Nr. 32/2021 vom 12.08.2021

Wo brennts?

Michelle Steinbeck fühlt sich wie Frodo in Mordor

Von Michelle Steinbeck

Sommerferien in der Apokalypse verlangen künftig nach einer einzigen Entscheidung: kühles Nass oder lodernde Hitze? Wer auf Überschwemmungsunterhaltung mit Verkühlungsgefahr steht, wählt einen beliebigen Ort in Nordeuropa. Alle anderen machen das Kreuz für heissen Brandtourismus im Süden.

Nachdem wir diesen Sommer bereits ausgiebig Ersterem gefrönt haben, sind wir in den Zug gestiegen und einen Tag lang den Stiefel runtergefahren. Das Panorama war bereits durchs Fenster atemberaubend: glitzerndes Meer, das im rauchigen Dunst der brennenden Hügel mit einem grauen Himmel verschmilzt. In den Wellen liegen die Menschlein und machen die tote Frau.

Am Morgen nach der Ankunft werden wir von Durchsagen fahrender Lautsprecher geweckt: Wegen der Wasserknappheit ist es verboten, Gärten zu wässern und Pools zu füllen. Die Bevölkerung wird aufgerufen, der Feuerwehr Tanks zur Verfügung zu stellen. Dabei wirkt es nicht so, als würde irgendwer überhaupt etwas gelöscht haben wollen.

Die Hälfte der Hügel in der Umgebung ist bereits kahl verkohlt, und täglich brennt es weiter. Es riecht nach Rauch; wohin das Auge blickt, steigen Säulen auf. Wenn das so weitergeht, gibt es hier bald keine Bäume mehr.

Wir lesen von Massenpanik an italienischen Stränden, sehen in den Nachrichten Menschen über den Sand rennen, Flammen im Rücken. Bald fragen wir uns nicht mehr, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Die Leute geben sich betont unbeeindruckt. Sie weigern sich, die Feuer auch nur anzusehen, selbst die in knisternder Nähe. Sie schauen stoisch in die andere Richtung, aufs Meer – bis die Flammen am Sonnenschirm züngeln.

Als wir wegen eines besonders mächtigen nächtlichen Höhenfeuers den Lido aufsuchen, zuckt der Barkeeper nur die Schultern: «Normal ist es nicht, aber was soll man tun?» Er will niemanden anrufen; er zeigt auf seine zwei Gäste und grinst: «Ich habe zu tun.» Schliesslich gibt er uns die Nummer der Feuerwehr und einen moralisierenden Spruch mit.

Die Leitung ist belegt. Wir bleiben dran, schauen dem Feuer zu, wie es sich über den Hügel in unsere Richtung frisst, den Leuchtturm löscht. Schweigend halbieren wir Wassermelonen und höhlen sie aus, setzen sie uns als Helme auf den Kopf. Schliesslich meldet sich die Feuerwehr: «Wo brennts?» Wir halten weiter Wache; im Dunkel der Nacht ist das Spektakel besonders aufregend, wir fühlen uns wie Frodo und Sam im Auge von Mordor.

Dabei murmeln wir leise zum heiligen Gennaro, dem Schutzheiligen der Genderfluidität, der den Feuer speienden Vesuv gezähmt haben soll. Der Legende nach war er ein zwei Meter grosser Geistlicher aus Afrika mit bemerkenswert androgynen Zügen. Dreimal jährlich wird in Neapel zu seinen Ehren ein Blutwunder aufgeführt: Sein mehrhundertjähriges Menstruationsblut (einst von einer Dämonin in die Stadt gebracht) verflüssigt sich vor den Augen der versammelten Gläubigen. Bleibt das Wunder aus, steht grosses Unglück an. Dieses und letztes Jahr sei die Verflüssigung ausgeblieben.

Vor brennenden Kulissen spielen wir auf vollen Stränden die Komödie des Klimawandelproblems: Niemand fühlt sich verantwortlich, und alle hoffen leicht beschämt, dass es schon irgendwie ausgehen wird. Wir sollten wohl anfangen zu beten, dass sich das verkrustete Blut von San Gennaro schleunigst wieder verflüssigt.

Michelle Steinbeck ist Autorin im Traumurlaub.

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