Russische Deserteure : «In den Krieg zu ziehen, verstösst gegen all meine Prinzipien»

Nr.  42 –

Wladimir Putins Mobilmachung schlägt russische Männer in die Flucht. Nun haben auch in der Schweiz erstmals zwei Russen Asylgesuche gestellt, die nicht für den Kreml kämpfen wollen.

Seit Wladimir Putin seine Soldaten zwangsrekrutiert, sind Hunderttausende aus Russland geflohen. Etwa 98 000 Männer überquerten die Grenze nach Kasachstan, fast 53 000 sind bislang nach Georgien ausgereist. Nun haben auch in der Schweiz mindestens zwei Russen, die Putins Mobilmachung entkommen wollen, ein Asylgesuch gestellt.

Einer der beiden Männer heisst Wladislaw Dontschenko. Zum Militär wollte der 28-Jährige nie. «Das war definitiv nicht Teil meiner Pläne», sagt er am Telefon. Dontschenko wurde in Lwiw geboren. Seine Mutter ist Russin, der Vater Ukrainer, er wuchs in beiden Ländern auf. Mit vier Jahren zog Dontschenko mit seiner Mutter in die russische Stadt Jaroslawl, besuchte jedoch jedes Jahr während der Schulferien seinen Vater in Lwiw. Studiert hat Dontschenko in Moskau.

Der Militärdienst ist in Russland obligatorisch, leisten müssen ihn Männer zwischen 18 und 27 Jahren. Dontschenko hätte seinen Dienst mit 25 Jahren, nach Abschluss seines Studiums, antreten müssen. Er habe sich jedoch einfach nicht beim Rekrutierungsbüro gemeldet, sagt er. «Und sie suchten auch nicht nach mir. So bin ich dem Militärdienst entgangen.»

Bei Protest verhaftet und rekrutiert

Vom russischen Angriff auf die Ukraine erfuhr Dontschenko am Morgen des 24. Februar auf dem Weg zur Arbeit. Er rief seine Tante an, die in der Nähe von Kiew lebte, erfuhr, dass sie von lauten Explosionen geweckt worden war. Er sei schockiert gewesen. «Der Staat, dessen Bürger du bist, bombardiert das Land, in dem viele deiner Verwandten leben.»

Dontschenko will sich nicht als aktiv in der russischen Oppositionsbewegung bezeichnen, doch am Abend des Überfalls auf die Ukraine nahm er an einer Antikriegskundgebung teil. Auf die Strasse gegangen war er auch 2020 – nach dem Giftanschlag auf den russischen Oppositionellen Alexei Nawalny. Bei der Kundgebung am 24. Februar begegnete Dontschenko weit mehr Polizist:innen mit Schlagstöcken als Demonstrant:innen. Dennoch demonstrierte er in den folgenden Wochen drei weitere Male gegen Putins Angriffskrieg.

Wladislaw Dontschenkos eigener Vater ist Reservist – der ukrainischen Armee.

Am Morgen des 21. September – dem Tag, an dem der russische Präsident seine «Teilmobilisierung» ankündigte – nahmen Polizist:innen in Moskaus zentralem Saryadye-Park Dutzende Demonstrant:innen fest. Dontschenko wollte helfen, er fuhr auf die Polizeiwache im Bezirk Tschertanowo und brachte den Verhafteten Lebensmittel. «Dort erfuhr ich, dass den Demonstranten Bescheide ausgestellt wurden, die sie aufforderten, sich beim Rekrutierungsbüro zu melden.»

Das ist der Zeitpunkt, zu dem Dontschenko beschliesst zu fliehen. «In den Krieg zu ziehen und mich dem Bösen anzuschliessen, war für mich keine Option, das verstösst gegen all meine Prinzipien.» In Russland aber ist das Gefängnis die einzige Alternative für Dienstverweigerer. «Und dort sind Demütigung und die Verletzung von Menschenrechten an der Tagesordnung.»

Hätte sich Dontschenko zwangsmobilisieren lassen, wäre er womöglich gezwungen gewesen, die Waffe gegen seinen ukrainischen Vater zu erheben: Im Jahr 2014 war dieser an Kampfhandlungen gegen die russische Okkupation im Donbas beteiligt, bevor er wegen Diabetes vom Dienst suspendiert wurde. Doch nun, während des Kriegs, könnte auch er als Reservist jederzeit wieder mobilisiert werden.

Wladislaw Dontschenkos Schwester lebt seit sechs Jahren in der Schweiz. Er konnte deshalb mit einem Familienvisum ins Land reisen. Am 27. September flog er zunächst nach Helsinki und von dort weiter nach Zürich. Beim Migrationsamt des Kantons beantragte er schliesslich Asyl – und er traf auf einen Landsmann, der wegen der Mobilisierung in Russland ebenfalls versucht, in der Schweiz Schutz zu finden.

«Ich liebe mein Land, aber …»

Iwan will seinen Nachnamen nicht preisgeben, weil er um die Sicherheit seiner in Russland zurückgebliebenen Angehörigen fürchtet. Er wurde in Moskau geboren, wo er ein Studium abgeschlossen hat, wie er am Telefon erzählt. Die vergangenen Jahre hat der junge Mann jedoch in der Schweiz verbracht, wo er eine Zusatzausbildung absolvierte.

Nachdem Iwan im Sommer 2022 sein Diplom erhalten hatte, reiste er nach Moskau, um seine Verwandten zu besuchen. Die Schweizer Behörden verlängerten während seiner Abwesenheit sein Visum nicht mehr. Ausgerechnet am 21. September, dem Tag der Mobilmachung in Russland, flog Iwan jedoch noch einmal in die Schweiz, um seine Sachen zu holen. «Meine Freunde riefen mich an und sagten mir: ‹Du hast grosses Glück.› Sie rieten mir, nicht zurückzukommen, weil es sich in Tat und Wahrheit nicht um eine Teilmobilisierung handle, sondern um eine Vollmobilisierung», erzählt er.

Am 29. September lief Iwans Visum für die Schweiz ab. Ihm sei klar gewesen, sagt er, dass er bei einer Rückkehr nach Russland direkt in den Krieg in der Ukraine geschickt werden könnte, an dem er auf keinen Fall teilnehmen wolle. Deshalb beantragte er beim Migrationsamt des Kantons Zürich Asyl. «Ich liebe mein Land und seine Kultur», sagt Iwan. «Aber Putins Entscheidung zur Teilmobilisierung ist abscheulich.» Beim Migrationsamt habe er angegeben, dass er hier eine Ausbildung absolviert habe und eine Arbeit finden wolle. «In der Schweiz fühle ich mich sicher. Und die aktuelle Situation in der Ukraine lässt leider befürchten, dass der Krieg nicht so schnell enden wird.»

Wladislaw Dontschenko und Iwan seien seines Wissens die ersten Russen, die nach der Mobilmachung in ihrer Heimat in der Schweiz Asyl beantragt hätten, sagt der auf Asylrecht spezialisierte Jurist Vadim Drozdov. Die erste Frage, die das Staatssekretariat für Migration nun beantworten müsse, sei, ob es sich für die Asylanträge zuständig sehe. Drozdov verweist auf Artikel 12 der Dublin-III-Verordnung: Gemäss diesem ist der Staat, der ein Visum oder einen Aufenthaltstitel ausstellt, auch für den Antrag auf Asyl zuständig. Beide jungen Männer erhielten ihr Schengen-Visum in der Schweiz.

Tritt das Staatssekretariat für Migration auf die Gesuche ein, müssen diese individuell beurteilt werden. Zwar gilt Desertion in der Schweiz nicht per se als Asylgrund. Drozdov verweist jedoch auf die Europäische Menschenrechtskonvention, die vor einer Wegweisung in ein Land schützt, in dem ihnen Folter oder eine anderweitig grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung droht. «Die Bedingungen des Militärdienstes in der Russischen Föderation können unter den aktuellen Umständen als grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung gewertet werden», sagt Drozdov. «Ausserdem müssten Asylsuchende bei einer Rückkehr möglicherweise kriminelle Befehle ausführen und Kriegsverbrechen begehen – auch dieser Umstand wirft die Frage nach der Zulässigkeit einer Wegweisung auf.»

Siehe auch Interview «Antimilitarismus und Desertion: ‹Militärischer Ungehorsam hat immer ein staatskritisches Moment›»