen von Zürich bis Washington D. C. präsent. Einmal erklärte er im «Blick», dass es Roger Köppel als Quereinsteiger schwer haben dürfte, gewählt zu werden. Köppel erzielte danach ein Rekordergebnis. Dann wiederum sagte er zielsicher voraus, dass die Beschaffung des Kampfjets Gripen aufgrund der schlechten Kampagne an der Urne scheitern werde. Vor allem gefragt ist er aber, wenn in den USA zur Wahl gerufen wird. Perron gilt aufgrund seines Studiums in Washington als Kenner der Materie. Wenn «10 vor 10» über ein TV-Duell zwischen Biden und Trump berichtet, lädt SRF ihn ins Studio ein. Und wenn «20 Minuten» schnell eine Einschätzung braucht, um über die Spaltung der US-Gesellschaft zu berichten, ist ebenfalls Perron zur Stelle.

Grelle Eigenwerbung

Geht es aber um seine eigentliche Arbeit als Wahlkampfberater, bleibt vieles Gerücht. In Afrika soll er Engagements gehabt haben – Perron sagt: «Ich war nur einmal als Student in Tunesien.» In Deutschland habe er gearbeitet, in Rumänien, mehrere Jahre in Malaysia, wie er selber anführt, und eben auf den Philippinen. Ob er angesichts der Umstände nicht ethische Bedenken habe? Perron sagt allgemein: «Ich kenne das Land sehr gut, mir macht da keiner etwas vor. Ich habe dort jahrelang über Politik geschrieben. Das ist nicht, wie wenn ich in ein neues Land komme, sagen wir die Ukraine, wo es für mich schwieriger ist, die Situation einzuschätzen.» Ob es denn überhaupt vorkomme, dass er Mandate aus ethischen Gründen ausschlage? Perron sagt: «Was schon vorkam, ist, dass ich versucht habe, vorzeitig auszusteigen. Man muss sich bewusst sein, dass man es im Ausland oft mit Göttern zu tun hat, die in ihrer eigenen Welt leben. Denen zu sagen, was die Wähler wirklich denken, ist das eine. Ihnen zu helfen, die Meinung zu ändern, etwas ganz anderes.»

Dass die Information zu den Philippinen nach draussen gelangt ist, scheint ihn zu überraschen und ein bisschen auch zu ärgern. Verschwiegenheit, das wird schnell klar, ist eine Grundlage des Geschäfts. Eine andere ist die grelle Fassade. Perron plakatiert in dicken Buchstaben, wenn er Eigenwerbung betreibt: Er habe zwei Präsidenten, einen Vizepräsidenten und diverse weitere Amtsträger:innen beraten (darunter eine ehemalige Miss Universum). Mehrere Dutzend Wahlkampagnen im In- und Ausland habe er erfolgreich geführt, behauptet er. «Ich gewinne Wahl- und Abstimmungskämpfe» steht als einziger Satz in seiner Biografie auf dem Businessnetzwerk Linkedin. Übertriebene Bescheidenheit kann man Louis Perron nicht vorwerfen. «Stimmt alles», meint er, auf seine Erfolgsbilanz angesprochen. Ins Detail gehen will er nicht.

Er betreibe einen amerikanischen Stil, sagen Leute, die mit ihm zusammengearbeitet haben oder ihn beobachten. Sein Auslandengagement lässt ihn eine Nummer grösser erscheinen als den Rest der Branche. Wobei diese in der Schweiz sehr übersichtlich daherkommt, jedenfalls dort, wo es um strategische Beratung geht (vgl. «Ein Geschäft, von dem niemand satt wird» im Anschluss an diesen Text).

Lob von links

Doch Wahlkampagnen faszinieren Louis Perron. Auch wenn in der Schweiz damit nicht viel zu verdienen ist. «Totales Grümschelizeugs» sei das, sagt Perron, «weil es um nichts oder sehr wenig geht». In den USA oder in Deutschland könnten ein paar Tausend Stimmen entscheiden, an wen die Macht geht, in der Schweiz bleibe immer alles beim Alten. «Das nimmt dem Wahlkampf den Wind aus den Segeln.» Entsprechend könnten die Budgets unterschiedlicher nicht sein. Selbst die SPÖ der Stadt Wien könne sich einen teuren US-Berater leisten, was in der Schweiz jeden Rahmen sprengen würde. Zieht es ihn deshalb ins Ausland, an die Orte, wo Macht noch errungen werden kann, etwa auf die Philippinen? Perron sagt: «Ich bin stolz auf mein internationales Geschäft, da steckt viel Herzblut drin.»

Trotzdem übernimmt er vor allem in der Schweiz Mandate. Eine, die ihn einst angeheuert hat, ist die ehemalige Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker. 2007 zog sie ihn als Berater hinzu, als es um ihre Wiederwahl ging. Schenker machte sich Sorgen, und Perron bestärkte sie im Gefühl, dass sie ihren Erfolg in den eigenen Händen halte. Er half bei ihrem Kernspruch «Eine starke Stimme für die Schwachen». Und er trieb sie an: «Louis rief jeden Tag an und fragte, was ich heute gemacht habe und was ich morgen machen werde.» Schenker sagt, die Zusammenarbeit sei sehr positiv gewesen.

Wen er sonst noch so berät, bleibt offen. Wählerisch ist Louis Perron jedenfalls nicht. «Von der EDU bis zur Alternativen Liste sind Leute aus allen Parteien dabei, das gibt mir eine einzigartige Perspektive», sagt er. Wo es nicht um Wahlkämpfe geht, zeigt er mehr Offenheit. So hat er der Hotel & Gastro Union bei der Mitgliederwerbung geholfen oder vor der Abstimmung zur Pflegeinitiative für das Initiativkomitee eine sogenannte Fokusgruppenanalyse erstellt und dabei in Interviews herausgefunden, dass Männer mit der Initiative besonders schwer zu erreichen sind.

Daneben bietet Perron eine ganze Palette an kostspieligen Dienstleistungen an, von der Fragestunde am Telefon bis zur «Wahlklausur». Sehr teuer sei das, heisst es bei der Konkurrenz. Aber womöglich sind es ja angemessene Preise für jemanden, der für sich in Anspruch nimmt, «Dutzende Kampagnen in verschiedenen Ländern gewonnen» zu haben. Welche das sind und mit welchem Anteil? Da sind wir wieder am Anfang der Geschichte. Aber vielleicht sind Wahlkämpfe auf beiden Seiten der Kulissen mindestens so sehr eine Frage des Scheins wie des Seins.

Beratung im Wahlkampf

Ein Geschäft, von dem niemand satt wird

Bei den Bürgerlichen kümmern sich vor allem grosse Kommunikationsagenturen um Politikberatung, Firmen wie Furrerhugi oder auch Farner. Bei den Linken gibt es etwa die Winterthurer Agentur von SP-Mann Marco Kistler. Dazu kommen Einzelfiguren in den Kantonen, und einige wenige, die in der ganzen Schweiz unterwegs sind. Einer davon ist Mark Balsiger, der seit zwanzig Jahren Wahl- und Abstimmungskämpfe führt. Seine Jobbeschreibung? «Es gibt relativ viele Politisierende, die auf den Lift nach oben warten. Ich unterstütze sie dabei, eine gute Position zu erlangen, wenn die Lifttüre dann aufgeht.» Für ihn sei das aber ein Nischengeschäft. Balsiger wird gebucht, wenn sich irgendwo ein Rücktritt abzeichnet oder es zu «einem mörderischen parteiinternen Gerangel» kommt.

«Ein Geschäftsmodell ist das nicht», sagt auch der Berner Lobbyist und Abstimmungsspezialist Walter Stüdeli zur Wahlkampfberatung. Dafür sei zu wenig Geld im Spiel. Die Ausnahme sind Ständeratswahlkämpfe in grossen Kantonen. In Zürich koste eine Kandidatur bis zu einer Million Franken, sagt Stüdeli. Viel Geld, dass die Kandidat:innen beschaffen müssen. Und bei dem unklar bleibt, wer es bezahlt und zu welchen Konditionen.

Nicht nur deshalb lässt er sich nur selten in Wahlkämpfe involvieren – er findet sie langweilig. «Man übertrumpft sich mit banalen Slogans, und ganz ehrlich, mir kommt auch nichts Neues in den Sinn. Wie viele Brückenbauer kann es denn noch geben?» Sein Modell: Er hilft Ratsmitgliedern kostenlos, wie etwa der Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, und im Gegenzug helfen sie ihm.* So erhielt er von ihr einen Zutrittspass fürs Parlament, wo er für Verbände Lobbyarbeit betreibt.

Auch für Kistler, der mit seiner Firma linke und progressive Kampagnen umsetzt, sind Wahlkämpfe ein Nischengeschäft. Ab und zu würde er Leute angehen, bei denen sich spannende, grössere Wahlkämpfe abzeichnen, manchmal gebe er Kandidat:innen Tipps. Dort gehe es aber nicht ums Finanzielle, sondern darum, gute Leute zu fördern. Wer in der Schweiz politische Beratung macht, unterhält deshalb oft einen Gemischtwarenladen: ein bisschen Lobbying, ein bisschen Abstimmungskampf, selten ein Mandat für strategische Beratung.

Renato Beck

* Korrigendum vom 23. Juni 2022: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion steht, Edith Graf-Litscher (SP) sei Nationalrätin des Kantons Zürich. Das ist falsch. Graf-Litscher sitzt für die den Kanton Thurgau im Nationalrat.

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