Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo : Zeichen der Unruhe

Nr.  41 –

Wenn es im Kosovo kracht, dann fast immer im serbisch dominierten Norden des Landes. Warum ist das so? Eine Reise in ein Gebiet, das seine eigene Regierung nicht anerkennt.

nördliche Teil von Mitrovica
Der nördliche Teil von Mitrovica wird überwiegend von Serb:innen bewohnt.

Leposavić ist im Widerstand. Die Menschen kämpfen gegen ein Stück Blech. Sie kämpfen gegen Nummernschilder.

Läuft man einmal quer durch die Kleinstadt mit 18 000 Einwohner:innen, vorbei an Gemeindeamt, Gemüsemarkt und Taxiständen, stösst man immer wieder auf dasselbe Plakat. «Нема предаје!» steht darauf. Zu Deutsch: Keine Kapitulation. Darunter sieht man das Nummernschild der Republik Kosovo mit der blau-goldenen Flagge. Es ist durchgestrichen.

Leposavić liegt im Nordkosovo. Es ist eine von vier Gemeinden, die mehrheitlich von Serb:innen bewohnt sind und direkt an die Republik Serbien grenzen. Serb:innen sind im mehrheitlich von Albaner:innen besiedelten Kosovo eine Minderheit. Wie viel Prozent sie stellen, ist schwer zu sagen, weil viele den letzten Zensus von 2011 boykottierten. Schätzungen gehen von rund 120 000 Menschen aus, der Grossteil lebt im Norden.

Der Norden ist ein dünn besiedelter Landstreifen: Ein alter Bergwerkkomplex aus der Zeit Jugoslawiens namens Trepca, ein türkis schimmernder Stausee zur Stromerzeugung, orthodoxe Kirchen und mittelalterliche Burgen, Wälder und stillgelegte Eisenbahnbrücken. Die Gegend wirkt abgelegen, wäre da nicht der Konflikt zwischen dem Kosovo und Serbien, der sie immer wieder ins Zentrum rückt. Im Jahr 1999 wurde der Konflikt militärisch durch die Nato beendet. Seitdem schwelt er politisch weiter.

Nirgendwo ist das so spürbar wie im Norden, der zuletzt im Juli Schlagzeilen machte, nachdem serbische Aufständische Strassenblockaden errichtet hatten. Die Krise war nach 24 Stunden gebannt, nicht zuletzt deswegen, weil nirgendwo in Europa auf einer so kleinen Fläche so viele Nato-Soldat:innen stationiert sind. Im Kosovo, einem Land in etwa so gross wie der Kanton Graubünden, befinden sich nach wie vor 4000 Soldat:innen der Friedenstruppe Kfor, davon knapp 200 aus der Schweiz. «Ich kann bestätigen, dass die serbische Armee seit 1999 nie die Grenze übertreten hat», sagt Franz Sitzwohl, ein Österreicher, der eine Einheit befehligt.

An der Grenze

Na dann: Alles gut? Administrativ gesehen nein, denn der Norden ist eine Art Staat im Staat. Leposavić und die restlichen drei Gemeinden sind nicht vollends in die Institutionen des Kosovo eingebunden. Das zeigt sich exemplarisch daran, dass die Menschen seit über zwanzig Jahren keine Stromrechnung bezahlt haben. Die Regierung in Pristina porträtiert den Norden gerne als «schwarzes Loch», in dem Schmuggelwesen und illegales Bitcoin-Mining florieren. Die einheimische Bevölkerung fühlt sich stigmatisiert und bezeichnet die gepanzerten Spezialeinheiten der kosovarischen Polizei als «Okkupator».

Tankstelle in Leposavić
«Mit meinem Auto kann ich bis in die USA fahren, aber nicht in den Süden meines Landes», sagt ein Autofahrer an der Tankstelle in Leposavić.

Wie ist es, an einem Ort zu leben, der sich seit über zwanzig Jahren im Krisenmodus befindet? Was wollen die Menschen? Und: Bemüht sich die Regierung in Pristina um ihre Integration?

Die Menschen im Norden bezahlen mit serbischen Dinaren, nicht in Euro, und der Mobilfunkbetreiber ist ein anderer als im Rest des Kosovo. Sogar Glasfaserkabel sind ein Politikum.

«Zu 99,9 Prozent war das serbische Sabotage», sagt ein kosovarischer Grenzpolizist und rührt in seinem Pappbecher mit Nescafé. Er steht hinter einem Betonwall, der die Strasse von ein paar Bürocontainern trennt. Vergangene Nacht haben Unbekannte die Leitung gekappt. Ein deutscher Kfor-Soldat mit Camouflageuniform gesellt sich dazu: «Vor einer Woche hat eine Firma aus Pristina Glasfaserkabel hierher verlegt, ohne die umliegenden Städte und Dörfer miteinzubinden. Das kam bei den Serben überhaupt nicht gut an.»

Ungeklärter Status seit 2008

Karte des Kosovo
Karte: WOZ

Die Regierung in Pristina ist für viele im Norden ein Feindbild, genauer gesagt: der seit zwanzig Monaten regierende Premier Albin Kurti. Er hat der serbischen Bevölkerung einen Deal unterbreitet: Wer bis zum 31. Oktober sein serbisches Autokennzeichen durch ein kosovarisches ersetzt, spart sich die Anmeldegebühr und die Steuer. Dagegen macht der Norden jetzt mit einer Plakatkampagne mobil. Bis dato wurde im Autostreit eine Zwischenlösung angewandt: Die Kosovo-Serb:innen klebten ihre aus der Sicht von Pristina illegalen Nummerntafeln mit weissen Stickern ab, damit die serbische Fahne nicht mehr sichtbar war. Für viele kommt das einer Demütigung gleich.

An einer Tankstelle in Leposavić hält ein roter Peugeot. «Mit meinem Auto kann ich bis in die USA fahren, wenn ich möchte», sagt der Besitzer, «aber nicht in den Süden meines Landes.» Von seinem Kleinwagen ist er schnell bei der grossen Politik angelangt. Bei der Frage, was ein Staat sei und was nicht, bei Wladimir Putin, den viele Serb:innen als ihren Schutzpatron sehen, und bei der Nato, die Serbien in den neunziger Jahren bombardiert hat. «Damals war die ganze Welt gegen uns», sagt der Mann an der Zapfsäule. «Der Kosovo wurde uns gestohlen.»

«Kurti muss etwas zurückgeben»

Im Norden gibt es de facto nur eine Partei. Sie ist eng mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić verbunden und trägt den Namen Srpska Lista (Serbische Liste). Sie gewinnt jede Lokalwahl haushoch und verfügt über das politische Monopol in sämtlichen serbischen Gemeinden. «Es ist ein bisschen wie in Nordkorea, nur mit internationalen Beobachtern», witzelt ein Student, der sich im Café Kuba in einem Ausgehviertel von Mitrovica eine Zigarette dreht. Die ethnisch zwischen Albaner:innen und Serb:innen geteilte Stadt ist das Verwaltungszentrum des Nordens.

Hier nimmt jetzt Marko Jakšić Platz, ein gross gewachsener Mann mit kurz rasiertem Haar, und bestellt ein Bier. Der 38-Jährige ist ein lautstarker Vučić-Kritiker und engagiert sich seit Jahren für die serbische Opposition im Kosovo. Sein Weggefährte Oliver Ivanović wurde 2018 auf offener Strasse vor seinem Büro erschossen. Jakšić sagt heute: «Es gibt hier null Opposition.» Er selbst bezeichnet sich als «moderat», als jemanden, der gelernt habe, wie die Albaner:innen südlich seiner Stadt dächten. «Viele hier denken, dass Serbien den gesamten Kosovo zurückerobern sollte, aber das ist doch Schwachsinn», sagt er. Aber: Das bedeutet noch lange nicht, dass Jakšić den Kosovo anerkennt. «Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, dann sage ich: aus Serbien», sagt er. Über Albin Kurti verliert er kein gutes Wort. Er geht so weit, ihn als den «neuen Milošević» zu bezeichnen, eine historisch abenteuerliche These.

 

 

Der serbische Machthaber Slobodan Milošević liess die Rechte von Albaner:innen ab Ende der achtziger Jahre systematisch beschneiden. Hunderttausende von ihnen verloren ihren Job in Fabriken und öffentlichen Ämtern (vgl. «Seit Jahrhunderten umkämpfte Grenzen»). Es war Milošević, der den albanischen Studentenanführer Kurti Ende der neunziger Jahre als politischen Häftling nach Serbien verschleppen liess. Jakšić bleibt bei seinem Vergleich. Er ist sichtlich unzufrieden mit der Situation: «Wir wollen uns selbst regieren. Pristina muss die Macht abgeben. Albin Kurti muss den Serben etwas zurückgeben, wenn er wirkliche Unabhängigkeit will.» Steuererleichterungen reichen Jakšić nicht, er hätte viel lieber einen autonomen Distrikt mit einer von Pristina unabhängigen Verwaltung. Er scrollt durch sein Smartphone und sucht ein Bild. Es zeigt die Konturen des Kosovo, aber die nördlichen Gemeinden sind aus der Karte geschnitten.

Keine Nummernschilder für Pferde

Aleksandar Arsenijević steht auf einer Waldlichtung und füttert seine Pferde mit Mais. Der Serbe mit dem rosa Hemd und den trainierten Oberarmen wurde geboren, als sich Jugoslawien im Zerfall befand. Seine Kindheit war von den Wirtschaftssanktionen und den Nato-Bomben der neunziger Jahre überschattet. Damals liebte Arsenijević Cowboyfilme und schwor sich, eines Tages mit einem Pferd über die Hügel rund um Mitrovica zu reiten. Heute ist er dreissig Jahre alt, betreibt eine Bierkneipe im Zentrum und engagiert sich in einer Bürger:inneninitiative für mehr Mitbestimmung in seiner Stadt.

Mit seinem Pferd könnte Arsenijević überall im Kosovo hinreiten. An seinen roten Volkswagen mit beigen Ledersitzen musste er erstmals ein kosovarisches Nummernschild montieren. «Ich bin nicht froh darüber, aber so ist es eben», sagt er, «Ich will mich frei im Kosovo bewegen können und Serben südlich des Flusses Ibar besuchen.» Anfang September gehörte er zu einer Handvoll Menschen in der Stadt, die Kurtis Ruf folgten.

Plakat der Kfor am Strassenrand, davor weht die serbische Flagge
Rund 4000 Kfor-Soldat:innen sind im Kosovo stationiert, darunter knapp 200 aus der Schweiz.

Von Arsenijevićs Pferdekoppel kann man auf den Ibar hinunterblicken, geografisch gesehen ein Fluss, politisch gesehen eine Grenze, die Mitrovica in zwei Welten teilt. Im Süden leben überwiegend Albaner:innen, nördlich davon Serb:innen. Eine Brücke verbindet beide Hälften miteinander, jahrzehntelang war sie ein Brennpunkt für ethnische Konflikte. Aleksandar Arsenijević ist auf den Barrikaden an der Brücke aufgewachsen und hat als kleiner Junge Steine auf Kfor-Soldaten geworfen. «In der Schule hatte ich immer eine Gasmaske und eine kugelsichere Weste dabei», behauptet er und erzählt dann lange davon, wie er in den nuller Jahren mithalf, «seinen» Norden von einem «Ansturm aus dem Süden» zu verteidigen. «Damals war es ganz normal für uns, in ständiger Angst zu leben», sagt er.

Heute hat sich in Mitrovica vieles zum Guten gewandt. An der Ibar-Brücke langweilen sich italienische Kfor-Soldaten, ein Indiz dafür, dass es schon lange keine gewalttätigen Proteste mehr gab. Aber an vermeintlich kleinen Alltagsgegenständen wie Autonummern und Ausweispapieren entzündet sich der Konflikt bis heute, weil Pristina damit seine 2008 ausgerufene Staatlichkeit festigt. Serbien hat diesen Schritt nie anerkannt, ein 2011 begonnener EU-Dialog hat Lösungen in technischen Fragen (Telefonvorwahl, Justiz- und Polizeiwesen, Regionalwahlen) gebracht, nicht aber die Statusfrage geklärt. Abseits davon kämen die Menschen aber gut miteinander klar, glaubt Arsenijević. Von seiner Pferdekoppel zeigt er auf den Hang hinunter: «Vor einem Monat brach hier ein Feuer aus, und alle Nachbarn, Serben und Albaner, sind zusammengekommen, um den Brand zu löschen.» Auf politischer Ebene ist man von einer solchen Einheit weiter entfernt denn je.

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