Ukraine : Wie Brahim Saadoun ungewollt im Krieg landete

Nr.  26 –

In Donezk droht einem jungen Marokkaner wie auch zwei Briten die Hinrichtung. Die Reise des Studenten führte von Casablanca über Kyjiws Nachtleben in die Ostukraine.

Brahim Saadoun sitzt bei einem Gerichtstermin in Donezk hinter Gittern
Ein regulärer Soldat der ukrainischen Marine: Brahim Saadoun sitzt bei einem Gerichtstermin in Donezk zwischen Aiden Aslin (links) und Shaun Pinner. Foto: AP, Keystone

Es war Anfang Juni, als Brahim Saadoun plötzlich auf dem russischen TV-Sender RBK auftauchte: abgemagert, den Kopf rasiert und mit einer Körpersprache, die von Angst erzählt. Neben dem 21-jährigen Marokkaner die beiden britischen Staatsbürger Aiden Aslin (28) und Shaun Pinner (48). Die drei Männer, die für die ukrainischen Streitkräfte gekämpft hatten, waren von russischen Soldaten gefangen genommen worden und sitzen seither im Gefängnis in der selbsternannten «Volksrepublik Donezk». Inzwischen wurden sie zum Tod verurteilt – durch Erschiessen. Der Vorwurf: «Söldneraktivität».

Brahim Saadoun war neunzehn Jahre alt, als er es seinen beiden älteren Schwestern gleichtat und aus dem schwierigen Elternhaus in Casablanca ausbrach: Vor drei Jahren packte er seine Sachen und zog nach Kyjiw, einer Stadt, die zuletzt vielen jungen Männern aus dem Maghreb die Chance auf ein Studium in Europa bot. Saadoun, schlaksig, mit kindlichem Gesicht, mietete sich in ein Mehrbettzimmer in einem Hostel an der zentral gelegenen Chreschtschatyk-Strasse ein und immatrikulierte sich für Ingenieurwissenschaften an der Universität. Er fand in der Ukraine aber nicht nur einen Studienplatz, er fand die Freiheit.

Vom Club an die Front

Während der Rest Europas unter den Einschränkungen der Coronapandemie lebte, besuchte Saadoun die Clubs von Kyjiw. Er machte sich in der städtischen Technoszene schnell einen Namen – als lustiger, hilfsbereiter Typ, der am liebsten in schrillen Gabber-Outfits um die Häuser zieht. Er schloss sich Demonstrationen gegen Polizeigewalt und gegen die Diskriminierung von Menschen aus der queeren Szene an. Saadoun habe sich in die Stadt verliebt, erzählen seine Freunde im Gespräch – er habe in der Ukraine bleiben wollen. Vergangenes Jahr, bevor Russland seinen Angriffskrieg gegen sein Nachbarland starten sollte, überraschte Saadoun mit der Ankündigung, dass er sein Studium abbrechen wolle und sich der ukrainischen Armee anschliessen werde.

«Ich habe das letzte Mal am 27. März 2022 mit ihm gechattet», sagt sein bester Freund Muiz Avghonzoda, der selber seit über einem Jahr in Kyjiw lebt. Avghonzoda – weisses T-Shirt, blond gefärbte Haare – hatte seinen marokkanischen Freund begleitet, als dieser sich in die ukrainische Armee einschreiben ging. Saadoun habe einen Beitrag für seine neue Heimat leisten wollen, sagt er. «Brahim wollte sich nützlich fühlen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er einmal in einem grossen Krieg gegen Russland kämpfen würde.»

Kein Söldner

Als Russland am 24. Februar seine Invasion startete, soll sich Saadoun in der südukrainischen Region Mykolajiw befunden haben. Im April wurde er bei der heftig umkämpften Hafenstadt Mariupol gefangen genommen. Die russischen Behörden versuchen, das Bild eines ausländischen Söldners zu zeichnen.

Dabei ist Saadoun – wie die beiden ebenfalls verurteilten Briten – ein Soldat der ukrainischen Marine, wie ein Sprecher der ukrainischen Regierung auf Anfrage bestätigt. «Die Behauptung, es handle sich bei den Männern um Söldner, ist ungültig, da die Ukraine sie in rechtmässigen Verfahren in die Streitkräfte aufgenommen hat», sagt Roman Nekoliak, Rechtsexperte beim Zentrum für bürgerliche Freiheiten in Kyjiw. Die drei Männer müssten entsprechend als Kriegsgefangene behandelt werden, wie dies das humanitäre Völkerrecht vorsieht. Gefangene zum Tod zu verurteilen, ist demnach verboten. Sowohl die Ukraine als auch Russland sind Vertragsparteien der entsprechenden Genfer Konventionen.

Ein weiteres Kriegsverbrechen

«Nach dem Völkerrecht ist der Oblast Donezk ein Teil der Ukraine und kein legitimer Staat», sagt Nekoliak. Tatsächlich wurde die sogenannte Volksrepublik Donezk von der Staatengemeinschaft nicht anerkannt. Damit handelt es sich bei dem Urteil gegen die drei Gefangenen um die erste Verhängung der Todesstrafe auf ukrainischem Boden seit mehr als zwanzig Jahren. «Sollten die Todesurteile vollstreckt werden, wäre dies ein weiteres Kriegsverbrechen von russischer Seite», sagt Richard Weir von der NGO Human Rights Watch in Berlin. Inzwischen hat auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) interveniert und Russland dazu aufgefordert, die Umsetzung des Todesurteils in Donezk zu verhindern.

Während in der Ukraine der Hashtag #savebrahim in den sozialen Medien trendet, findet der junge Mann in seinem Geburtsland Marokko nicht nur Unterstützer:innen. In einem Interview mit der arabischen Ausgabe des russischen TV-Senders Russia Today, das Anfang Juni ausgestrahlt wurde, bezeichnet sich Saadoun als Agnostiker. Deshalb wünschten ihm einige religiöse Menschen in Marokko den Tod, sagt seine 28-jährige Schwester Iman Saadoun, die seit fünf Jahren in Finnland lebt. Die Mutter sei vor Sorge krank geworden und verlasse aus Angst vor Anfeindungen das Haus nicht mehr, erzählt sie am Telefon. Jeden Tag versucht Iman Saadoun, Kontakt zu den marokkanischen Behörden aufzunehmen, damit sie sich für die Freilassung ihres Bruders einsetzen. «Ich wünschte mir, dass ich mit ihm sprechen könnte – damit er weiss, dass er nicht allein ist.»

Während die beiden britischen Staatsbürger mit ihren Verwandten telefoniert haben, hat Saadoun bisher weder zu seinen Schwestern noch zu den Eltern Kontakt aufgenommen. Sein Freund Avghonzoda glaubt, dass Saadoun nicht mit seiner Familie sprechen will. «Und die Telefonnummern von uns, seinen Freunden, kennt er nicht auswendig.» Avghonzoda hat eine Onlinekampagne für seinen Freund auf die Beine gestellt und Kontakt mit Menschenrechtsaktivist:innen und Angehörigen der britischen Gefangenen aufgenommen.

Prominente Unterstützung

Wie gross die Chancen für eine Freilassung der drei Männer sind, sei schwer einzuschätzen, sagt Rechtsexperte Nekoliak. Die russische Regierung versucht, den Fall politisch weiterhin für sich zu nutzen: Nekoliak geht davon aus, dass das Urteil andere Ausländer:innen davon abschrecken soll, für die Ukraine zu kämpfen. Zudem wolle die russische Regierung damit die Existenz der «Volksrepublik Donezk» festigen: Sie will Marokko und Grossbritannien dazu drängen, mit der selbsternannten Volksrepublik Kontakt aufzunehmen und diese damit implizit als Behörde anzuerkennen. Bisher haben sich beide Regierungen geweigert, dies zu tun.

Nachdem der Chef der «Volksrepublik Donezk», Denis Puschilin, kürzlich ankündigte, dass bald über den Zeitpunkt der Hinrichtung entschieden werden solle, stellte sich in der Ukraine ein prominenter Politiker an die Seite der Gefangenen. «Der ukrainische Staat wird alles dafür tun, die drei Männer zu retten», erklärte der ukrainische Abgeordnete Sergei Leschtschenko – der in Kyjiw für seine Technoleidenschaft bekannt ist. Saadoun und Leschtschenko seien öfter auf denselben Partys gewesen, erzählt Avghonzoda, der einmal beobachtet hatte, wie sich die beiden auf der Tanzfläche begrüssten. «Brahim ist eine Ikone», sagt Avghonzoda. «Er hat in Kyjiw Leute gefunden, die ihn geschätzt und so akzeptiert haben, wie er ist.»