Antimilitarismus und Desertion : «Militärischer Ungehorsam hat immer ein staatskritisches Moment»

Nr.  42 –

Ohne Zwang zur Disziplin lasse sich kein Krieg führen, sagt der Kultursoziologe Ulrich Bröckling. Warum gehorchen Soldat:innen – und aus welchen Gründen desertieren sie?

 Illustration von 1896: Aus der Armee des Deutschen Reichs desertierte Elsässer übergeben der luxemburgischen Polizei ihre Waffen
Aus der Armee des Deutschen Reichs desertierte Elsässer übergeben der luxemburgischen Polizei ihre Waffen. Illustration von 1896. Foto: Collection Abecasis, Science Photo Library, Keystone

WOZ: Herr Bröckling, das Wort «Deserteur» klingt wie aus dem 20. Jahrhundert und ist doch wieder in aller Munde. Woher kommt der Begriff?

Ulrich Bröckling: Aus dem Lateinischen – «desere» bedeutet «verlassen». So kam er ins Französische und wurde später eingedeutscht. Interessanter als die Wortgeschichte finde ich aber die Frage, warum der Begriff Sie ans 20. Jahrhundert erinnert. Vermutlich rührt es daher, dass in den letzten Jahrzehnten viele, vor allem westliche Staaten die Wehrpflicht ausgesetzt haben. Für die hochtechnisierten Kriege der Gegenwart erscheinen Massenheere antiquiert. Die komplexen Waffensysteme erfordern professionelle Spezialist:innen, zwangsrekrutierte Wehrpflichtige sind kaum militärisch einzusetzen. Die Rekrutierungssysteme haben sich entsprechend verändert. Und Berufssoldat:innen desertieren seltener. Häufig – in Drohnenkriegen etwa – sind sie gar nicht mehr selbst physisch auf den Schlachtfeldern präsent.

«Sich an einem Krieg nicht beteiligen zu wollen, ist ein Menschenrecht.»

Der Krieg gegen die Ukraine, für den beide Seiten in grossem Umfang auch Wehrpflichtige mobilisieren, wirkt da in vieler Hinsicht wie aus der Zeit gefallen. Und es ist nicht verwunderlich, dass mit diesem Krieg auch das Thema der Desertion wieder in den Fokus gerückt ist.

Was genau ist denn Desertion, und worin unterschiedet sie sich von anderen Möglichkeiten, sich dem Militär zu entziehen?

Jede Art militärischer Organisation und Kriegführung produziert spezifische Formen des Ungehorsams oder Nichtmitmachens. Wenn man eine Typologie aufstellen will, gibt es die Militärdienstflüchtlinge, die sich dem Dienst zu entziehen versuchen, bevor sie eingezogen werden, etwa indem sie untertauchen oder das Land verlassen. Dann die Kriegsdienstverweigerer, die den Militärbehörden gegenüber erklären, dass sie aus religiösen oder politischen Gründen der Einberufung nicht folgen werden. In vielen Ländern gibt es heute dafür gesetzliche Regelungen, die einen Ersatzdienst ermöglichen. Deserteur:innen schliesslich sind Soldat:innen, die schon eingezogen sind und sich dann dem Militärdienst entziehen. Das ist in allen Staaten der Welt ein Straftatbestand. Desertion kann heissen abzuhauen, im Kriegsfall aber auch zur Gegenseite überzulaufen.

Ulrich Bröckling
Ulrich Bröckling Foto: Klaus Polkowski

Hunderttausende Männer haben seit Verkündung der Mobilmachung im September Russland verlassen, etliche schon vorher. Ist die massenhafte Flucht vor der Einberufung in die Armee eines angreifenden Staates ungewöhnlich?

Es gibt kriegerische Konstellationen, in denen Desertionen zunehmen. Wenn eine Armee unter Druck gerät und hohe Verluste erleidet, ist es wahrscheinlicher, dass Soldat:innen versuchen, sich zu entziehen – schon um ihr eigenes Leben zu retten. Wenn die nationalistische oder religiöse Mobilmachung für den Krieg ihre Wirkung verfehlt, steigen die Zahlen ebenfalls. Momentan rückt die ukrainische Armee an verschiedenen Stellen der Front vor, während die russischen Truppen sich teils überstürzt zurückziehen und hohe Verluste erleiden. Offensichtlich gibt es in der russischen Armee viele kriegsunwillige Soldaten, die vielleicht nicht fliehen, aber wenig motiviert sind zu kämpfen. Die Zahl der Militärdienstflüchtlinge, die sich gar nicht erst zu Soldaten machen lassen, ist allerdings viel höher als die der Deserteure.

Warum?

Es ist gar nicht so einfach, sich von der Truppe zu entfernen. Soldat:innen können sich ja häufig nicht frei bewegen. Sie stehen unter der Kontrolle ihrer Offiziere und ihrer dienstwilligen Kameraden, und sie haben meist keine Verkehrsmittel zur Verfügung. Der gesamte Militärapparat ist nicht nur darauf ausgerichtet, den Gegner zu besiegen, sondern auch, Desertionen zu unterbinden. In den Schlachten des 18. Jahrhunderts mit ihren langen, weit auseinandergezogenen Frontlinien standen die Offiziere mit gezogener Waffe hinter den Soldaten, um zu verhindern, dass diese sich bei der erstbesten Gelegenheit auf und davon machten.

Was wissen wir über die Motive von Deserteur:innen und die Situationen, in denen sie abhauen?

Die Motive sind höchst unterschiedlich. Die historische Forschung zeigt, dass Desertionen nur in einer Minderzahl unmittelbar politisch oder religiös motiviert sind. Sehr häufig entscheiden sich die Soldaten aus einer konkreten Situation heraus zur Flucht, beispielsweise wenn ein enger Kamerad getötet worden ist oder sie den Eindruck haben, verheizt zu werden.

Das heisst nicht, dass Soldat:innen prinzipiell kriegsunwillig sind. In den meisten Fällen erfüllt die Mehrzahl ihren Dienst. Kommt es zu traumatischen Erfahrungen oder erscheint der Sinn des Einsatzes immer fragwürdiger, kann sich das ändern. Manchmal auch schlagartig. Es ist allerdings erstaunlich, wie viele Menschen dazu gebracht werden können, als gehorsame Soldat:innen zu funktionieren.

Gab es historische Situationen, in denen mehr Soldaten desertierten als gehorchten?

Selten, ja. Bis dahin, dass sich ganze Truppen auflösten. In der Endphase des Ersten Weltkriegs beispielsweise haben Hunderttausende kriegsmüde deutsche Soldaten eigenmächtig die Schlachtfelder verlassen. Die Verhandlungen, die der Generalstab führte, wurden auch dadurch bestimmt, dass die Generäle zunehmend keine Kontrolle mehr über die Truppen hatten. Das sind historisch selten auftretende Situationen. Aber es gibt sie.

Die Debatte um Männer, die sich der russischen Armee entziehen, wird teilweise sehr erbittert geführt, und es gibt weder in der EU noch in der Schweiz eine klare Asylregelung. Warum ist das so ein kompliziertes Thema?

Letztlich beanspruchen alle Staaten für sich das Recht, ihre männlichen Bürger, inzwischen vermehrt auch ihre Bürgerinnen, zum Militärdienst einzuziehen. In welcher Weise sie das umsetzen, hängt von vielen Faktoren ab. Aber das grundsätzliche Recht darauf gehört zum Kernbestand ihrer Souveränität. Dieses Recht infrage zu stellen – etwa aus humanitären Gründen –, bedeutet zugleich eine Infragestellung von Staatlichkeit überhaupt. Insofern liegt in jedem militärischen Ungehorsam, ob politisch oder religiös motiviert, ob prinzipiell oder situativ, ein anarchistisches, staatskritisches Moment. Deshalb ist der Umgang mit Deserteuren und Verweigerern ein solch heisses Eisen. Und deshalb tun sich Staaten so schwer damit, ein Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung anzuerkennen und Deserteuren aus anderen Staaten Asyl zu gewähren.

Eignet sich der Akt der Desertion oder des Sichentziehens für Held:innengeschichten?

Pazifistische Gruppen neigen manchmal dazu, Kriegsdienstverweigerer oder Deserteure zu heroisieren. In der Tat zeigen diese ja oft grossen Mut und werden massiv verfolgt, während die offizielle Geschichtsschreibung über sie schweigt oder sie als feige Vaterlandsverräter beschimpft. Dem etwas entgegenzusetzen, ist allemal berechtigt. Gegenüber Heroisierungsversuchen bin ich allerdings generell skeptisch.

Weshalb?

Weil der Typus des Helden selbst aus der Logik des Kriegerischen stammt. Zum Heroischen gehört ein Ethos des Kampfes und der Opferbereitschaft. Wenn Kriegsgegner:innen Verweigerer und Deserteure zu Helden erklären, bleiben sie noch in der Umkehrung diesem kriegerischen Ethos verhaftet. Ausserdem verfehlen sie die oft ganz und gar unheroischen Motive. Flucht und Verweigerung sind in den meisten Fällen schlichtweg Ausdruck des Überlebenswunschs oder Nicht-mehr-aushalten-Könnens. Um Kriegsdienstverweigerer, Militärdienstflüchtlinge und Deserteure zu unterstützen – zum Beispiel mit der Gewährung von Asyl oder Hilfe bei der Flucht –, muss man sie nicht zu Helden überhöhen.

Nicht nur aus Russland fliehen Männer, sondern auch aus der Ukraine.

Mit Beginn des russischen Angriffskriegs wurde in der Ukraine ein Ausreiseverbot für Männer zwischen achtzehn und sechzig Jahren verhängt und einige Zeit später auch das gesetzlich verankerte Recht auf Kriegsdienstverweigerung ausgesetzt. Schätzungen gehen davon aus, dass seit Kriegsbeginn etwa 145 000 militärdienstpflichtige ukrainische Männer in die EU-Staaten geflüchtet sind.

Es steht ausser Frage, dass man in diesem Krieg klar definieren kann, wer der Angreifer und wer der Verteidiger ist. Aber ich würde auch hier auf der Position bestehen: Sich an einem Krieg nicht beteiligen zu wollen, ist ein Menschenrecht. Die Freiheit jedes Einzelnen, über das eigene Leben zu entscheiden, sollte höher stehen als das Verteidigungsrecht eines Staates.

Ist staatliche Souveränität und damit das Recht auf Selbstverteidigung wirklich nur mit dem Zwang der Bürger:innen dazu, im Kriegsfall das eigene Leben zu gefährden und zu töten, denkbar?

Es gab in der Moderne immer wieder Überlegungen dazu, wie Staaten beschaffen sein müssten, um ihre Bürger:innen dazu zu bringen, freiwillig zu den Waffen zu greifen und das Gemeinwesen zu verteidigen. Entsprechende Gedanken finden sich schon bei Niccolò Machiavelli und später im Zuge der Französischen Revolution, sie tauchen in den Milizkonzepten der sozialistischen Literatur ebenso auf wie im Partisanenkampf antikolonialer Befreiungsbewegungen.

In der Praxis reichte das Prinzip der Freiwilligkeit aus Überzeugung jedoch meist nicht aus, um eine schlagkräftige Truppe aufzustellen und die Kämpfer:innen bei der Fahne zu halten. Militärisch erwiesen sich Freiwilligenheere langfristig meist als den Berufs- oder den Wehrpflichtheeren unterlegen. Die Zumutungen, die der Kriegsdienst den Einzelnen abverlangt, sind zu gravierend. Ganz ohne Zwang kann das Ausmass an Disziplin, das die Kriegsmaschinerie benötigt, nicht gewährleistet werden. Jeder Krieg militarisiert die Gesellschaften, die ihn führen.

Siehe auch Artikel «Russische Deserteure: ‹In den Krieg zu ziehen, verstösst gegen all meine Prinzipien›»