Erinnerungskultur : Das Gedenken wachhalten

Nr.  36 –

Das Pariser Mémorial de la Shoah forscht und informiert über die Vernichtung der Juden und Jüdinnen in Frankreich – und sucht den Dialog bis in die Banlieues.

Besucher der Gedenkausstellung im ehemaligen Bahnhof von Pithiviers
Mit Fakten gegen rechte Geschichtsfälscher:innen: Besucher der Gedenkausstellung im ehemaligen Bahnhof von Pithiviers. Foto: Christophe Petit Tesson, Reuters

Im Juli jährte sich die Rafle du Vel d’Hiv, die grösste Judenrazzia in Westeuropa, zum 80. Mal. Am 16. und 17. Juli 1942 griffen Pariser Polizisten in und um die Hauptstadt knapp 13 000 Jüdinnen und Juden auf. Ein Teil der Verhafteten wurde in zwei Internierungs­lager im Département Loiret gebracht: Beaune-la-Rolande und Pithiviers. Rechtzeitig zum Jahrestag konnte das Pariser Mémorial de la ­Shoah heuer die stillgelegte Gare de Pithiviers als Gedenkstätte wiedereröffnen.

Seit 1969 für den Personenverkehr geschlossen, wirkt sie von aussen immer noch wie ein typisches Provinzbahnhöfchen, mit sandfarbenem Verputz, Ziegelsteincheminées und einer von Stuckgirlanden umrankten Uhr. Das Äussere wurde beibehalten, im Innern gedenkt nun ein Parcours der 16 000 Opfer, die zwischen 1941 und 1943 im Loiret interniert waren – die Hälfte von ­ihnen wurden von hier aus direkt nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Damit war der Bahnhof von Pithiviers der dritt­wichtigste Abfahrtsort für Judenkonvois im Land, nach den Nachbarbahnhöfen Le Bourget-Drancy und Bobigny im Pariser Nordosten. Von den beiden letzt­genannten Stationen aus wurden 63 000 der insgesamt über 75 000 Deportierten Frankreichs nach Osteuropa verschleppt.

Das Mémorial  hat begonnen, auch Schulen in den Banlieues zu besuchen.

Das Lager von Drancy, wo diese 63 000 Männer, Frauen und Kinder interniert gewesen waren, war mit Abstand das grösste im Land. An seinem ehemaligen Standort hat das Mémorial de la Shoah als Dachorganisation bereits 2012 eine Gedenkstätte eröffnet. Von der Dauerausstellung im obersten Geschoss dieses Neubaus in Drancy blickt man durch eine raumhohe Glasfront auf das Hauptgebäude der sogenannten Cité de la Muette hinab: eine hufeisenförmige, vierstöckige Wohn­maschine um einen 200 Meter langen Innenhof herum. 1937 vollendet, war die modernistische Siedlung der Architekten Eugène Beaudouin und Marcel Lods ab Juli 1940 durch die Nazibesatzer zweckentfremdet worden – erst als Internierungslager für Kriegsgefangene, dann für Juden und Jüdinnen. Seit 1948 lebt wieder eine prekarisierte Bevölkerung in den 369 Sozialwohnungen; drei Bewohner, mit denen wir bei unserem Besuch ins Gespräch zu kommen versuchten, wussten nichts «von dieser Geschichte».

Dokumente für die Anklage

Mit der Gare de Pithiviers, dem Mémorial de Drancy und dem Musée-Mémorial des enfants du Vel d’Hiv in Orléans betreibt das Mémorial de la Shoah heute drei wichtige Gedenkstätten ausserhalb von Paris. Erinnerungsarbeit zu leisten, ist die ursprüngliche Bestimmung des Zentrums. Seine Anfänge reichen ins Frühjahr 1943 zurück, als der russischstämmige Industrielle Isaac Schneersohn zusammen mit 39 Glaubensgenossen in Grenoble das heutige Centre de documentation juive contempo­raine (CDJC) gründete, mit dem Ziel, die Verfolgung der Jüdinnen und Juden in Frankreich zu dokumentieren. Unmittelbar nach der Befreiung von Paris gelang es den Verantwortlichen des CDJC, Archive der Vichy-Regierung und der Nazibesatzer zu sichern, darunter jene des Judenreferats der Gestapo. Diese Dokumente stellte das Zentrum bei den Nürnberger Prozessen der Anklage zur Verfügung, später auch bei den Straf­verfahren gegen Adolf Eichmann und Klaus Barbie.

Im Jahr 2005 fusionierte das CDJC mit dem in den fünfziger Jahren ebenfalls auf Ini­tiative von Schneersohn hin erbauten Mémorial du martyr juif inconnu. Dessen mahnmalartige Krypta im Pariser Marais-Viertel wurde durch die Grabung zweier unterirdischer Geschosse und die Angliederung dreier Nachbargebäude zum Herzen eines 5000 Quadratmeter grossen Komplexes.

Das heutige Mémorial de la Shoah verfügt über alle Infrastrukturen von Gedenkstätten mit internationaler Ausstrahlung wie Yad Vashem in Jerusalem oder dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington: eine 1000 Quadratmeter grosse Dauerausstellung, Räume für Wechselschauen und für päd­a­gogische Aktivitäten, ein Auditorium, eine Buchhandlung mit über 15 000 Titeln, das Dokumentationszentrum mit den Beständen des CDJC, dazu Gedenkräume wie die Krypta mit der ewigen Flamme und die im Innenhof aufragende «Mur des noms» mit den Namen von 75 568 Deportierten.

Die Stimmen der Opfer

Wie sich das Studienfeld des Mémorial im Lauf der Jahrzehnte gewandelt hat, spiegelt sich in der «Revue d’histoire de la Shoah», der weltweit ältesten der Erforschung des Holocaust gewidmeten Fachzeitschrift, die bis 1946 zurückreicht. Erst durchforsteten engagierte Pioniere wie Joseph Billig, Léon Poliakov oder Georges Wellers die aus dem Krieg geretteten Archive, dann traten Berufs­histori­ker:in­nen den in den siebziger Jahren aufkeimenden Leugnungen des Völkermords entgegen, in jüngerer Zeit lag der Akzent namentlich auf dem vergleichenden Ansatz und dem ­Bestreben, den Opfern ihre Stimme ­zurückzugeben.

Wiewohl sich die Institution nach wie vor primär der Geschichtswissenschaft verpflichtet sieht, hat sich der Fokus im letzten Jahrzehnt verschoben. Jacques Fredj, der Direktor des Mémorial, verweist im Gespräch auf das Wiederaufkommen eines mörderischen Judenhasses in Frankreich seit Beginn des Jahrtausends: «Namentlich die Attentate in Toulouse 2012 und in Paris 2015 haben gezeigt, dass antisemitische Vorurteile bei jungen Franzosen mit Migrationshintergrund stärker verwurzelt sind, als man zugeben wollte.» Das Mémorial lehre nunmehr nicht nur die historischen Fakten, sondern ziehe auch Verbindungen zur Gegenwart: «Die Shoah basiert, wie alle Völkermorde, auf Vorurteilen, die von Propaganda und Verschwörungstheorien genährt werden, auf Mechanismen der Ausgrenzung und Entmenschlichung des anderen. Ohne die Besonderheiten des Judenmords zu mini­mieren, möchten wir zeigen, dass seine Grundvoraussetzungen fortbestehen. Es geht nicht darum, das Böse aus der Welt zu schaffen, aber diese ein wenig lebbarer zu machen.»

Vorurteile entkräften

Früher sei man im Marais-Viertel «schulterklopfend unter sich» geblieben, sagt Fredj. In den letzten Jahren hat das Mémorial das durchbrochen und begonnen, auch Schulen in den Banlieues zu besuchen. Die in diesem Rahmen angesprochenen Schü­ler:in­nen sollen erklärtermassen ihre Vorurteile und falschen Geschichtsvorstellungen zur Sprache bringen: Homophobie, Rassismus gegen Schwarze, Leugnung des armenischen Völkermords. Nur im tabufreien Dialog lies­sen sich diese entkräften. Es gehe darum, so Fredj, «die Wachheit für das zu fördern, was um ­einen herum vorgeht – und, wo nötig, auch das Reaktionsvermögen zu stärken».

Mit seinem gesellschaftlichen Engagement beziehe das Mémorial Stellung, befindet auf Anfrage der Historiker Simon Perego, Mitglied des Redaktionskomitees der «Revue d’histoire de la Shoah». Neben dem Ausser­ordentlichen des Judenmords streiche es auch die «gewöhnlichen» Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen heraus, die diesem zugrunde liegen und die bis heute Antisemitismus und Rassismus nährten. Zwar nähmen die Verantwortlichen des Mémorial nie an politischen Debatten teil, wie Perego einräumt – «doch da, wo Politiker die Geschichte ver­zerren oder verfälschen, hält das Mémorial ihnen Fakten entgegen». So etwa am 29. März, als das Mémorial der wiederholten Behauptung des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour, das Vichy-Regime habe die französischen Juden gerettet, mit einer Veranstaltung widersprach. Ihr unzweideutiger Titel: «Hundert His­toriker:in­nen machen am Mémorial de la Shoah mobil gegen Geschichtsfälschung».