Erwachet! : Die Rache der Kakerlake

Nr. 31 -

Michelle Steinbeck findet keine Ruhe

Auf dem Weg in den Süden lesen wir statt Reiseführer die Zeitung: Rom brennt wie zu Neros Zeiten. Schwarze Rauchsäulen über dem Kolosseum, der Granatapfelgarten des Vatikans am Schwelen, auf dem Schrottplatz explodierende Autos. Italienische Regierungskrise durch die Feriensonnenbrille: In den paar Tagen, die wir in der Hauptstadt verbringen, machen die Pyroman:innen Pause, im Gegensatz zum Pulk Paparazzi, auf den wir eines Abends unverhofft treffen. Es mutet an wie ein Filmset, wie sie in einer Gasse hinter ihren Kameras warten, um sich plötzlich, eine Armlänge von uns entfernt, in einer einzigen Bewegung auf die Strasse zu stürzen, wie ausgehungerte Katzen auf eine hingeworfene Dose Thunfisch.

Nur einer bleibt mit hängenden Schultern zurück, vielleicht hat er den Moment verpasst; den Sekundenbruchteil, in dem die mit Equipment bepackte Meute wie ein Starenschwarm auf den Hauseingang zuflog, um das gerade herausgetretene Objekt der Begierde unter Blitzlichtern, Rangeln und Schreien zu begraben. Wir fragen den einsamen Lichtmenschen, was da gedreht wird. Er antwortet müde: Habt ihr nicht gesehen? Das war Giuseppe Conte.

Die Szene wirkt sinnbildlich für die politische Krise: Das am häufigsten verwendete Wort zum Thema in den Medien ist «Chaos», niemand scheint es entwirren zu können. Die Neuwahlen finden erst nach den Sommerferien statt – also nichts wie los! Sorgen um den befürchteten Rechtsruck können wir uns früh genug. Wir fahren den Stiefel runter ans Meer, zu süssem Nichtstun, salziger Entspannung.

Die Kakerlake im Badezimmer des Ferienhauses hat andere Pläne mit uns. Da wir ihr Gastrecht missachten und das friedliche Zusammenleben verschmähen, indem wir sie mit Gift, Fallen und Löcherstopfen aus ihrem Haus vertreiben wollen, hält sie uns mit rätselhaften Methoden auf Trab. Zuerst gibts eine saftige Runde Corona für alle, die es noch nicht hatten. Es folgen entzündete Mückenstiche und Schürfungen an Felsen sowie eine ausgekugelte Schulter inklusive Tour durch sämtliche Spitäler der Region. Die Orthopädin im entlegensten, die sich endlich ans Manöver wagt, renkt dafür nicht nur das Gelenk wieder ein; sie unterhält mit ihrem lautstarken Schimpfen auch den Gepeinigten, der schliesslich zur allgemeinen Belustigung als in Mullbinde gewickelte Halbmumie grinsend aus dem Krankenhaus stolpert.

Auch wenn die weisen Grossmütter schreiben, dass das normale Ferien seien und wir es gefälligst geniessen sollen, leben wir fortan in Sorge vor der Rache der Kakerlake. Steinschlag am Strand, ungewöhnliche seismische Aktivität; wir halten Tsunamiwache. Als das Auto, das nach dem Rohrbruch die schimmligen Matratzen wegschaffen soll, dann unseren parkierten Mietwagen crasht, packen wir die Koffer und steigen in den verbeulten Wagen. Im Rückspiegel sehen wir die Kakerlake, das Gesicht mit weissem Giftpulver verschmiert, triumphierend mit dem verbliebenen Fühler zitternd.

In der nächsten Stadt schliessen wir uns zur Sicherheit direkt einer Marienprozession an. Die Madonna wird unter Marschmusik und platzenden Ballonen von Jünglingen durch die Strassen geschleppt. Wir klatschen laut mit, auf dass ihr Strahlen und der Schweiss der schreienden Träger den Käferfluch von uns abwaschen.

Michelle Steinbeck ist Autorin im Traumurlaub.