Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

Seitenwechsel

Michelle Steinbeck tritt in der Deutschen Bahn in den Widerstand

Von Michelle Steinbeck

Ich freue mich, dass die allgemeine Ferienzeit bald vorbei ist. Sie hat mich des angenehmen Gefühls beraubt, mehr Freizeit zu haben als die andern. Wenn alle, die ich sonst in Büros schmorend weiss, plötzlich gebräunter und entspannter herumspazieren als ich, wird mir klar, dass meine Wohnung plus das Café an der Ecke und der Rhein – ja eigentlich alle Orte, egal wo ich hinreise – bloss ein sehr grosszügiges, 24 Stunden geöffnetes Homeoffice sind. Dazu gehören normalerweise auch Zugfahrten, aber nicht in der Ferienzeit.

Diesen Sommer liess mich die Deutsche Bahn gar die Auswirkungen der Klimakatastrophe am eigenen Leib spüren: Nach der Mordshitze kam über Deutschland ein rasender Sturm, der das Bahnnetz regelrecht erschlug. Tags darauf stecke ich im Nadelöhr in Kassel (!), wo sich ein vollgefressener Ferienzug nach dem anderen auskotzt und die ganze auf das Perron ergossene Menschengalle mit ihrem Fünfwochengepäck auf diesen letzten übrig gebliebenen Zug nach Hamburg muss, der gerade sorgenvoll einrollt.

Unschön, was dann passiert. Vermeintlich zivilisierte Menschen verwandeln sich in brüllende Furien, in rasende Dampfwalzen, in gellende Kampfmaschinen: Wir wollen nach Hause!

Sobald der Zug zögernd seine Türen öffnet, drücken sie sich in die bereits hoffnungslos überfüllten Wagen; das Recht des Stärkeren wird eingefordert mit voller Kraft. Verzweifelte Bahnarbeiter blasen in die Pfeife, ziehen und zerren an Beinen und Armen, die aus Türen und Fenstern ragen, geben schliesslich auf. Laufen rauchend das Gleis ab, ohne den Zug und die schreiende, quellende Masse noch eines Blickes zu würdigen.

Im Innern des Zuges geht es interessant weiter. Sofort haben sich zwei verfeindete Lager gebildet: die bereits Sitzenden gegen die im Gang drängelnden Neuankömmlinge. Erstere stieren die ungesitteten Stehenden mit unverhohlener Abscheu an. Der Pöbel giftelt standesgemäss zurück: «Der ist so fett, braucht zwei Sitze, ekelhaft.» So schnell kann es gehen, dass man von respektabler Bürgerin mit Bahncard und Sitzplatzreservation zur geächteten Überzähligen wird! Durch einen Zufall des Schicksals aus unserer natürlichen Fensterplatz-mit-Tisch-Umgebung geschleudert, stehen wir urplötzlich mit verschwitzter Sturmfrisur als Störenfriede da. So aussätzig ist man schon geworden, dass man nun per Durchsage aufgefordert wird, den Zug freiwillig wieder zu verlassen, da man sonst «geräumt» werde. Über diese ungerechte Frechheit entrüstet, beschliesst man, etwas Ungeheures zu tun: Wir treten in den Widerstand.

In den folgenden Stunden bearbeitet die Durchsage die im stehenden Zug Streikenden mit Zuckerbrot und Peitsche. Ich bleibe stoisch und fahre zum Schluss auf einem Sitzplatz nach Hamburg. Triumphiert habe ich nicht. Stattdessen zurückgelassen all jene, denen meine Privilegien zu streiken fehlten: Ich fühlte mich, wie meistens, grundsätzlich wichtig und im Recht. Der Lockvogel in Form eines Dreissig-Euro-Gutscheins, der aus dem Reisecenter wartend rief, entlockte mir bloss ein verächtliches Schnauben. Und schliesslich sind meine sogenannte Weste und meine Haut weiss, selbst den angedrohten Anmarsch der Polizei nahm ich mit einem Schulterzucken in Kauf.

Aber was hätte ich sonst tun sollen? Ich wollte wirklich nicht in Kassel bleiben.

Michelle Steinbeck lebt als Autorin in Basel. Sie hat ein GA und die Bahncard.

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