Auf allen Kanälen: Was SRF für wichtig hält

Nr. 43 –

Eine Studie zeigt: Die Berichterstattung der «Tagesschau» ist erschreckend einseitig – zumindest, wenn es um den Globalen Süden geht.

stilisierte Abbildung eines Globus

Die «Tagesschau» hatte im Jahr 2022 einen Marktanteil von über fünfzig Prozent, für viele ist sie wesentlicher Teil der täglichen medialen Grundversorgung: Was im Fernsehen in den Nachrichten läuft, ist so etwas wie das Minimum dessen, was man wissen muss, um mitreden zu können. Deswegen hat es Gewicht, was die SRF-Journalist:innen zum Thema machen und was umgekehrt als (vermeintlich) zu wenig brisant für die Hauptnachrichten aussortiert wird.

Nun lässt eine Studie aufhorchen. Dieser zufolge widmete die «Tagesschau» 2022 etwa der Ohrfeige, die der Hollywoodstar Will Smith seinem Schauspielkollegen Chris Rock bei der Oscar-Verleihung verpasst hatte, einen 180 Sekunden langen Beitrag. Anschliessend folgte noch ein 145 Sekunden langer Bericht über die Preisverleihung selbst. Demgegenüber thematisierte die «Tagesschau» nur 150 Sekunden lang den Krieg in Tigray – wohlgemerkt über das ganze Jahr gerechnet. Und das, obwohl der Konflikt im Norden Äthiopiens einer der verheerendsten Kriege der vergangenen Jahrzehnte ist.

«Tagesschau» und «Club» im Fokus

Dieses Missverhältnis hat System, wie Ladislaus Ludescher von der Goethe-Universität Frankfurt in der von ihm verfassten Studie nachweist. Der Germanist und Historiker sieht wegen der «medialen Blindheit für Themen des Globalen Südens» die «Ausgewogenheit der Berichterstattung in Gefahr», wie er schreibt. Ludeschers Studie trägt den auf den Claim der SRF-Sendung anspielenden Titel: «‹Das Wichtigste des Tages› ohne den Globalen Süden?» Untersucht wurden dabei die 365 Ausgaben der «Tagesschau» im Jahr 2022 sowie ergänzend die 42 Sendung der SRF-Talkshow «Club» im selben Zeitraum.

Dominierendes Thema damals war – wenig überraschend – der Krieg gegen die Ukraine und dessen Folgen (in den beiden Jahren zuvor war es noch die Pandemie gewesen). 2022 gab es aber auch anderswo Kriege und Desaster – neben dem Konflikt in Tigray etwa den im Jemen oder auch die Flutkatastrophe in Pakistan –, was sich in den untersuchten Berichten kaum niederschlug. Nur 10,5 Prozent von diesen nahmen den Globalen Süden in den Blick, wo immerhin 85 Prozent der Weltbevölkerung leben, während 42 Prozent Themen aus der Schweiz sowie 47,5 Prozent solche aus dem übrigen Globalen Norden verhandelten.

Dieser eurozentristische Fokus ist keine Schweizer Besonderheit, sondern genauso auch für andere deutschsprachige öffentlich-rechtliche Medien zu verzeichnen. Ludescher hatte in den vergangenen Jahren auch die Berichterstattung der deutschen «Tagesschau» und der ORF-Nachrichtensendung «Zeit im Bild» ausgewertet: Beiträge über den Globalen Süden sind dort in ähnlichem Mass unterrepräsentiert.

Wer Themen setzt

Wie erklärt sich dieses Missverhältnis? Auf Nachfrage meint Ludescher, dass eine Ursache in der geringeren «journalistischen Dichte» im Globalen Süden zu suchen sei: Die ARD habe beispielsweise zwei Fernsehkorrespondent:innen in Nairobi, die für die Berichterstattung über mehr als dreissig Länder mit 870 Millionen Einwohner:innen verantwortlich seien, während ihre beiden Kolleg:innen in Prag nur für zwei Staaten zuständig seien. Zudem spiele der «Mediendiskurszirkel» eine wichtige Rolle. «Medien schauen immer auch darauf, was andere Medien zum Thema machen», sagt Ludescher: «Das wirkt diskursstabilisierend auf konventionelle Themen und macht es einzelnen Redaktionen schwerer, auszuscheren und eben eine Geschichte aus dem Globalen Süden gross zu bringen.»

SRF-Nachrichtenchef Gregor Meier räumte auf die Frage von persoenlich.com – das Portal hatte zuerst über die Studie berichtet –, zwar ein, dass der Grossteil der «Tagesschau»-Berichte den Globalen Norden betreffe. Zugleich erklärte er dies damit, dass die Schweiz nun mal in dieser Weltregion liege – genauso wie die massgeblichen Grossmächte.

Studienautor Ludescher kann das grössere Interesse an geografisch oder kulturell näherstehenden Regionen ein Stück weit nachvollziehen. Ihm gehe es auch nicht um «Journalistenbashing». Er sagt aber auch: «Wenn man sich die Zahlen anschaut und dann feststellt, dass über einen Krieg wie den in Tigray mit über einer halben Million Toten kaum berichtet wird, dann lässt sich das nicht schönreden. Wir dürfen Menschlichkeit nicht vom geografischen Hintergrund abhängig machen.»